Foto: Haze Alieu Yama / Sony Music

HURTS – Surrender

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Es hat Theo Hutchcraft und Adam Anderson nur zwei Alben, diverse Singles und einige Tourneen gekostet, ihre Band HURTS als feste Größe am Synthie-Pop-Himmel zu etablieren. Theos eindringliche Stimme in Kombination mit ihrer dunkel angehauchten Synthie-Mucke und ihrem stylischen Auftreten traf den Nerv vieler Musikliebhaber. Daher überrascht es auch nicht, dass die Verzückung groß war, als sich das neue Album „Surrender“ am Horizont abzeichnete. Diese Verzückung wich jedoch mancherorts rasch einer Verwunderung, wenn nicht gar Verunsicherung, nachdem das Duo im Vorfeld bereits einige Songs vorgestellt hatte. Was ist denn da passiert? – Nur eine dieser Fragen, die in so manchem Kopf aufploppten. Schauen wir mal, ob wir diese Frage beantwortet bekommen.

Stein des Anstoßes war „Some Kind Of Heaven“, jener Song, den die Briten am 28. Mai 2015 als ersten Vorboten ins Rennen schickten. So mancher rieb sich überrascht die Ohren. Hurts machen jetzt gute-Laune-Electropop, den man ganz wunderbar an irgendwelche Partystrände verfrachten kann, ohne dass er da irgendwie störend auffallen würde? Aus dem Hurts-Lager ist von einem lachenden Theo diesbezüglich folgendes zu vernehmen: „Der Song ist wie der Startschuss zu Beginn eines Rennens. Wir sind gerne ein bewegliches Ziel. Er fühlte sich wie ein Song an, bei dem die Leute denken: ‚Was ist das denn?!’“. Ja richtig, genau. Besser hätte man es nicht umschreiben können. Das Problem an der Sache: „Some Kind Of Heaven“ zeigt die Richtung des neuen Albums deutlicher auf, als man es vielleicht ahnen kann. Oder will. „Surrender“ entstand in Montreux, in Ibiza, in L.A. und in New York. Und so klingt es auch. Wie ein Kessel Buntes. Wieder ist es Theo, der erklärt, warum „Surrender“ so ungewohnt fröhlich, so unvermutet nach Eurodance tönt: „Diese neuen Gesichter und Orte … Sie halfen uns dabei, die Idee von ‚Surrender’ zusammenzubringen. Es waren Städte unter großem, blauem Himmel. Nicht Manchester im Regen. Wir hatten Spaß. Und die Musik kam so, wie sie eben war“. Wenn man sich überdies vor Augen hält, dass das Album nicht nur von ihrem langjährigen Begleiter Jonas Quant produziert wurde, sondern auch von Stuart Price (u.a. The Killers und Madonna) und Ariel Rechtshaid (Haim, Vampire Weekend), dann wird einem eines klar. Zeitgenössischer Pop ist das neue Album, das sich bequem zwischen den aktuellen Chartspitzenreitern positionieren wird. Es klingt, als sei mit aller Macht die einstmals so angenehme, dunkle Seite der Hurts verdrängt worden, um endlich – endlich! – mal ein Nummer-Eins-Album in der Vita haben zu können. Die beiden Vorgänger brachten es ja „nur“ auf Platz 2.

Haze Alieu Yama / Sony Music
Foto: Haze Alieu Yama / Sony Music

Dabei sind die dunklen Themen nach wie vor Bestandteil des Tuns von Hurts. Das zeigt schon alleine der Albumstitel auf, der je nach Standpunkt Hingabe oder Ergebung bedeutend kann und über den Adam Anderson zu Protokoll gibt: „Für mich ist es ein ergreifendes Wort“, um dann von Theo Hutchcraft ergänzt zu werden: „Damit ist Freiheit und ein gewisses Loslassen verbunden. Aber es gibt auch eine dunklere Seite. Wir können einfach nicht anders, als uns dem mit Hurts zu widmen. „Surrender“ ist ein bisschen von beidem und als wir wussten, dass es diese Art von Album ist, das wir machen wollen, passte das Wort perfekt zur Stimmung“.

