Foto: Lucie Jansch / Düsseldorfer Schauspielhaus

LAZARUS: Bericht von der deutschsprachigen Erstaufführung des David Bowie-Musicals im Düsseldorfer Schauspielhaus, 3. Februar 2018

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Die mit großer Spannung erwartete Uraufführung der deutschen Fassung von LAZARUS, dem Musical von David Bowie und Enda Walsh, fand am Samstag, den 3. Februar im ausverkauften Schauspielhaus Düsseldorf statt. Nachdem wir der Fassung, wie sie von Bowie und Walsh erdacht und zunächst in New York und später in London aufgeführt wurde, im Januar des letzten Jahres im Londoner King’s Cross Theatre beiwohnten und zudem überzeugte Bowie-Fans sind, war es nur naheliegend, dass wir uns mal eben rund 800 km Autobahn ans Bein banden, um an der Premiere teilzunehmen.

Geschrieben wurde „Lazarus“ vom irischen Dramatiker Enda Walsh. David Bowie höchstselbst wandte sich vor ein paar Jahren an ihn, um mit ihm an einem neuen Projekt zu arbeiten. Im Programmheft zur deutschen Fassung ist ein Interview abgedruckt, in dem Bowie von Walsh wie folgt zitiert wird: „Ich bin besessen von der Figur Thomas Newtons, er hat mich nie wirklich losgelassen. Und ich frage mich, ob wir nicht etwas mit Thomas Newton heute machen könnten. Ein Mann im Fegefeuer, zwischen Leben und Tod festsitzend“. Aus dieser Idee entwickelte sich im Laufe der Zeit das vorliegende Musical. Dass sich Bowie zu dem Zeitpunkt bedingt durch seine Krebserkrankung schon längst in diesem Zustand zwischen Leben und Tod befand, wusste nur er selbst. Bowie erlag der Krebserkrankung nur wenige Wochen nach der allerersten Aufführung von „Lazarus“. Zu den letzten Songs, die Bowie aufgenommen hatte, gehört der Song „No Plan, der hier auch zu hören ist. Es kommt mir vor, als hätte er eben doch einen gehabt. Für sein Leben sowieso, für sein Sterben und die Zeit danach aber offensichtlich auch. Dadurch ist dieses Musical, von dem Bowie immer wollte, dass es sich anfühle wie ein Fiebertraum, in welchem der Tod unaufhaltsam näher komme, eben viel mehr als die augenscheinliche Fortsetzung einer Geschichte, die in „Der Mann, der vom Himmel fiel“ ihren Anfang nahm.

Hans Petter Melø Dahl (Newton) / Foto: Lucie Jansch

In dem Science-Fiction-Film von 1976 (basierend auf einem Buch von Walter Tevis) spielte Bowie den Außerirdischen Thomas Newton, der auf die Erde kommt, weil er Wasser für seinen Heimatplaneten braucht. Er lebt wie ein Mensch mitten unter uns, ist ein milliardenschwerer Unternehmer und sucht einen Weg nach Hause. Nach Hause kommt er jedoch nie; zwischendurch verliebt er sich in die Menschenfrau Mary-Lou und bleibt letztlich desillusioniert, gebrochen und verlassen zurück. Newton kann weder unsere Welt verlassen, noch kann er sterben, und ist damit Gegenentwurf und Parallele des durch durch den Krebs zum Sterben verdammten David Bowie gleichermaßen. Bowie musste lernen, dass er unsere Welt verlassen wird, sein Alter Ego Newton, wie er sie verlassen kann.

Das Stück knüpft an den besagten Film an. Unbestimmte Zeit ist vergangen und Thomas Newton verbringt seine Tage auf Erden nur noch damit, in seinem Appartement zu hocken, Fernsehen zu schauen und Gin in großen Mengen zu trinken. Seine große Liebe Mary-Lou ist von ihm gegangen und, wie so viele andere Dinge in diesem Stück auch, überlassen es Bowie und Walsh dem Zuschauer sich zu überlegen, warum und wohin. Newtons Leben wird im Prinzip nur noch bevölkert von seiner Assistentin Elly, die eine im Verlaufe der Handlung alles Mögliche unternimmt, ihrem Dasein einen Sinn zu geben und sich von einem unbedeutenden Nichts in irgendwas mit mehr Belang zu verwandeln versucht. Doch ganz plötzlich ist da auch noch das zunächst namenlose Mädchen, das Newton erscheint und ihm erklärt, sie wüsste, wie er die Welt verlassen könne und Valentine, ein Psychokiller besonderer Art, ebenfalls mit einem großen Interesse an Newton versehen. Sind die Figuren, welche die Welt des Thomas Newton bewohnen, real? Oder existieren sie vielleicht nur in seinem immer brüchiger werdenden Verstand, der mehr zu bewältigen hatte als den Verlust seiner geliebten Frau? Man weiß es nicht, eine definitive Antwort darauf bleibt das Stück, dessen deutsche Texte von Peter Torberg stammen, auch dieses Mal schuldig. Somit ist der Versuch, eine Art Fiebertraum auf die Bühne zu bringen, auch in Düsseldorf gelungen.

