JARVIS COCKER & CHILLY GONZALES - Room 29
Foto: Alexandre Isard / Deutsche Grammophon

JARVIS COCKER & CHILLY GONZALES – Room 29

Mal kurz eine Frage in den Raum geworfen: habt Ihr schon mal in einem Hotelzimmer übernachtet? Nicht in einem dieser modernen Hotels, die gerade erst hochgezogen wurden, sondern idealerweise in einem älteren Gemäuer, wo vielleicht schon die äußere Fassade die ein oder andere Geschichte erzählt? Falls ja: habt Ihr Euch dann auch schon mal die Frage gestellt, was in den Jahren zuvor in diesem Hotel oder speziell in dem Raum, in dem Ihr residiert habt, vorgefallen sein mag? Wer die früheren Gäste gewesen sein und was sie in diesem Zimmer veranstaltet haben mögen? Und kann es nicht sein, dass ein Teil von uns stets zurückbleibt, wenn wir einen Ort verlassen? Selbst wenn dieser Teil nur ein olles Hotelzimmer ist? Solltet Ihr diese oder ähnliche Gedankengänge schon einmal im Kopf durchgespielt haben, dann folgt Ihr damit den Überlegungen von JARVIS COCKER & CHILLY GONZALES. Sie haben diese Gedankenspiele in ein Album verpackt, es „Room 29“ getauft und dieses an ausgewählten Terminen live performt. Ihr könnt Euch für Konzeptalben begeistern? Dann hereinspaziert und herzlich willkommen im Room 29.

Um das vorweg mal zu erklären: dieses besagte Zimmer 29, das als Ausgangspunkt für das vorliegende Album von Cocker und Gonzales dient, gibt es wirklich. Es befindet sich im Chateau Marmont Hotel, welches 1929 am Sunset Boulevard in Hollywood, Los Angeles, errichtet wurde. Als architektonisches Vorbild diente das Schloss Amboise, welches im französischen Loiretal herumsteht. Dieses Chateau Marmont ist ein Haus mit Geschichte. Oh und was für einer! Immer schon war der Bau mit der Unterhaltungsindustrie, speziell der Filmbranche, verbunden. So soll beispielsweise James Dean anno dazumal durch ein Fenster gesprungen sein, um für seine Rolle in „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ vorzusprechen. Schauspieler John Belushi starb in Bungalow 3 des Hotels an einer Überdosis eines Heroin-Kokain-Cocktails. The Doors-Frontmann Jim Morrison fiel vom Dach eines zweigeschossigen Bungalows, Led Zeppelin ratterten mit Motorrädern durch die Lobby und Britney Spears und Lindsay Lohan erhielten Hausverbot. Dies nur als ein paar Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit des Hauses. Ihr merkt schon: da geht offensichtlich regelmäßig die Post ab. Kein Wunder, dass Harry Cohn, der Gründer von Columbia Pictures, 1939 gesagt haben soll: „Wenn du Ärger haben willst, dann am besten im Chateau Marmont„.

JARVIS COCKER & CHILLY GONZALES - Room 29
Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Die jüngere Vergangenheit jedoch interessiert Jarvis Cocker und Chilly Gonzales auf ihrem Liederzyklus überhaupt nicht. Auch nicht das Hotel als ganzes, sondern nur ein spezielles Zimmer – Room 29 eben. Jarvis Cocker residierte im Jahre 2012 während einer Tour in diesem Hotelzimmer und war von der Atmosphäre des Hauses sowie des Room 29 allgemein und dem Stutzflügel, der darin herumsteht, im besonderen so angetan und kreativ inspiriert, dass ganz schnell die Idee geboren war, sich näher mit diesem Zimmer und seinen früheren Gästen zu beschäftigen. Schaut man sich mal an, wer alles im Chateau Marmomt wohnte, überrascht es nicht, dass auch Room 29 den ein oder anderen illustren Gast beherbergte. So war beispielsweise Mark Twains Tochter Clara Bewohnerin dieses Zimmers, genauso wie auch der Gangsterboss Meyer „Mickey“ Cohen. Die Frage, die sich Cocker stellte, war: was hat eigentlich dieses Klavier alles gesehen – und was würde es wohl berichten, wenn es uns seine Geschichte(n) erzählen könnte? In einem Zeitraum von drei Jahren gingen Cocker und sein musikalischer Partner Chilly Gonzales dieser Frage nach. Sie beschäftigten sich eingehend mit den Leuten, die dieses Zimmer bewohnten und schufen um ihre Biografien herum diesen Liederzyklus, der nun als „Room 29“ erhältlich ist. Doch nicht nur das war ihr Anliegen. Weiterhin wollten sie die Einsamkeit erfahrbar machen, die einem Hotelzimmer innewohnen kann. Und, nicht zuletzt der Nähe des Hotels zur Filmindustrie Hollywoods wegen, wollten sie aufzeigen, wie bewegte Bilder – Filme – Menschen auf nicht unbedingt begreifbare Weise bewegen können. Ein Sinnbild sollte es werden für einen Ort, den jeder Mensch in sich trägt und der allerlei Wünsche und Fantasien beheimatet.