Schön, schön. Zu hören ist davon nur über weite Strecken nicht viel. Es nützt ja nichts, wenn sich Hurts in ein einsames Haus in den Hügeln Hollywoods einquartieren, wo eines Morgens der Polizeihubschrauber kreist weil ein Nachbar erst seine Frau und dann einen Polizisten erschossen hatte und diese Erfahrungen Einfluss auf das Songwriting hat, wenn sich das in den Melodien, in den Harmonien nicht bemerkbar macht. Sie schießen den Vogel des einlullenden, belanglosen Gute-Laune-Pops mit Stücken wie „Why“ oder dem Rummelplatz-Knaller „Nothing Will Be Bigger Than Us“ ab. David Guetta und Kollegen hätten ihre helle Freude daran. Ernsthaft, Hurts, ist euer musikalischer Anspruch (wieder) so tief gesunken? Man hätte ja bis jetzt glatt denken können, die Daggers-Phase sei überstanden. Da haben wir uns offensichtlich vertan. Eurodance (oder Dancefloor, wie man damals sagte) aus den 1990ern war im Vergleich dazu nicht wesentlich schlechter. Ein bisschen entsetzt frage ich mich bei solchen Songs, wo die Band geblieben ist, die ein Meisterstück wie „Wonderful Life“ geschaffen, ein großartiges Album wie „Exile“ geliefert hat? Und die, scheinbar nicht ohne Grund, ihre musikalische Vergangenheit bis dato tapfer totgeschwiegen hat.

Fairerweise muss gesagt werden, dass nicht alles schlecht ist auf diesem neuen Album. Das bereits bekannte „Rolling Stone“ zum Beispiel ist inhaltlich und akustisch ein schönes Beispiel dafür, dass den Hurts die dunklen Stücke eigentlich viel besser zu Gesicht stehen. Ziemlich fetzig auch das ebenfalls bereits bekannte „Lights“, das mit ziemlich entspannten 70er-Jahre-Groove daherkommt und bei dem die Arbeiten von Prince Pate gestanden haben sollen. Man kann sich also durchaus musikalisch weiterbewegen, ohne den einst eingeschlagenen Pfad zu sehr zu verlassen. Warum sich Hurts dennoch eins um andere Mal auf diesem Album solche Patzer erlauben, ist mir schlicht schleierhaft. An der zusätzlichen Inspiration durch das Werk New Orders kann es eigentlich nicht gelegen haben. Hurts dazu: „Es ist schwer, New Order nicht zu nennen. Die Art, wie sie Dance benutzt haben, hat eine eigene Welt erschaffen, die einfach unglaublich war. Sie machten sich Groove auf eine sehr coole Weise zunutze und das ist etwas, das wir auf dieser Platte einführen wollten“. Wäre der Einfluss deutlich hörbarer, es hätte dem Album sicher nicht geschadet.

Im vorletzten Song, „Wings“, einem vor lauter Kitsch und Pathos nur schwer erträglichen Stück, bei dem der Gospel-Backgroundchor noch nicht die Spitze des Eisberges ist, besingen Hurts das Fazit eigentlich selbst schon ganz treffend mit lang gezogenen Oh-Ohs…Die Vermutung liegt nahe, dass dem Duo Hurts mit dem neuen Album „Surrender“ der Sprung an die Spitze der Charts dieses Mal gelingen wird. Zehn Songs (neun, zieht man das namengebende Intro ab) voll mit zeitgenössischem, fluffigen Tanzbarkeits-Pop. Kann man hören, tut nicht weh, meisterlich produziert und auch ganz schnell wieder vergessen. Für eine Band aber, die mit einem Album wie „Happiness“ an den Start gegangen ist und mit „Exile“ ihren Ruf gefestigt hat, eine ziemlich bittere Enttäuschung. „Exile“, so heißt, sei ein Abbild von Hurts zur damaligen Zeit gewesen. „Wir waren die letzten drei Jahre bevor wir ‚Exile’ machten auf Tour“, erklärt Adam, „also es war klar, dass wir nur ein schweres, aggressives Album machen konnten. Auf Tour zu sein war unglaublich intensiv geworden und wir hatten es zu lange durchgezogen“. „Surrender“ sei deshalb nun so gut gelaunt, weil es dem Duo aktuell ganz ausgezeichnet gehe. Das sei ihnen gegönnt, gar keine Frage. Hurts sagen: „Wir könnten das zweite Album noch einmal schreiben, ja, aber dann würden uns selbst und die Fans belügen“. Ja, aber? Ja, aber: Einmal mehr muss ich an das Buch „Vincent“ von Joey Goebel denken. Dort wird die These aufgestellt, dass die größte Kunst immer dann entsteht, wenn es dem Kunstschaffenden aus diesem oder jenem Grund nie so richtig gut geht. Hurts untermauern mit „Surrender“ diese Vermutung. Die anfängliche Frage, was passiert ist, dürfte geklärt sein. Es liegt nun an Euch, ob Ihr Euch damit anfreunden könnt.