Lieke Hoppe (Girl), Stephan Komitsch / Foto: Lucie Jansch

Inszeniert wurde die Düsseldorfer Interpretation des Stückes von Matthias Hartmann. Der ehemalige Intendant und Hausregisseur des Wiener Burgtheaters steht derzeit durch einen offenen Brief in der Kritik, der von 60 Ensemblemitgliedern des besagten Burgtheaters unterzeichnet wurde und in welchem ihm vorgeworfen wird, „Abhängigkeiten und Betriebshierarchien nicht durch einen verantwortungsvollen Umgang aufgefangen, sondern eine Atmosphäre der Angst und Verunsicherung erzeugt“ zu haben. Die aktuelle #metoo-Debatte hat die Unterzeichner des Briefes, der übrigens hier im Wortlaut nachzulesen ist, ermutigt, sich zu dem offenbar vergifteten Klima von Hartmanns Zeit am Burgtheater 2009 bis 2014 sehr deutlich und öffentlich zu äußern. Körperliche Vergehen wie etwa Vergewaltigung stehen nicht auf der Liste der Vorwürfe. Machtmissbrauch durch Sexismus, Rassismus und/oder dem Aufbau eines permanenten Angstgefühls, dadurch erzeugt jederzeit durch plötzliche Missgunst entlassen werden zu können, ist ja schon schlimm genug. Noch immer gilt die Unschuldsvermutung in diesem Land, aber wenn die Vorwürfe stimmen – wovon man bei der Menge an Unterzeichnern dieses Briefes beinahe ausgehen muss – dann bleibt nichts anderes als dem Schreiben und seinem Ansinnen, dass in so manchem Theater wirklich dringend mal durchgefegt werden, ja so manche Struktur überdacht und überarbeitet werden muss, zwingend beizupflichten. Auch wenn der Zeitpunkt der Veröffentlichung des Briefes – am Tag der Premiere nämlich – durchaus hinterfragenswert ist. Struktureller sowie (non-)verbaler Missbrauch kann und darf nicht sein. Nicht am Theater, nicht irgendwo sonst. Wer eine überlegene Position missbraucht, gehört dafür zur Rechenschaft gezogen! Dass das System Theater als solches vielleicht noch einmal neu gedacht werden sollte, steht zusätzlich auf einem anderen Blatt.

Im Zuge von #metoo wird immer wieder darüber debattiert, ob Künstler, denen wie auch immer geartete Vergehen vorgeworfen werden, und die Werke, die sie geschaffen haben, getrennt voneinander betrachtet werden sollten. Im Falle der Düsseldorfer Inszenierung von „Lazarus“ sollte man die im Raum schwebenden Vorwürfe von der Inszenierung trennen. Das Stück ist ja schließlich nicht auf Hartmanns Mist allein gewachsen. Zudem waren außer ihm noch so viele Menschen mehr beteiligt, welche die Premiere zu einer sehr gelungenen Veranstaltung machten – und denen man vermutlich gleichermaßen schadete, würde man „Lazarus“ in Düsseldorf auf Matthias Hartmann und den besagten offenen Brief reduzieren.