Wie aber verpackt man ein derartiges Unterfangen am besten musikalisch? Wie beschwört man die Geister der Vergangenheit? Nun, man könnte irgendwas lautes, bombastisches daraus machen. Eine schallende Rock-Oper beispielsweise. Eventuell könnte man sich auch an Musicals orientieren und die ganze Kiste theatralisch aufziehen. Cocker und Gonzales hingegen entschieden sich für eine gänzlich andere Herangehensweise: stille Kammermusik. Im besten Sinne. Der kanadische Klaviervirtuose Gonzales liefert über weite Strecken die sanfte, sehr zurückhaltende Untermalung der Texte, die Cocker mit seiner dunklen und warmen Stimme, noch dazu im vornehmsten britischen Englisch vorträgt. Manchmal gesprochen, manchmal gesungen. Im weiteren Verlaufe des Albums gesellen sich noch die Streicher des Kaiser Quartetts hinzu – fertig ist der musikalische Rahmen. Will sagen: „Room 29“ ist ein sehr ruhiges, aber unheimlich stimmungsvolles Album geworden, das es seinen Hörern sehr leicht macht, in die Vergangenheit zu reisen und die Geschehnisse von damals nachzuerleben – so sie sich denn bewusst darauf einlassen. Als Hintergrundbeschallung taugt „Room 29“ nicht. Dafür ist es aber auch viel zu schade.

JARVIS COCKER & CHILLY GONZALES - Room 29
Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Begleitet wird die Veröffentlichung des Albums von ein paar wenigen, auswählten Shows. Der Performance in der Berliner Volksbühne, die am 27. März 2017 stattgefunden hat, konnte ich beiwohnen. Wie sich herausstellen sollte, entwickelte sich dieser Abend zu einem Erlebnis höchster Güte. Witzig, unterhaltsam, fesselnd und mitreissend. Und auch live brauchen Cocker und Gonzales nicht viel Tamtam auf der Bühne, um große Wirkung zu erzielen. Das Bühnenbild bestand aus einem Klavier, an dem Gonzales sein Können famos unter Beweis stellte, zwei Tischchen mit alten Wählscheibentelefonen und einem Bett. Ganz klar, das sollte den Room 29 darstellen. Immer wieder wurden während der Show Videos eingespielt. Entweder alte Filmaufnahmen oder aber neu gedrehte Clips, in denen Cocker als Gast des Hotels zu sehen war – als er selbst oder alternativ als einer der Gäste, die dort residierten. Zwischen den Songs gaben Cocker und Gonzales stets Anekdoten zum Besten. Entweder basierend auf eigenen Erfahrungen oder mit dem realen Hintergrund der früheren Bewohner des besagten Hotelzimmers.

Ein Beispiel: Das Stück „Howard Hughes under the Microscope“ widmet sich dem amerikanischen Filmproduzenten und Luftfahrtpionier, dessen Leben in „Aviator“ mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle verfilmt wurde. Im Vorfeld der Darbietung des Stückes holte Cocker eine junge Dame aus dem Publikum auf die Bühne – nachdem er zuvor mit einer Videokamera über das Publikum schwenkte und sich dieses selbst auf der großen Videoleinwand beobachten konnte. Witzig zu sehen, wie so mancher Gast schnell auf den Sitznachbarn zeigte, wenn die Kamera für eine Weile auf einer bestimmten Gesicht verharrte. Cockers Anliegen war es zu zeigen, dass jeder von uns das Zeug zum Star hat. Dem Titel des Stückes entsprechend hatte die Auserkorene also die Aufgabe, in einem roten Morgenmantel ein Mikroskop über die Bühne zu tragen und dabei so zu tun, als würde sie den gefährlichsten Virus der Welt transportieren. Für meinen Geschmack wirkte die Dame ein bisschen zu sicher bei dem was sie dort tat, so dass ich nicht ganz glauben mag, dass die Wahl wirklich zufällig erfolgte. Dennoch: ein unterhaltsamer Moment war das dennoch.

Anderes Beispiel: „Bombshell„. Dieses Stück befasst sich mit der amerikanischen Schauspielerin Jean Harlow, die nur 26 Jahre alt wurde und heute als der Prototyp der blonden Sexbombe gilt, und ihrer Ehe mit Paul Bern. Nur zwei Monate nach Eheschließung beging Bern Selbstmord. Über sein Ableben wird noch bis heute viel spekuliert. Für Cocker und Gonzales jedoch war der Fall klar: die Unfähigkeit Berns, seine Frau in der Hochzeitsnacht sexuell zu beglücken, trieb ihn in den Tod. Um mal Chilly Gonzales und seine Ankündigung des Songs zu zitieren: Schwanzfehler in F-Moll.

