Foto: PIAS / DFA Records

LARRY GUS – I Need New Eyes

Jeden Tag der gleiche Trott. Du stehst auf, schleppst dich zur Arbeit, überstehst irgendwie den Tag, schleppst dich wieder nach Hause und verbringst das, was dann vom Tage noch übrig ist, mit passivem Konsum verschiedener Medien. Medien, die dir an diesem, ja an jedem Abend vorträumen wie es sein könnte, wenn du jetzt woanders wärst. Beispielsweise ferne Länder bereisend. Ein unbestimmtes Fernweh überkommt dich. Das gleiche Fernweh übrigens, was dich auch überfällt, während du während der Arbeitszeit heimlich auf dem Klo mit dem Smartphone bei Facebook unterwegs bist und dir diese garstige Webseite verlockende Werbeanzeigen präsentiert. Das Glück in der Ferne nur einen Fingertipp entfernt… Und was ist? Spülen, Hände waschen und zurück in den Trott. Dabei ist es manchmal doch so einfach, der einen umgebenden Realität zu entkommen. Musik wirkt da wahre Wunder. Gehörst du auch zu den ewig gehetzten, dauernd gestressten modernen Menschen und könntest eine kleine Flucht aus dem monotonen Alltag gebrauchen? Dann probiere doch mal mit „I Need New Eyes“ von LARRY GUS.

Ok“, denke ich als die ersten Töne des Eröffnungstückes „Black Veil Of Fail“ aus den Boxen tönen, „das fährt also irgendwie so ein bisschen auf der Indie-Schiene. Hmpf. Na ok“. Es dauert knapp 45 Sekunden, bis ich diesen Eindruck revidieren muss. Sehr nachhaltig. Das, was ich zunächst für eine weitere Indie-Platte unter vielen hielt, entpuppt sich im Folgenden als ein Samples- und Effektgewitter, das mich an eine wahnwitzige Mischung aus Indie, einem winzigen Hauch Krautrock und einer Extra-Portion Weltmusik erinnert. Es hat keine Minute gedauert, bis die anfänglich beschriebene, herbeigesehnte Flucht aus dem Alltag eingesetzt hat. Ganz plötzlich befinde ich mich im Orient oder Indien oder so was, ein Rausch bunter, schillernder Farben, wehender, scheinbar unendlicher Seide und exotischer, würziger Düfte stürzt auf mich ein. Vielleicht bin ich gerade auf den Basaren vor Delhis weiß-roter Jami Masjid Moschee unterwegs, vielleicht bestaune ich gerade das Angebot auf dem Souk von Agadir. Wer weiß das schon. Jedenfalls beamt mich dieses Lied direkt schon zur Einstimmung weit, weit weg.

Ähnlich verhält es sich im nachfolgenden „NP Complete“, das mich von Indien definitiv weiter nach Afrika führt – so wie es sich im Vorgängerstück angekündigt hat. Teilweise fühle ich mich an Stammesgetrommel erinnert. Und dann passiert etwas ganz Bemerkenswertes: kaum habe ich mich darauf eingerichtet, dass mich dieses Album scheinbar auf eine Reise um die Welt nimmt, passiert ein Zeit- und Dimensionssprung. Ganz plötzlich bin ich dank „A Set Of Replies“ in einem Tanztempel Londons in den ganz frühen 70er Jahren des letzten Jahrhundert. Schlaghosen hier, extragroße Sonnenbrillen da. Ein Meer aus warmen Farben, vornehmlich orange, gelb, rot und braun, knallt mir ins Gesicht. Genauso wie dieser markante Grasgeruch, der den Raum füllt. Alles nicht so schlimm, ich lasse mich treiben und tanze… Und so zieht es sich durch das ganze, leider nur acht Songs umfassende Album. Mal bin ich hier, mal dort. „All Graphs Explored“ führt mich auf die Straßen einer amerikanischen Großstadt irgendwann in der Mitte der 80er Jahre und aus Gründen möchte ich mich wie Spider-Man zwischen den Gebäuden hin und her schwingen. Oder wenigstens wie Tarzan. „The Sun Describes“ lässt mich bei Sonnenuntergang in der Karibik chillen … – die Eindrücke, die man einfach mittels dieser Musik in den Kopf gepflanzt bekommen kann, sie sind schier unendlich.

Was umso erstaunlicher ist, da es beim (rechnerisch) sechsten Album von Larry Gus vermutlich kaum seine Intention gewesen sein dürfte, eine Art akustischen Reiseführer zu schaffen. Da könnt Ihr mal sehen, wie Musik auf den Menschen wirken kann, wie unterschiedlich die Empfindungen ausfallen können. Ist sie nicht die größte und schönste aller Künste? Zurück zu Gus. Der Albumtitel ist eine Anspielung auf ein Zitat des französischen Schriftstellers Marcel Proust. Er sagte mal sinngemäß, dass man die besten Entdeckungsreisen nicht dadurch mache, dass man in fremde Länder reise, sondern man schlicht Altes mit neuen Augen betrachten solle. Da ist was dran.