André Kaczmarczyk (Valentine), Florentine Kühne, Inga Krischke, Eva Löser (Teenage Girls) / Foto: Lucie Jansch

Allen voran muss nämlich die Darstellerriege genannt werden, die teilweise wirklich ganz fantastische Leistungen erbrachten. Als Glückstreffer erwies sich die Verpflichtung des Norwegers Hans Petter Melø Dahl für die Hauptrolle. Nicht nur, dass Dahl über eine gewisse optische Ähnlichkeit zu Bowie verfügt, auch Gestik und Mimik waren dem offensichtlichen Vorbild sehr ähnlich. Wieviel Zeit er wohl damit verbracht haben mag, Bowies Bewegungen einzustudieren? Darüber hinaus verfügt er über eine ziemlich eindrucksvolle, kräftige Stimme, die trotz der Bronchitis, mit welcher er den Abend bestritt, den kompletten Saal der Großen Bühne des Schauspielhauses zu füllen vermochte. Man hört und liest immer wieder von sagenhafter Bühnenpräsenz, über die ein Darsteller verfügt oder eben auch nicht – Dahl jedenfalls hat sie. Die Verzweiflung, die Zerissenheit, der Verstand, welcher ihm zu entfliehen droht – all das brachte er in meinen Augen überzeugender herüber, als seinerzeit Michael C. Hall in der gleichen Rolle. Möglicherweise hat Dahl hier einen neuen Maßstab definiert.

Rosa Enskat (Elly), Christian Erdmann (Zach) / Foto: Lucie Jansch

Ihm in nichts nach stand André Kaczmarczyk in der Rolle des Valentine, Newtons finsterem Widersacher. Er verlieh der Figur wesentlich mehr diabolische Tiefe, zudem schimmerten hier, nicht zuletzt durch die Kostüme, ein bisschen die Kunstfiguren von David Bowie durch. Kaczmarczyk war quasi der Thin Black Duke dieses Abends. Wo Michael Esper seinerzeit durch einen furiosen Wutausbruch überzeugte, tat es André Kaczmarczyk durch eine schwer zu greifende Zwangshandlung, Liebe zerstören zu müssen. Pluspunkte gab es für die stimmliche Leistung, die dem Original bisher am nächsten kam. Es überrascht nicht, dass Kaczmarczyks Valentine den intensivsten Applaus des Abends einkassierte. Die Rolle des Mädchens spielte Lieke Hoppe, die ähnlich wie Dahl kurz vor der Premiere an einer Bronchitis erkrankte. Hut ab vor beiden Beteiligten, trotzdem tapfer und überzeugend durchgezogen zu haben! Leider jedoch lässt sich die stimmliche Leistung von Frau Hoppe dadurch nicht so richtig beurteilen. Schade. Was gesanglich zu hören war, gefiel, aber ob nicht noch mehr möglich gewesen wäre, werden spätere Vorstellungen zeigen. Ihre Interpretation des Mädchens jedoch hat mich mehr überzeugt als es Sophia Ann Caruso seinerzeit in London getan hat. Ganz toll auch: Rosa Enskat als Newtons Assistentin Elly. Den Versuch ihrer Figur, ihrem Leben auf Brechen und Biegen vermeintlich mehr Sinn verleihen zu wollen, brachte sie sehr überzeugend herüber. Bemerkenswert auch: Stefan Gorski als Ben (in gespielter Zeitlupe eine Treppe herunterzupurzeln zeugt schon von großer Körperbeherrschung!) sowie Inga Krischke (zuletzt gesehen in ihrer beeindruckenden Performance in „Der Zauberer von Oz“ am Theater Magdeburg als Dorothy) als eines der Teenage Girls, das verführerisch und lasziv Valentine umgarnte. Unterm Strich würde ich sagen wollen, dass mich der Düsseldorfer Cast weitgehend mehr beeindruckt hat als die Besetzung seinerzeit in London – und mit der ist „Lazarus“ ursprünglich in New York auch an den Start gegangen!

Inga Krischke, Eva Löser, Florentine Kühne (Teenage Girls), Marie Jensen (Maemi) / Foto: Lucie Jansch

