FOTO: ANDREAS HORNOFF.

KETTCAR – Scheine in den Graben (Lyric Video)

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Es ist gerade mal erst ein paar wenige Tage bekannt, dass KETTCAR – durchaus ein bisschen überraschend – schon am 15. März digital (und ab 17. Mai als farbiges Vinyl) eine neue EP namens „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)“ veröffentlichen und damit ihrem letzten Album „Ich vs. Wir“ noch einen Nachschlag spendieren werden. Die aktuelle Single „Palo Alto“ nebst Video war noch nicht mal ansatzweise verklungen, da kam schon am Freitag Nachschub in Form des Songs „Scheine in den Graben“. Typisch Kettcar, wird hier das Augenmerk auf weit verbreitetes Phänomen gelenkt: Tu Gutes und sprich darüber. Um dem Song zusätzlich besondere Würze zu verleihen, baten die Hamburger diverse Gastmusiker um einen Beitrag zu diesem Song, so unter anderem Bela B. von den Ärzten, Jen Bender von Grossstadtgeflüster, Felix Brummer von Kraftklub oder Gisbert zu Knyphausen. Mehr erklärt Euch die amtliche Pressemitteilung:

‚Scheine in den Graben‘ verhandelt das Thema Menschlichkeit und humanitäre Hilfe mit Blick auf Charity-Events und das illustre Personal, das sich dort tummelt: Reich an Aktien, reich an Barmherzigkeit. „Tue Gutes und rede darüber“ ist in diesem Zusammenhang ein gern benutzter Slogan – der von Kettcar natürlich hinterfragt wird.

Darf man sich gut und erhaben fühlen und sich selbst dafür feiern, dass man Wohltaten vollbringt? Und was ist davon zu halten, wenn das Ganze zu einem neokapitalistischen Nullsummenspiel verkommt, bei dem die Perlenohrring-Lady aus Blankenese mit großer Geste die Not zu lindern versucht, die ihr Mann mit seinem globalen Finanzdienstleistungsunternehmen mitverursacht hat? Moderner Ablasshandel, anyone?

Wobei natürlich die Frage bleibt, ob es die Menschen im Norden Ruandas wirklich kümmert, ob das Geld für ihren neuen Brunnen von Ute Ohoven besorgt wurde oder von einer Menge anonymer Spender ohne Kamerabegleitung. Da ist er wieder, dieser süße Duft, dem Kettcar in diesem Song nicht alleine nachspüren, sondern mit Verstärkung. Im Hintergrund schreit David von Fjort, die dritte Strophe singt Schorsch Kamerun, und am Ende geben sich beim Refrain Jen von Großstadtgeflüster, Jörkk von Love A, Sookee, Bela B, Felix von Kraftklub, Neonschwarz, Gisbert zu Knyphausen und Safi die Zeilen in die Hand.

Eine Runde, die unterschiedlicher kaum sein könnte und die genau deshalb hier versammelt wurde: Rockstars, die Rock am Ring headlinen, genauso wie Insidertipps, deren beliebtester Song auf Spotify keine 10.000 mal gehört wurde. Melancholische Singer/Songwriter genauso wie postmoderne Hardcore-Visionäre. Groove und Rock. Major und DIY. Hip Hop und Punk. Theaterbühne und Jugendzentrum. Der gemeinsame Nenner all dieser Künstlerinnen und Künstler ist die Position zum System und seinen Auswüchsen: Für die Schwachen, gegen die Ungerechtigkeiten, und sich bitte auch mal selbst hinterfragen. Musikalisch und inhaltlich mag zwischen diesen Gästen die eine oder andere Welt liegen, am Ende kommen aber doch alle aus einer Irgendwie-links-Position, die mehr vereint als trennt. Zumindest wenn Kettcar anrufen.

Denn tatsächlich kann man sich keine andere deutsche Band vorstellen, die es schafft, einen Song mit einem solch breiten Spektrum an künstlerischen Positionen zu veröffentlichen, bei dem am Ende aber dennoch alle an einem Strang ziehen.

– Ingo Neumayer


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