Foto: Nilz Böhme

JESUS CHRIST SUPERSTAR: Bericht von der Musical-Premiere auf dem DomplatzOpenAir Magdeburg am 15. Juni 2018

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In den frühen 1970er Jahren wurde von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice eine Rockoper geschrieben, die nicht nur sehr erfolgreich werden sollte und eine Umsetzung auf der Bühne und als Film nach sich zog, sondern auch für so manche Diskussion sorgte: JESUS CHRIST SUPERSTAR, nach „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat“ bereits die zweite Aufarbeitung biblischer Themen des Duos. Andrew Lloyd Webber und Tim Rice widmeten sich hier den letzten Tagen im Leben des Jesus von Nazareth. Zwar hielt sich das Duo an die aus den Evangelien bekannte Passionsgeschichte, machte daraus aber nicht eine eben solche, jedenfalls nicht im kirchlichen Sinne. Derer gab es in den letzten Jahrhunderten auch schon so einige, da ist ein anderer Ansatz vielleicht angebracht gewesen. Vor allem in der Zeit, in der das Stück entstand. Webber betonte in einem Interview im Jahre 1970, dass es ihm und Rice darum gegangen sei, Christus begreifbarer zu machen. In dieser Rockoper, so heißt es, sei Jesus ein Mensch wie jeder andere auch – mit Fehlern und Zweifeln. Sie ließen ihre Interpretation des Stoffes mit der Kreuzigung enden, gänzlich ohne die folgende Auferstehung. Schon dieser Umstand allein brachte „Jesus Christ Superstar“ den Vorwurf ein, sich gefährlich Nahe an der Blasphemie zu bewegen, was aber selbst den Vatikan nicht daran hinderte, das Stück im eigenen Radiosender zu spielen. 1972 wurde die deutschsprachige Fassung in Münster mit Reiner Schöne uraufgeführt und ist seitdem ein Dauerthema auf deutschen Bühnen. Für das alljährliche Sommer-Musical auf dem Domplatz nahm auch das Theater Madgeburg „Jesus Christ Superstar“ (nach 10 Jahren erneut) in den Spielplan auf. Unter der Regie von Sebastian Ritschel und der musikalischen Leitung von Damian Omansen feierte das Stück am 15. Juni 2018 auf dem Domplatz Premiere. Eine enorm hohe Erwartungshaltung ist hier angebracht, schließlich entstand in dieser Konstellation im Jahr 2016 am Theater Magdeburg die höchst eindrucksvolle Umsetzung von „Cabaret“. So viel kann schon mal gesagt werden: sämtliche Erwartungen wurden auch bei dieser Premiere erfüllt.

Im Programmheft des Stückes ist einmal mehr ein Interview mit Regisseur Sebastian Ritschel abgedruckt, in dem er über Jesus und dessen Wirken, wie er im Stück dargestellt wird, sagt: „»Jesus Christ Superstar« erzählt vom Aufstieg und Fall einer herausragenden charismatischen Persönlichkeit. Jesus weckt immense Begeisterung und wird wie eine Pop-Ikone oder ein Filmstar verehrt. Doch die Massenhysterie um seine Person schaukelt sich gefährlich hoch und der Personenkult, der entsteht, macht ihn zu einer Art Heilsfigur“. Dieser Aussage folgend ist Jesus zwar das bekannteste Opfer eines solch unheilvollen Personenkults geworden, bei weitem aber nicht das einzige. John Lennon kommt mir gerade in den Sinn. Bekanntlich wurde der Ex-Beatle Opfer eines Mordanschlags. Durchgeführt von Mark David Chapman, dessen Bewunderung sich in Bessenheit wandelte und alsbald in Hass auf Lennon umschlug – unmittelbar übrigens, nachdem dieser in einem Interview behauptete, die Beatles seien nun populärer als Jesus.

Tobias Bieri (Jesus), Johannes Wollrab (Pontius Pilatus), Ensemble. / Foto: Nilz Böhme

