Gespannt wie ein Eichhörnchen, das sich im Winter daran macht, die Schätze vergangener Tage auszugraben, machte ich mich auf den Weg nach Wilhelmshaven um meinerseits ein Ticket – nein: ein Versprechen – aus dem August einzulösen, genauer gesagt: ein Geburtstagsgeschenk (auf vielfachen Wunsch meinerseits, wie ich betonen möchte).

Michael Krebs.
Zwei Jahre zuvor hatte er mich bereits auf dem OpenFlair in Eschwege begeistern können, mit seinen absurd-komischen Songtexten und den „Pommesgabeln des Teufels“, die ihn mit Bass und Schlagzeug unterstützten.
Doch dieses Mal war er solo unterwegs, nur Michael Krebs und sein Piano.

16.2.2018.
Es ist 20 Uhr und ich sitze mit meinem Bier in der Hand in der zweiten Reihe zwischen meiner Mutter und meiner Tante, in den absurd bestuhlten Reihen des Pumpwerks und recke meinen Hals Richtung Bühne, als unser Entertainer des heutigen Abends nach einer kurzen Ankündigung die Bühne betritt.
Grinsend, strahlend, vor Energie strotzend.
Er setzt sich ans Piano und spielt los und augenblicklich bekomme ich das Gefühl, dass das Publikum nicht reicht, nicht genug ist für diesen kraftvollen Auftritt, diese Power, das Temperament. Wir dürfen nicht vergessen: Das hier ist Norddeutschland, Küstenregion, umgeben von Friesen, die mit einem knappen Nicken ganze Gespräche zu füllen wissen.
Ein Künstler ist immer nur so gut, wie sein Publikum, wer sagte das noch?
Egal, jedenfalls gibt es keinen Zweifel an dem Wahrheitsgehalt, ohne funktionierende, aufnahmefähige Leinwand, ist der Künstler nur ein Fünfjähriger, der mit Farbe spielt.
Das Pumpwerk ist nicht einmal voll besetzt, vielleicht 100 Menschen, wie wir später überschlagen werden, und ein unheilvoller Gedanke dringt in meinen Kopf: „Hoffentlich springt der Funke über!“ Nicht nur für den Künstler, auch für mich.

Ich sehe mich schon im spätabendlichen Nachgespräch, meine erwartungsfrohen Augen hell erleuchtet:„Und, wie fandet ihr’s?“
„Ochja. Hauptsache, mal was anderes.“
Oder noch schlimmer: Ein knappes Nicken!
Eine totale Bankrotterklärung, nicht nur für den Künstler, auch für meinen guten Geschmack und meine Vorreiterrolle als familiärer Influencer.

Michael Krebs legt also los, spielt, als wäre der Laden gerappelt voll.
Die erste Hälfte des Abends ist den Novitäten vorbehalten.
Wir starten mit den AGBs. Klar, was sollten wir alle viel öfter machen? Lachen!
Aber nicht über Juden, Moslems, Christen, Atheisten, Präsidenten, Kinder, Frauen, Pädagogen, Proleten, Propheten, Weiße, Gelbe, Schwarze…naja, und so weiter. So viel politcal correctness muss schon sein.
Wir folgen der Spur unlogischer „Lolologik“, die im Alltag wahlweise durch Ignoranz oder Eigennutz ersetzt wird („Wir könnten alle sicher leben, hätte jeder ein Gewehr“), stellen fest, das es die eine große Sache gibt, die uns Menschen auf der Welt vereint (natürlich ist es die Sehnsucht nach gratis W-LAN) und steigen ein in den Liederzyklus für Leute mit verkürzter Aufmerksamkeitsspanne (kurz V.A.S.). Gerade letzteres scheint ja doch irgendwie symptomatisch für die heutige Gesellschaft zu stehen, also kommt Michael Krebs uns entgegen.
So wird zum Beispiel die Handlung von Titanic auf ihren Kern zusammengestrichen: „Zwei Menschen in ’nem Boot, lieben sich, sinken – und ertrinken.“
Passend dazu, der Song über die Generation Selfie-Stick:
Ey kannst du sehen, wie gut ich drauf bin/
Ich hab mich selbst fotografiert/
Ich hab das sichere Gefühl/
Dass dich mein Leben interessiert.
Mediale Selbstdarstellung auf den Punkt gebracht: „Daumen für Daumen, Like für Like, erlangen wir Bedeutsamkeit.“
Natürlich kommt auch der Namensgeber des aktuellen Albums zum Zuge: „An mir liegt’s nicht.“
Das passende T-Shirt preist Michael Krebs gerne an: Ob bei der gemeinsamen Paartherapie, beim Elternsprechtag oder der Scheidungsverhandlung, mit diesem Shirt sei man für alle Eventualitäten gewappnet.
Vielleicht sollte ich mir auch eins zulegen.
In dem Song geht es um das ethisch-moralische Übertrumpfen der Mitmenschen: „Du wirst jetzt Vegetarier? Ich leb ja schon lang vegan.“
Kennen wir nicht alle diesen einen „Freund“, der sich zum Mittagessen einen Spinat-Kohlrabi-Smoothie mixt, während alle anderen in der Kantine essen und der einem immer unterschwellig das Gefühl gibt, selber Schuld zu sein, an den Ungerechtigkeiten der Welt?
Der Refrain geht so richtig ins Blut:
Du machst dir nicht so viel Gedanken, wie’s scheint/
Du, das ist jetzt überhaupt nicht wertend gemeint/
Aber mein Leben, ist nicht so bequem/
denn ich bin Teil der Lösung und nicht das Problem/
Ja, mein Leben/
Ist kompliziert wie Latein/
Was ich konsumiere, muss nachhaltig sein.“
Ich bin begeistert von diesem Ohrwurm und spätestens an dieser Stelle, ist auch das Eis im Publikum gebrochen (obwohl ich es seit je her als meine Aufgabe erachte, für einen guten Künstler so viel Lärm zu produzieren, dass er den Eindruck bekommt, in einer vollbesetzten Großraumhalle zu spielen).