Ein richtiger Hingucker waren überdies auch die „passiven Darsteller“: das Bühnenbild bzw. die Ausstattung als solche! Die Szenerie bestand auch hier im Wesentlichen aus einem Bett plus diversen Video-Installationen. Anders als zuvor aber war die Rakete, mit welcher Newton zu den Sternen zurückkehrt, nicht einfach nur eine Leinwand – sondern eine richtige Konstruktion, die imposant über dem restlichen Bühnenbild thronte und zusammen mit dem gelungenen Bühnenlicht für interessante Licht- und Schattenspielereien sorgte. Auch in Düsseldorf wurde viel mit Videos gearbeitet; durch einen Kameramann, der wie ein Geist inmitten der Protagonisten umher schwirrte und das Geschehen mit Filtern verfremdet auf die Bildschirme warf, sogar noch interessanter. Dem Auge wurde also alleine schon durch die Ausstattung hier eine Menge geboten. Die Band unter der Leitung von Heinz Hox wollte da offenbar nicht hinten anstehen gab sich bei den verwendeten Songs wie „The Man Who Sold The World“ oder „Absolute Beginner“ erfolgreich alle Mühe, mit dem sichtbaren Geschehen mitzuhalten. Schöner Kniff übrigens, Solisten wie das Saxofon immer mal wieder ins Spotlight zu rücken. Überhaupt wurde der gesamte Raum der Bühne sinnvoll ausgenutzt. So stolzierte das Mädchen, Lieke Hoppe, beispielsweise mal an der Grenze zum Orchestergraben über die Bühne, während Dahl als Newton mit seiner Art Agonie die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog.

Darsteller, Bühnenbild, Kostüme, Videoinstallationen – es war in vielen Punkten eine rundherum gelungene Produktion, die vor allem bei Bowie-Fans keine Wünsche offen gelassen haben dürfte. An diesem Abend eine überzeugende Premiere gesehen zu haben, machte sich auch am abschließenden Beifall bemerkbar. Das Publikum ließ sich an diesem Abend nicht lange bitten. Kaum, dass der (in diesem Fall sprichwörtliche) Vorhang gefallen war und die Darsteller die Bühne erneut betraten, gingen die Gäste dazu über, sich stehend und energisch klatschend für die gebotene Show zu bedanken, lang und anhaltend. Mehr als verdient. Ich war mir nicht sicher, ob das Stück auch auf Deutsch funktionieren würde. Im D’haus wurde der Beweis erbracht, dass es das tut. Daher hat es sich definitiv gelohnt, dafür 800 km durch die Gegend zu fahren. Bowie-Fans und Freunde eines kurzweiligen Musical-Abends, das nicht notwendigerweise gute Laune verbreitet, die im Düsseldorfer Einzugsgebiet wohnen, sei ein Besuch der Vorstellung an dieser Stelle empfohlen. Über den Fall Hartmann muss an anderer Stelle geurteilt werden. Wegen vergangener Fehlleistungen womöglich das Stück zu boykottieren, wie mancherorts als Forderung zu lesen ist, würde wie so oft die Falschen treffen.

André Kaczmarczyk (Valentine), Hans Petter Melø Dahl (Newton), Rosa Enskat (Elly) / Foto: Lucie Jansch

Lazarus“ wird vom Rechteinhaber Robert Fox Ltd. derzeit für die Bühnen weltweit lizensiert; das Theater Bremen wird das Stück daher im Juni aufführen, die österreichische Erstaufführung erfolgt am Volkstheater in Wien ab Mai. Ich bin gespannt, wie andere Häuser den Stoff umsetzen werden. Ein paar Facetten können hier sicher immer noch beleuchtet werden. Die Messlatte durch das Schauspielhaus Düsseldorf liegt indes ziemlich hoch.

Dem Programmheft zufolge soll die Hebamme, welche Bowie auf unsere Welt holte, gesagt haben, nachdem sie erstmals in seine Augen geschaut hatte, er sei schon einmal hier unter uns gewesen. Wer kann denn im Falle David Bowies wirklich mit absoluter Gewissheit sagen, ob er nicht vielleicht wirklich schon früher einmal vom Himmel gefallen ist? Who knows? Not me. „Lazarus“, dieses seltsame, rätselhafte und sich nie komplett in die Karten gucken lassende Musical macht auch in der deutschen Fassung einmal mehr ziemlich deutlich, dass der Tod von David Bowie für die Pop-Welt ein sehr großer Verlust war. An diesem besonderen Februarabend im Düsseldorfer Schauspielhaus aber war der Starman in gewisser Weise wieder hier, davon bin ich überzeugt. Zwischen den spielfreudigen Darstellern mit ihren teilweise großartigen Leistungen, inmitten der Band die seine Songs spielt, direkt unter uns Gästen, die wir ihn vermissen. Lazarus, der von den Toten Wiederauferstandene. Die Namensfindung für sein Musical war womöglich Bowies letzter großer Geniestreich, ehe er zu den Sternen zurückkehrte.


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