Auch wenn „Jesus Christ Superstar“ die letzten Tage im Leben von Jesus vor allem aus der Perspektive von Judas erzählt – der einfache Weg, aus ihm den verräterischen Buhmann zu machen, wird hier umgangen. Tatsächlich steht viel mehr die besondere Beziehung zwischen ihm und Jesus im Zentrum der Betrachtung und man kommt nicht umhin, für Judas hier gezeigte, innere Zerrissenheit eine gewisses Mitgefühl zu entwickeln. Dass das nicht nur in der Magdeburger Version dieses Stückes so ist zeigt der Umstand, dass „Jesus Christ Superstar“ in Weißrussland seit dem Jahr 2012 verboten ist. Viele orthodoxe Gläubige sollen sich darüber beschwert haben, dass Judas als zu sympathische Figur dargestellt würde. Sympathisch ist das für mich in diesem Zusammenhang das falsche Wort. Dass man den Verräter dennoch nicht von der Bühne jagen möchte, dazu trägt in der Magdeburger Version ganz wesentlich die Interpretation von Timothy Roller bei. In meinen Augen schultert er das Stück wesentlich mehr als Jesus, gespielt und gesungen von Tobias Bieri, der – und das mag alles genau so angedacht gewesen sein – immer ein bisschen so wirkt, als seien die Ereignisse um seine Person eine Welle, die ihn einfach fort reißt. Als wäre der Kult um seine Person etwas, das ihn von einer Richtung in eine andere schubst. Bieris Jesus wirkt wie ein stolpernder, sinnsuchender Mitdreißiger, dem bewusst geworden ist, dass die Schuhe, die er trägt, eine Nummer zu groß geraten sind. Hey, hast du Angst, Jesus Christ…? Mister Wonderful Christ? Mein Gott, du bist kein Herr?

Dadurch dass „Jesus Christ Superstar“ eher ein Konzept-Rockalbum ist als ein Musical, gibt es auch nahezu keine gesprochenen Passagen – nichts also, wo sich die Darsteller außerdem noch präsentieren können als durch Gesang und Tanz. Und hier ist Timothy Rollers Judas’ klar führend, ohne dabei die vor allem bemerkenswert stimmliche Leistung von Tobias Bieri damit herabwürdigen zu wollen. Es ist aber auch inszenatorisch so ausgelegt, dass Judas mehr Aufmerksamkeit bekommt – schließlich taucht der Mann ganz unvermittelt in den Gängen inmitten des Publikums auf und steigt die Ränge hinab. Das ist natürlich spektakulärer, als nur auf der geräumigen Bühne umher zu wandern.

Julia Gámez Martín (Maria Magdalena), Tobias Bieri (Jesus). / Foto: Nilz Böhme

Überhaupt gehört das Bühnenbild zu den heimlichen Stars dieser Inszenierung. Wie schon bei „Cabaret“, seinem Regiedebüt am Theater Magdeburg, hat Regisseur Sebastian Ritschel eine große Treppe direkt vor den Magdeburger Dom zimmern lassen, deren vornehmliches Dekor ein paar große, leuchtende Buchstaben bilden, die das Wort „Hero“ zeigen. Die Buchstaben INRI (Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum, Lateinisch für: Jesus von Nazaret, König der Juden), die Pontius Pilatus an das Kreuz Jesus’ anbringen ließ, wären hier auch ein bisschen zu plump gewesen. Zudem ergibt sich so im Verlaufe der Aufführung ein sehenswertes, geschickt gemachtes Wortspiel…
Eine Treppe als Sinnbild für Aufstieg und Fall und zur Verdeutlichung der Verlorenheit eines Einzelnen ist jedenfalls ein geschickter Kunstgriff. Durch den Dom im Hintergrund braucht es auch gar nicht mehr Firlefanz auf der Bühne. Den Rest des gelungenen visuellen Eindrucks liefern die Kostüme, die sich irgendwo zwischen Zeitlosigkeit und der Dekadenz der 1920er Jahre bewegen (Stichwort: Tempelszene), sowie das Spiel mit der Beleuchtung und der eindringlichen Lichtstimmung. Wenn Jesus in Schlagschatten gehüllt am Kreuze hängt und hinter ihm der Dom gespenstisch erleuchtet über dem Geschehen thront, dann erzeugt das zum Schluss ein ganz eigenwilliges Gefühl der Beklemmung. Die Zuschauer nicht allzu euphorisch nach einer überzeugenden und sehenswerten Vorstellung in die Nacht entlassen zu wollen, scheint zumindest in Magdeburg ein Markenzeichen von Sebastian Ritschel zu sein. Schon nach „Cabaret“ vor knapp zwei Jahren verließen viele Zuschauer einigermaßen betreten das Theater. Es bleibt zu hoffen dass ein Regisseur, der solch eindrucksvolle Bildsprache auf die Bühne zu bringen vermag, einmal mehr für eine Inszenierung in Magdeburg verpflichtet wird.