Letztes Beispiel: Beim Betreten der Volksbühne fand jeder Gast auf seinem Platz nicht nur einen A4-Zettel mit allerhand Informationen vor, sondern überdies auch noch einen Schlüssel, an den ein Etikett mit der Nummer 29 angebunden war. Im Stück „Belle Boy„, das sich den Hotelpagen des Chateau Marmont widmet, hatten die Gäste in der Mitte des Songs die Aufgabe, mit den Schlüsseln zu klappern, während auf der Bühne eben ein solcher Hotelpage herumwuselte. Ganz klassisch in roter Uniform, dem typischen Hut und mit hochglänzenden Lackschuhen.

An großen und großartigen Momenten mangelte es der Performance wahrlich nicht. Ich kann nur eindringlich empfehlen, sich diese Show einmal anzuschauen, wenn sie irgendwo in Eurer Reichweite noch einmal aufgeführt werden sollte. Doch diese Live-Darbietung wäre mit Sicherheit nicht so sensationell gut ausgefallen, wenn das zugehörige Album nicht die entsprechende Grundlage dafür gebildet hätte. „Room 29“ ist kein Album, das man sich jeden Tag geben kann. Es ist keines, das sich mal eben so durchhören lässt, keines aus dem man diesen oder jenen Song herauspicken könnte, um ihn besonders hervorzuheben. Alle 16 Songs auf „Room 29“ funktionieren als Einheit. Es ist ein Album, das die Geister erweckt. Das tatsächlich die Einsamkeit eines Hotelzimmers erfahrbar macht, selbst wenn man vielleicht selbst noch nie in einem solchen genächtigt hat. Es ist die versprochene Vertonung eines Ortes, den wir in uns tragen und an dem unsere Träume leben, auch wenn wir diesen oder jenen davon vielleicht schon beinahe vergessen hätten. Und es ist mehr als alles andere ein ganz toller Hörgenuss.


Dass „Room 29“ ein besonderes Album werden würde, war mir irgendwie schon klar, als die erste Ankündigung diesbezüglich ins Haus flatterte. Oder anders: ich habe es gehofft, dass sich diese Vorahnung als richtig herausstellen würde. Und erfreulicherweise wurde ich nicht enttäuscht. „Room 29“ ist wirklich etwas ganz besonderes geworden. Jarvis Cocker und Chilly Gonzales haben es geschafft, Geschichten aus der Vergangenheit zurückzuholen und wieder lebendig zu machen. Die Dinge, die in jenem Hotelzimmer passiert sind bzw. sein mögen, durch das Piano, das dort steht, erzählen zu lassen. Geister zu beschwören, quasi. Wenn man die Augen schließt und den sanften Klavier- und Streichermelodien, die Jarvis‘ dunkle und warme Stimme umrahmen, lauscht, kann es passieren, dass man sich ebenfalls im Zimmer 29 des Hotels Chateau Marmont wiederfindet – als stummer Zeuge, als stiller Gast. Die zugegeben sehr ruhige Musik, die das Duo hier abliefert, wird sicher nicht jeden Konsumenten abholen. Zu unaufgeregt tönt sie aus den Boxen, zu speziell ist womöglich das Konzept. Wer sich jedoch dafür auch nur im Entferntesten begeistern kann, dem sei die knapp einstündige Reise durch Zeit und Raum dringendst ans Herz gelegt! Ein wirklich und wahrhaftig faszinierender Trip wartet. Und wenn sich Euch die Gelegenheit bietet, „Room 29“ in einer Live-Performance zu erleben – unbedingt hingehen und angucken! Live bekommt dieses kleine Juwel zusätzlich ganz besondere Qualitäten.


JARVIS COCKER & CHILLY GONZALES - Room 29


INHALT / KONZEPT.8.5
TEXTE.8.5
GESANG.7
PRODUKTION.8
UMFANG.8.5
GESAMTEINDRUCK.8.5
LESERWERTUNG.1 Bewertung9
POSITIV.
Das Konzept ist so sensationell neu nicht, aber hochgradig überzeugend und stimmungsvoll umgesetzt
Wie sich herausstellte, funktioniert es auch live hervorragend
8.2
PUNKTE.
FAZIT.
Jarvis Cocker und Chilly Gonzales haben es geschafft, Geschichten aus der Vergangenheit zurückzuholen und wieder lebendig zu machen. Die Dinge, die in jenem Hotelzimmer passiert sind bzw. sein mögen, durch das Piano, das dort steht, erzählen zu lassen. Geister zu beschwören, quasi. Wenn man die Augen schließt und den sanften Klavier- und Streichermelodien, die Jarvis' dunkle und warme Stimme umrahmen, lauscht, kann es passieren, dass man sich ebenfalls im Zimmer 29 des Hotels Chateau Marmont wiederfindet - als stummer Zeuge, als stiller Gast.