LILOU - Aber manchmal doch
Foto: Bogenheimer Photography

LILOU – Aber manchmal doch

Ich muss kurz nachdenken. Haben wir dieses Jahr hier an dieser Stelle eigentlich schon mal das Augenmerk auf gute Deutschpop-Poeten gelenkt? Tolle Veröffentlichungen gab es ohne Ende, klar, aber diese eine Baustelle wurde noch nicht so richtig beackert. Enno Bunger war letztes Jahr dran, Gloria auch, und ansonsten war da jetzt nicht so viel, das ich für zwingend erwähnenswert hielt. Zumindest ist es nicht auf meinem Schreibtisch gelandet. Wer sich aber von genannten Künstlern gerne unterhalten lässt, sei es nun live oder aus der Konserve, sollte jetzt am Internetempfangsgerät bleiben. Denn es gibt sie auch in diesem Jahr: spannende deutschsprachige Künstler, die nicht zwingend im Radio gespielt werden, denen man aber dennoch Gehör schenken sollte. Weil sie sich nämlich Geschichten erzählen, mitten aus dem Leben, schnörkellos und doch wunderschön. So ist es bei LILOU der Fall, die kürzlich ihre EP „Aber manchmal doch“ veröffentlichte. Und genau die möchte ich Euch kurz vorstellen.

Lilou ist eine junge Frau, die den offiziellen Angaben nach zwischen Essen und Münster pendelt und mit „Aber manchmal doch“ ihre gerade erst zweite EP veröffentlichte. Gut Ding will bei der Lady ganz offensichtlich Weile haben, denn die die erste datiert auf das Jahr 2012 zurück und trägt den Titel „Schwere, los!“. Weiterer Meilenstein ihrer noch jungen Karriere: Bundespreisträgerin der Berliner Festspiele im Jahr 2010. Als Einflüsse gibt die junge Frau, die auf der vorliegenden EP für Texte, Gesang, Komposition, Arrangements und das Einspielen diverser Saiteninstrumente verantwortlich war, unter anderem Bosse oder Clueso an. Nix gegen die genannten Künstler, aber mit denen hat sie in meinen Ohren doch eher wenig gemeinsam. Es sei denn, es reicht die deutsche Sprache als gemeinsamer Nenner. Dann ließen sich allerdings noch deutlich mehr Vergleiche in den Topf werfen. Was aber unterm Strich albern wäre. Ich würde schon bei den anfänglich genannten Künstlern bleiben wollen, wenn ich zwingend einen Vergleich bemühen müsste um zu erklären, was für eine Art Musik diese Lilou eigentlich macht.

Hach aber eigentlich können wir dieses zwanghafte Vergleichen auch sein lassen. Lilou ist Lilou ist Lilou, und das ist auch gut so. Sechs ganz fein produzierte Indie-Pop-Tracks bietet „Aber manchmal doch“, und allen wohnt ein gewisser Hang zur Melancholie inne. Ohne dabei erdrückend schwermütig zu sein oder den Wunsch zu wecken, spontan von der Teppichkante zu springen. Es ist in ihren Geschichten oft kein Happy End vorgesehen, was allerdings nicht weiter schlimm ist. Das haste im wahren Leben ja auch selten genug. Es geht, wie so oft, um das Zwischenmenschliche. Um Beziehungen beispielsweise, die nicht funktionieren. Weil einer nicht kann, weil beide nicht können. Oder weil irgendwer von Bett zu Bett hüpft, ohne Rücksicht auf Verluste. Das beobachtet man oft genug, ist aber unfähig etwas anderes zu tun, als in wie ein Reh die Scheinwerfer des Autos zu starren, das einen gleich überfahren wird. Da ist es schon ganz gut, wenn jemand anderes das formuliert, was man vielleicht selbst hätte erkennen müssen, es aber eben nicht kann. Oder will. Und wenn das in Form von Musik geschieht, dann ist das auch ok. Manchmal vielleicht sogar besser, denn diese gesungene Erkenntnis ist nicht so flüchtig wie ein gut gemeinter Ratschlag.