Den Abschluss vor der Pause aber, bildet ein ganz und gar ungewöhnliches Lied für den sonst so ironischen Liedermacher:
Ein Song wäre zu ihm gekommen, hätte sich einfach eingeschlichen, war plötzlich da und wollte nicht mehr gehen. Und wir sollten ihn doch bitte Willkommen heißen. Und das tun wir natürlich.
Kraft- wie gefühlvoll gleitet die Stimme von Michael Krebs durch den Refrain:
Ja, Magdalena würde am liebsten einfach gehen/
Und keinem sagen wohin/
Sie würde nur ihr blaues Sommerkleid mitnehmen/
und ’ne gute Flasche Gin.“
Auch, wenn das Lied einen gewaltigen Kontrast zu seinem bisherigen Werk bildet, so fühlt es sich trotzdem nicht falsch an, mehr wie eine Facette, eine Erweiterung. So, wie niemand immer nur fröhlich sein kann, hat auch der Song Platz gemacht für etwas Schwermut. Und Michael Krebs schafft es mit „Magdalena“ genau die richtigen Worte zu finden, ohne kitschig oder gar anbiedernd daherzukommen und mich auf der anderen Seite dennoch emotional tief zu berühren.
Bestimmt kennen viele das Gefühl, den Drang, ausbrechen zu wollen, aber ganz sicher hat man ihn mit Kindern, wenn man nicht mehr nur für sich selber lebt, sondern funktionieren und Verantwortung nehmen muss.
Auch Magdalena spürt diese tiefe Sehnsucht nach dem Leben, das sie umspült und mitreißt, bis sie wie Strandgut an das Ufer geschwemmt wird.

Nach diesem Downer erst mal ein neues Bier.
Außerdem hat uns der Künstler Zettel zur Verfügung gestellt, auf denen wir unsere Songwünsche äußern dürfen, also nichts wie hin. Natürlich entscheide ich mich für das schlüpfrigste Lied, das ich von Michael Krebs kenne.