Die beiden Hauptdarsteller habe ich weiter oben schon erwähnt, das Stück lebt jedoch teilweise ganz entscheidend auch von den anderen Darstellern. So zum Beispiel ganz und besonders von Julia Gámez Martín, welche die Maria Magdalena spielt und über eine wirklich herausragende und kräftige Stimme verfügt. Und wenn sie sich verzweifelnd fragt, „wie soll ich ihn nur lieben?“, dann wird dieser Zwiespalt förmlich greifbar. Ganz starker Auftritt hier! Den größten Szenenapplaus bekam Paul Kribbe als König Herodes, allerdings war sein ironischer Auftritt auch so konzipiert, die Gäste abzuholen und zu begeistern. Das Publikum eine Figur feiern zu lassen, über die der Regisseur sagt, alles an ihr sei falsch und sie würde eine dämonische Gefährlichkeit ausstrahlen, zeigt nur, wie schnell es manchmal gehen kann, die Menge zu mobilisieren. Wie war das noch gleich mit der Massenhysterie, der Begeisterung, blind zu folgen? Einem falschen Ideal, einem falschen Führer? Einen Kult um einzelne Personen zu veranstalten, ist, wie die Geschichte zeigt, immer schon in die Hose gegangen. Es würde mich nicht überraschen, wenn die Erinnerung daran die versteckte Intention dieser Szene war.

Tobias Bieri (Jesus), Paul Kribbe (Herodes), Ensemble. / Foto: Nilz Böhme

Auch der Rest des Ensembles wie Johannes Wollrab (Pontius Pilatus), Martijn Mulders (ganz groß als Annas!), Christian Miebach (in Magdeburg zuletzt gesehen als Vogelscheuche in „Der Zauberer von Oz“) oder Jessica Krüger, Eva Zamostny und Beatrice Reece (zuletzt zu erleben in „Hairspray“) als Soulgirls – sie alle machten am Premierenabend einen tollen Job.
Nicht zu sehen, dafür aber umso besser zu hören war und ist bei dieser Produktion wie so oft die Magdeburgische Philharmonie unter der Leitung von Damian Omansen. Omansen hatte seine Musiker gut im Griff, jeder Ton dieser mitreißenden Melange aus Rock, Folk und Soul schuf einen adäquaten Rahmen für das Geschehen auf der Bühne. Die Abmischung des Tons jedoch ist an diesem Abend nicht so gut gelungen. Zumindest von meinem Platz in der 13. Reihe war die Musik manchmal derart laut, dass sie den Gesang übertönte – was es in jenen Fällen nicht einfach machte, den Texten zu folgen. An dieser Stelle besteht noch Optimierungsbedarf.

In Summe ist Sebastian Ritschel und seinem Team eine wirklich gute Interpretation des Stückes gelungen, das durch seine Natur als Konzeptalbum diversen Einschränkungen unterliegt (wie etwa fehlende Dialoge), dennoch aber durch mehrerlei Dinge positiven Eindruck hinterlässt. Da ist das Bühnenbild, das einerseits viel Raum für eigene Interpretationen bietet und mit dem Magdeburger Dom im Hintergrund auch kaum imposanter ausfallen könnte. Da ist das Spiel mit Licht, Farben und Kontrasten. Und natürlich sind da die teilweise großartigen Darsteller. Gerade wird übrigens in Magdeburg darüber diskutiert, ob das DomplatzOpenAir künftig woanders stattfinden oder vielleicht sogar komplett abgeschafft werden sollte. In einer (wohlgemerkt nicht repräsentativen) Umfrage des MDR stimmten ca. 3500 Teilnehmer dafür, dass das Theater Magdeburg künftig einen anderen Ort für sein Sommer-Musical finden möge. Dem gegenüber stehen ca. 1500 Stimmen, die für die Beibehaltung des Domplatzes votierten. Inklusive aller weiteren Optionen wie „Ist mir egal“ nahmen 5258 Menschen an dieser Umfrage teil – dem gegenüber stehen allerdings die jährlich rund 22tausend Besucher des DomplatzOpenAirs, die sicherlich auf die ein oder andere Weise Geld in die Stadtkasse spülen. Das möge bitte bei den Überlegungen berücksichtigt werden. Vom kulturellen Aspekt ganz zu schweigen. Das Theater Magdeburg und der Domplatz gehören im Sommer einfach zusammen. Eine Inszenierung wie „Jesus Christ Superstar“ zeigt ganz eindrucksvoll, warum das so ist. Um mal in diesem Zusammenhang Jesus aus dem Stück „Hosanna“ zu zitieren: Was Ihr auch sagt, es hat keinen Sinn. / Nichts bringt diesen Jubel je zum Schweigen. / Und wären alle Zungen still, das Singen bliebe. Das sehen die Entscheidungsträger hoffentlich auch so und lassen sich von ein paar Querulanten nicht vom Kurs abbringen. Für diese gelungene Premiere jedenfalls ernteten die Beteiligten auf und hinter der Bühne standing ovations – und das mehr als verdient!


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