Puh. Als Hurts-Hörer der ersten Stunde muss man bei „Surrender“ womöglich ganz schön tapfer sein. Von dem eleganten, manchmal so angenehm dunklen, melancholischen Synthie-Pop ist nicht sonderlich viel geblieben. Ein ums andere Mal fühlte ich mich eher an eine beliebige Eurodance-Platte erinnert als an ein Album des Duos aus Manchester. Wäre da nicht Theo Hutchcrafts nach wie vor unverwechselbare Stimme – ich hätte das Album schon nach dem ersten Durchgang ins Regal gestellt und dem Vergessen überantwortet. Einsortiert unter „langweilig, beliebig, enttäuschend“. Ich weiß noch nicht so genau, was mich an dem dritten Album der Hurts am meisten enttäuscht: dass es nur wenige Highlights gibt? Dass es eher nach Partystränden von Malle oder Ibiza klingt als nach gewohnter, synth-poppiger Arbeiterklasse aus Manchester? Dass der Platte scheinbar die Sonne aus dem Hintern strahlt und zwar so sehr, dass es schon blendet? Oder dass sich Hurts von meinem Radar verabschieden, wenn sie diesen Weg fortsetzen? In einem Musikjahr wie diesem, dem es an Perlen wirklich nicht mangelt, sticht dieses Album heraus. Als Musterbeispiel großer Erwartungen und noch größerer Enttäuschungen.


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Puh. Als Hurts-Hörer der ersten Stunde muss man bei „Surrender“ womöglich ganz schön tapfer sein. Von dem eleganten, manchmal so angenehm dunklen, melancholischen Synthie-Pop ist nicht sonderlich viel geblieben. Ein ums andere Mal fühlte ich mich eher an eine beliebige Eurodance-Platte erinnert als an ein Album des Duos aus Manchester. Wäre da nicht Theo Hutchcrafts nach wie vor unverwechselbare Stimme - ich hätte das Album schon nach dem ersten Durchgang ins Regal gestellt und dem Vergessen überantwortet. Einsortiert unter „langweilig, beliebig, enttäuschend“. Ich weiß noch nicht so genau, was mich an dem dritten Album der Hurts am meisten enttäuscht: dass es nur wenige Highlights gibt? Dass es eher nach Partystränden von Malle oder Ibiza klingt als nach gewohnter, synth-poppiger Arbeiterklasse aus Manchester? Dass der Platte scheinbar die Sonne aus dem Hintern strahlt und zwar so sehr, dass es schon blendet? Oder dass sich Hurts von meinem Radar verabschieden, wenn sie diesen Weg fortsetzen? In einem Musikjahr wie diesem, dem es an Perlen wirklich nicht mangelt, sticht dieses Album heraus. Als Musterbeispiel großer Erwartungen und noch größerer Enttäuschungen.
INHALT / KONZEPT.5
TEXTE.5
GESANG.8
PRODUKTION.3
UMFANG.7.5
GESAMTEINDRUCK.4
LESERWERTUNG.0 Votes0
POSITIV.
Theos Stimme
NEGATIV.
Furchtbarer, langweiliger Pop ohne Anspruch
Keine Spur mehr von der Düsterkeit früherer Tage
Klingt mehr nach Ballermann als nach Hurts
5.4
TOTAL.

NEUE KOMMENTARE.

  • Die Verlosung ist beendet, die Gewinner wurden per Mail benachrichtig...
    Roman Jasiek
  • Rückblickend betrachtet hat mir das Museum irgendwie besser gefallen als...
    Roman Jasiek
  • Die Kollegen bei Electrozombies haben auch eine schöne Review zu...
    Roman Jasiek
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