Foto: Johan Persson / Stage Entertainment

KINKY BOOTS: Bericht von der Aufführung im Stage Operettenhaus Hamburg, 07.02.2018

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Der Slogan „Hamburg wird Kinky“ prangt in Hamburg überall von Fassaden, Litfasssäulen, Plakatwänden, Taxis und Bussen. Zeit also, sich dieses neue Musical, das am 03.12.17 seine Deutschlandpremiere feierte, einmal näher anzuschauen.

Kinky Boots“ basiert auf dem Film „Kinky Boots – Man(n) trägt Stiefel“ aus dem Jahre 2005, der wiederum auf einer wahren Begebenheit basiert: Steve Pateman übernahm von seinem Vater die Schuhfabrik in Northhampton. Und wie viele Schuhfabriken damals standen sie kurz vor der Schließung, als er einen Anruf von Sue Sheppard erhielt, die ihn darum bat, Frauenschuhe im Männergröße für Transgender oder Dragqueens herzustellen. Pateman nahm die Herausforderung an, spezialisierte sich darauf und rettete seine Schuhfabrik vor der Schließung. Für Film und Musical wurde die Geschichte etwas umgeschrieben und erweitert.

Das Musical beginnt damit wie Charlie Price von seinem Vater erklärt bekommt, was einen guten Männerschuh ausmacht damit er sich es merkt, wenn er später die Fabrik übernimmt. Die Szene wechselt zu dem schwarzen Jungen Simon, der von seinem Vater zum Boxer ausgebildet wird, aber lieber auf den roten High Heels seiner Mutter durch die Gegend tanzt.
Die Szenerie wechselt wieder ins jetzt: Charlie (Dominik Hees) hat sich gegen die Übernahme der Fabrik entschieden und zieht mit seiner Verlobten Nicola (Franziska Schuster) nach London, um dort als Immobilienmakler zu arbeiten. Kurz danach stirbt jedoch sein Vater und Charlie ist gezwungen die Fabrik weiterzuführen. Dort angekommen stellt er schnell fest, dass die Firma kurz vor dem Bankrott steht, da es kaum noch Abnehmer für seine Schuhe gibt. Er fährt nach London um dort seinen besten Freund zu bitten, ihm die letzten Schuhe zum Selbstkostenpreis abzunehmen. Dieser willigt ein und Charlie macht sich auf den Rückweg, bei dem er unbeabsichtigt in eine Auseinandersetzung zwischen Lola (Gino Emnes) – es handelt sich hierbei um den inzwischen erwachsenen Simon – und ein paar Straßenschlägern gerät, bei welcher er von Lola aus Versehen niedergeschlagen wird. Charlie wacht in der Garderobe von Lola auf, die in einem Nachtclub als Dragqueen auftritt. Charlie bekommt mit, dass die High Heels, die von Lola und ihren Tänzern (den „Angels“) getragen werden, ständig abbrechen, da sie dem Gewicht von Männern nicht standhalten. Charlie bedankt sich bei ihr und fährt zurück nach Northampton, um dort den Angestellten den letzten Gehaltscheck sowie die Kündigung zu übergeben. Als er Lauren (Jana Stelley), die eine Schwäche für Charlie entwickelt, die Kündigung überreicht, schnauzt sie diesen an, dass er es sich viel zu einfach mache und er, wenn man mit dem aktuellen Produkt nicht mehr vorankommt, doch einfach das Produkt ändern solle. Charlie erinnert sich an die Worte von Lola und fährt zusammen mit Lauren nach London, um dort mit der Hilfe von Lola eine neue Schuhkollektion von Higheels für Männer zu entwerfen und diese bei der Fashionshow in Mailand zu präsentieren. Lola willigt zögernd ein. Bis die Kollektion in Mailand präsentiert werden kann, stehen allen noch einige Hürden im Weg. Allen voran der Fabrikarbeiter Don (Marco Heinrich), der aus seiner Ablehnung gegenüber Lola kein Geheimnis macht und ihr andauernd zu spüren gibt, dass sie nicht willkommen ist, sowie dessen Verlobte, die es nicht versteht, warum Charlie die Fabrik retten will. Dazu kommen die Selbstzweifel von Charlie und Lola…

Foto: Johan Persson / Stage Entertainment

Die Cast an diesem Abend war überragend und ein Mix aus 1 und 2. Besetzung.
Charlie Price: Dominik Hees schafft es, die Achterbahnfahrt der Gefühle, der sich seine Figur Charlie Price stellen, muss gekonnt zu meistern. Von Verzweiflung, Selbstfindung bis hin zur wiedergefundenen Leidenschaft trifft er immer die perfekte Facette und Tiefe und verliert nie seine Authentizität.