„An den Drums hast du gelernt, wie du alles überspielst. Doch es ist trotzdem so, so dass du fehlst“, singt sie im gleichnamigen Stück. Ich weiß nicht, ob Lilou aus ihren eigenen Erfahrungen (Fehlern?) Inspiration für ihre kleinen, ergreifenden Geschichten abschöpft oder ob sie nur ihr Umfeld sehr genau studiert und sich anschließend als Chronistin betätigt. Für das Ergebnis ist es auch egal. Denn die Songs der EP leben weniger von Musik und Gesang, als viel mehr davon, was Lilou voträgt und wie sie Bilder, Gedanken und Erfahrungen im Kopf des Hörers hervorruft. Ich bin mir ziemlich sicher, in dem einen oder anderen Song wird sich so ziemlich jeder von Euch wieder erkennen. Spätestens in „Letzte Fahrt“. Schon mal unglücklich verliebt gewesen oder eine aufkeimende Beziehung so grandios gegen die Wand gefahren (oder dabei zusehen müssen, wie es passiert)? Dann werdet Ihr in Zeilen wie „…und es hat dich niemals gegeben. Für mich“ womöglich baden. Solltet Ihr gerade in einer solchen Situation stecken, dann erweist sich Lilous kleine EP womöglich als Seelentröster. Aber auch sonst lässt sich das Dingelchen gut konsumieren.

Im Hinblick auf die musikalische Ausgestaltung schiebt Lilou eine erfreulich ruhige Kugel. Zwar sind die Stücke wunderbar arrangiert, aber die Musik hält sich dennoch weit genug im Hintergrund, um den Erzählungen Lilous die Bühne zu überlassen. Akustische Gitarren, Keyboards, Posaunen, Geigen, Cellos – vielfältig sind die Stücke instrumentiert. Und auch wenn sie manchmal an Tempo und Lautstärke zunehmen, sich ihre Band also manchmal erhebt, wirken sie insgesamt aber doch eher ruhig und oftmals spärlich. Es ist Musik für einen kleinen Rahmen. Auch wenn Lilou schon im Vorprogramm von Nena unterwegs war und demnach schon größere Stätten bespielte, am besten funktionieren die Songs, wenn sich ihr Publikum um sie versammelt, ihr an den Lippen hängt und während des Vortrags über das Leben im Allgemeinen und die Liebe im Besonderen sinniert. Jeder für sich und doch alle zusammen. Frei nach Anna Gavalda: zusammen ist man weniger allein. Wenn sich am Ende eines solchen Konzerts wieder alle Gäste in alle Richtungen zerstreuen, dann vielleicht weniger alleine als sie gekommen waren. Verbunden durch Lilous Musik. Das ist so ein Grund, warum Leute diese musikalischen Deutschpoeten hören. Vor allem ist es ein Grund, warum Leute Lilou hören sollten.


Lilou ist bei keiner großen Plattenfirma unter Vertrag, ihre aktuelle EP erscheint im Eigenvertrieb. Und wieder einmal frage ich mich: warum ist eigentlich noch kein A&R-Verantwortlicher aufmerksam geworden auf diese junge Frau, die sich hier förmlich fingerschnippend einreiht in die Riege bemerkenswerter Deutschpop-Poeten? In einem Regal, wo Tonträger von Enno Bunger, Clueso (von mir aus), Gisbert zu Knyphausen oder Alin Coen Band Platz finden, da ist auch ganz gewiss noch ein Plätzchen frei für Lilou. Womit ich zum finalen und eigentlichen Anliegen meines Schreibens komme: wenn Ihr Euch für die genannten Künstler begeistern könnt, dann schenkt Lilou die knappen 20 Minuten Aufmerksamkeit die es braucht, um die EP zu konsumieren. Sie hat es nicht nur verdient, sondern es lohnt sich darüber hinaus auch. Wie schon gesagt: sie empfiehlt sich als eine Geschichtenerzählerin mit Hang zur Melancholie, der man gerne lauscht. Am Ende bleiben bei mir jetzt nur zwei Wünsche offen: hoffentlich dauert es bis zur nächsten Veröffentlichung nicht allzu lange. Und hoffentlich fällt diese dann umfangreicher aus. Ein Album wäre jetzt nett. Das Feuer ist schließlich entfacht.


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Und wieder einmal frage ich mich: warum ist eigentlich noch kein A&R-Verantwortlicher aufmerksam geworden auf diese junge Frau, die sich hier förmlich fingerschnippend einreiht in die Riege bemerkenswerter Deutschpop-Poeten? In einem Regal, wo Tonträger von Enno Bunger, Clueso (von mir aus), Gisbert zu Knyphausen oder Alin Coen Band Platz finden, da ist auch ganz gewiss noch ein Plätzchen frei für Lilou.
INHALT / KONZEPT.7.5
TEXTE.7.5
GESANG.7.5
PRODUKTION.7.5
UMFANG.7.5
GESAMTEINDRUCK.7.5
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Gelungene Ergänzung für alle Fans von Deutschpop-Poeten
7.5
TOTAL.