Das Album entstand zwischen zweier einschneidender Momente in seinem Leben: seiner Teilnahme an der Red Bull Music Academy in Tokio. Und der Geburt seines ersten Kindes. Er sagt: „Wenn du Kinder hast erkennst du, dass die scheinbar unendlichen Möglichkeiten, die du erkunden möchtest, gewaltsam mit einer Axt abgeschnitten werden und all die unendlichen Entscheidungen in deinem Leben und deiner Lebensweise schrumpfen und langsam verblassen. Ich habe mich für den Titel entschieden in dem Moment als ich aus Tokio zurückkam und erkannte, dass ich dort niemals leben kann, jetzt wo ich ein Baby habe“. Und auch wenn man die Texte komplett ausblenden kann und sich ganz den transportierten Stimmungen, Gefühlen und Eindrücken hingeben kann, so gibt es sie ja dennoch. Texte, in denen er Dinge singt wie: Don’t forget, the success of everyone else always includes failed attempts / but why can’t I figure it out for myself. Zu hören in „NP Complete“. Kommt einem bekannt vor, dieser Gedankengang, oder? Dabei versucht er, sich dieser Frage anders zu nähern, als er es vielleicht früher getan hätte. „Ich brauche neue, weniger eifersüchtige Augen, da Neid, Eifersucht und Verbitterung Dinge waren, die oft in meinen Texten auftauchten, immer bezogen auf andere Musiker und die Dinge, die sie erreichen“, sagt er.

Ehrlich – es gibt keinen Grund für Larry Gus, auf irgendwen neidisch oder eifersüchtig zu sein. „I Need New Eyes“ ist so ein abgefahrenes, vielschichtiges und inspirierendes Album, dass es nur eine einzige Person auf diesem Planeten gibt, die er im Auge zu haben braucht, wenn er mit den Arbeiten am nächsten Langspieler beginnt: sich selbst. Mit starker Fokussierung auf perkussive Instrumente aller Art, herrlichst verspielter Elektronik über zarter Akustik und einem Effektgewitter sondersgleichen kann man in diesem Fall guten Gewissens von einem Ausnahmealbum sprechen. Larry Gus – oder Panagiotis Melidis, wie der Mann tatsächlich heißt – hat dafür gesorgt, dass ich mit ganz neuen Augen auf die Musiklandschaft Griechenlands schaue.


Ihr könnt Euch das ungefähr so vorstellen: jede Woche erreichen mich etliche Promos. Viele von denen zunächst mal als Download. Ich lade mir also alles runter, bzw. versuche es zumindest. Und dann schiebe ich mir das Zeug in iTunes und klicke mich durch. Höre mir das alles an. Genug von dem Zeug, dass da sintflutartig angespült wird, vergesse ich schon wieder, wenn der letzte Song verklungen ist. Und dann gibt es Alben wie „I Need New Eyes“ von Larry Gus, bei dem ich denke: hö?! Wie unfassbar gut ist denn das gerade bitte? Und dann setzte ich mich und schreibe und versuche das, was ich gehört habe in Worte zu fassen. Wie gerade geschehen. Um eine lange Rede nicht noch länger zu machen: dieses Album ist ein Erlebnis, eine Reise durch Zeit und Raum. Eines, das dem anfangs erwähnten, gestressten und gehetzten Menschen tatsächlich für eine kurze Weile die Flucht aus seiner Realität ermöglicht. Kann man von einem Album mehr verlangen?


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Und dann gibt es Alben wie „I Need New Eyes“ von Larry Gus, bei dem ich denke: hö?! Wie unfassbar gut ist denn das gerade bitte? Und dann setzte ich mich und schreibe und versuche das, was ich gehört habe in Worte zu fassen. Wie gerade geschehen. Um eine lange Rede nicht noch länger zu machen: dieses Album ist ein Erlebnis, eine Reise durch Zeit und Raum. Eines, das dem anfangs erwähnten, gestressten und gehetzten Menschen tatsächlich für eine kurze Weile die Flucht aus seiner Realität ermöglicht. Kann man von einem Album mehr verlangen?
INHALT / KONZEPT.
8.5
TEXTE.
8
GESANG.
7.5
PRODUKTION.
8
UMFANG.
7
GESAMTEINDRUCK.
9
LESERWERTUNG0 Bewertungen
0
POSITIV.
Eine wirklich wilde Reise durch viele Stile und Genres, ...
NEGATIV.
... nur leider bisschen zu kurz
8
TOTAL.
Herausgeber

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TEXTE.
GESANG.
PRODUKTION.
UMFANG.
GESAMTEINDRUCK.
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