Lola/Simon: Gino Emnes spielt Lola/Simon, die natürlich eine Person sind, aber trotzdem unterschiedlicher nicht sein könnten. Lola ist stark, lässt sich von niemandem etwas sagen und geht ihren Weg, komme was wolle. Sobald er aber diese „Maske“ ablegt, ist er Simon. Ein von Unsicherheit und Selbstzweifeln geplagter Mann. Diese Kluft erschließt sich am besten, als er (als Simon) im Duett mit Charlie „Nicht dieser Sohn“ singt, einen Song in dem es darum geht, dass beide nicht den Erwartungen ihrer Väter gerecht werden konnten, sowie dem Duett von Lola und Don „Wovon Frauen träumen“, in welchem er Don zurechtweist. Gino überzeugt mit der Interpretation von Lola/Simon auf ganzer Linie.

Lauren: Von ihrem ersten großen Auftritt, wenn sie Charlie die Leviten liest, über ihr Solo „Die Liste falscher Männer“ zieht einen Jana Stelley als Lauren permanent in ihren Bann. Ihre Rolle ist sehr komödiantisch angelegt, was die Schwierigkeit mit sich bringt, es nicht zu plakativ und zu kitschig zu gestalten. Diese Balance hält Jana Stelley als Lauren jedoch großartig.

Don: Marco Heinrich spielt den Don, wie er sein sollte: Macho-mäßig, rüpelhaft und manchmal etwas schwer von Begriff. Etwas schade finde ich, dass gerade bei dieser Rolle die Entwicklung nicht richtig ausgearbeitet wird, da sie eine wichtige Schlüsselfunktion im Stück spielt.

Alle anderen Rollen von den Angels über Nicola bis zum kompletten Ensemble spielten ihre Rollen ausgezeichnet, so dass es daran nichts auszusetzen gab.

Foto: Johan Persson / Stage Entertainment

Buch/Musik/Choreographie: Das Buch zur Bühnenproduktion stammt von Harvey Fierstein, der unter anderem auch das Buch für „La Cage aux Folles“ schrieb und auch schon selber auf der Bühne stand. Zum Beispiel als Edna Turnblade im Musical „Hairspray“. Für diese Rolle wurde er mit einem Tony Award (dem Oscar der Theater- und Musical-Branche) ausgezeichnet.
Die Choreografie verantwortete Jerry Mitchel, der dafür ebenso einen Tony Award bekam.
Musik und Liedtexte stammen von Cindy Lauper, die damit ihr erstes Musical schrieb und dafür ebenfalls umgehend mit einem Tony Award sowie einem Grammy geehrt wurde. Sie schafft es mit ihrer Musik und den Texten, die Stimmung der Vorlage einzufangen – sei es über Balladen, Pop-Songs oder Comedy-Nummern. Alles passt perfekt. Sie verzichtete darauf, Lieder aus ihrer persönlichen Karriere zu verwenden und schuf damit etwas eigenständiges und mitreißendes.

Bühne/Kostüme: Das Stück spielt die meiste Zeit in der Schuhfabrik und ist relativ schlicht gehalten. Also großer Blickfang dient ein bewegliches Turmpodest, auf dem oben das Büro der Fabrik platziert ist. Je nach Szene wird dieser von den Darstellern bewegt oder gedreht oder mit Vorhängen besehen, um eine neue Optik zu schaffen. Ein Highlight sind die bewegbaren Fließbänder, die beim Finale des ersten Acts eingesetzt werden. Für Szenen die vor der Fabrik stattfinden wird die die Fabrikfassade wie ein Vorhang vor das Szenenbild gefahren. Die Kostüme reichen von schlichtem Fabrikarbeiter bis hin zu den glamurösen Outfits von Lola und den Angels. Ein Hingucker sind natürlich die besagten „Kinky Boots“ und die finalen Outfits der Angels – da glitzert und funkelt es dann nur noch.

Kinky Boots“ bietet alles was man sich von einem Musical wünscht: Drama, Liebe, Comedy und fantastische Musik. Man bekommt beim Anblick der Plakate und Werbung schnell den Eindruck, dass es sich um eine Geschichte über Dragqueens handelt. Dies ist aber nur ein kleiner Teil des Ganzen, denn eigentlich geht es darum sich selber treu zu sein. Nur wenn man sich selber akzeptiert, meine Damen und Herren und die die sich noch nicht entschieden haben, kann man Grenzen überwinden und andere ebenso akzeptieren. Also zieh deine Kinky Boots an und „sei DU“.


Titelfoto: Johan Persson / Stage Entertainment


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