Die Pause ist vorbei und das Publikum merklich aufgetaut, gespannt, und erwartungsfroh.
Wir stimmen mit Michael Krebs darüber ein, dass alles immer schlimmer wird („sonst wäre ja früher nicht alles besser gewesen“), skandieren mit ihm gegen die Lügenpizza („Das ist nicht die Pizza, die mir versprochen wurde! Lügenpizza, Lügenpizza!!“) oder noch schlimmer, gegen die verdammte Lügenpresse („Das ist nicht der O-Saft, der mir versprochen wurde!“).
Außerdem natürliche eine Ode an depressive Liebeslieder, mit einem kleinen Seitenhieb auf AnnenMayKantereit („Barfuß am Klavier“), bevor sich unser Singer/Songwriter an die Auslosung der Zettel macht.
Die Spannung steigt.
„Ein Bett im Kornfeld“. Nicht wirklich textsicher aber ambitioniert, gibt Michael Krebs sein bestes, dann kommt der nächste Zettel zum Zuge. Eine Frau aus der ersten Reihe darf ziehen. Auf Anhieb erkenne ich meinen Zettel wieder.
Meine Tante stupst mich von der Seite an.
Ist das dein Zettel?
Zugeben oder verweigern, zugeben oder verweigern.
Ich gebe zu.
Michael Krebs schaut mich an.
Ist das dein Zettel?
Zugeben oder verweigern, zugeben oder verweigern.
Ich gebe zu.
Und darf mir ein Intro aussuchen.
Während Michael Krebs also voller Inbrunst
Das Mädchen von der jungen Union/
macht Sex mit mir in jeder Position/
unter dem Porträt von Angela/
reitet sie mich ins Nirvana
singt, werde ich das Gefühl nicht los, der gesamte Saal würde mich und meine Musikauswahl kritisch beäugen. Ein Mann dreht sich um.
Was für ein perverser Musikgeschmack!
Ich höre etwas wie Anerkennung in seiner Stimme, schiebe aber alle Schuld von mir „ICH habe das Lied nicht geschrieben!
Am Ende des Songs hat Michael Krebs jedenfalls ordentlich an der norddeutschen Spießigkeit gerüttelt und, wenn etwas bei dem geneigten Publikum hängen geblieben ist, dann doch sicherlich dieses eine Lied.
Kurze Zeit später nutze ich Michael Krebs Denkpause ein zweites Mal und rufe „Wellness“ Richtung Bühne.
Und habe schon wieder Glück.
Rasend schnell bauen sich die Strophen auf, man spürt dieses Abhetzten, das Rasen durch den Alltag, ganz besonders im Refrain:
Für immer mehr brauchen wir immer weniger Zeit, für immer mehr brauchen wir immer weniger Zeit“ und dann entlädt sich alles in einem entspannenden „Wellnessalarm“.

Und so entlässt uns Michael Krebs nach ein paar kraftvollen Zugaben (unbedingt anhören: „Grundschullehrerin“) gleichermaßen aufgedreht wie entspannt in die Nacht, doch nicht, ohne mir vorher ein Autogramm auf die Eintrittskarte zu schreiben. Das erste meines Lebens.
Mit dem OpenFlair wäre er im Gespräch, erzählt er mir noch. Vielleicht nächstes Jahr wieder.
Herrscht also doch noch Hoffnung für die Nordhessen.


Ich hatte einen wundervollen Abend, eine Flucht aus der Realität, wenn man so möchte, und bin dabei unfassbar gut unterhalten worden.
Michael Krebs hat den Puls an der Zeit, legt den Finger auf ironische Art und Weise in die Wunden der Gesellschaft, kritisch, virtuos, nuanciert und immer wieder absurd, so absurd, wie das Leben. Und ganz abgesehen von seinen feingeschliffenen Texten, haut er in die Tasten seines Pianos wie kein zweiter, grinsend, strahlend, als würde er mit seinem Instrument verschmelzen, dabei das berühmte Lachen Ray Charles‘ auf den Lippen….und ja, singen kann er auch noch!

Kleiner Tipp von mir: Auch, wenn ich unbedingt der Meinung bin, man sollte sich Michael Krebs und seine kleinen Anekdoten Live ansehen und anhören, bietet Spotify einen kostenlosen Vorgeschmack, den man sich nicht entgehen lassen sollte!
Und wer jetzt immer noch keine Lust auf Michael Krebs bekommen hat, dem kann ich nur sagen: An mir liegt’s nicht!

Noch bis zum 24.3. ist Michael Krebs solo auf seiner Tournee quer durch die Republik, weitere Auftritte mit seiner Band am 7.4. in Mühlhausen sowie am 29.6. in Dortmund, mehr Informationen unter www.michaelkrebs.de.


Über den Autor

Redakteurin

„Music was my first love“ von John Miles trällerte laut durch die Lautsprecherboxen der Turnhalle des Gymnasiums während die Autorin – ein Schwungband hinter ihr herschleifend - verzweifelt versuchte mit halbwegs ästhetisch aussehenden Bewegungen ihre Sportlehrerin zu verwirren. Es reichte für eine 4 und eine Bemerkung über nichtvorhandenes Rhythmus- und Taktgefühl. Ihre Karriere als Profitänzerin endete somit als Heranwachsende auf einem kalten Linoleumboden. Nur gut, dass Die Ärzte ihr im zarten Alter von 14 Jahren das Leben retteten. Rockmusik, teils vulgär, teils absurd, manchmal sogar zynisch aber irgendwie doch mit diesem „Du bist cool, so wie du bist!“ ausgestattet – das war ihr Ding! Über weite Strecke hatte sie doch tatsächlich nichts besseres zu tun, als die Ärzte zu hören, rauf und runter; unlängst gehören aber auch Bands wie Broilers, Madsen, Alligatoah und Olli Schulz zu ihrem Repertoire. Und – da Einseitigkeit bekanntlich zu Mangelernährung führt – scheut sie auch nicht den Blick über den musikalischen Tellerrand und entdeckt gerne mal ganz neue Musik.

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