Foto: Warp Records

MARK PRITCHARD – Under The Sun

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Wer oft und viel Musik aller Art konsumiert landet gerne mal bei der Feststellung: alles wiederholt sich. Ist irgendwie ja auch klar, da die Möglichkeiten dessen, was sich in hörbare, harmonische Tonfolgen umsetzen lässt, begrenzt sind. Was weniger das Problem ist als das oftmals aufkommende Gefühl von „meh, schon wieder so ein XYZ-Klon – fällt denen echt nix Neues mehr ein?!“. Begleitet von einer latenten Langeweile. Dabei sind gerade im Bereich elektronischer Musik noch lange nicht alle Grenzen des Machbaren ausgelotet. Ein Künstler, der diese Grenzen stets immer noch ein bisschen weiter verschiebt, ist MARK PRITCHARD. Und der hat mit „Under The Sun“ gerade ein neues Album veröffentlicht, um das mir nun nachfolgend geht.

Under The Sun“ klingt ein bisschen so, als stammte es vom Ende der Zeit. Als hätte Mark Pritchard in einer fernen Zukunft, in der jede denkbare Form der Musik bereits mehrmals durchgespielt wurde, Klänge der Vergangenheit genommen, analysiert und sequenziert und daraus einen Soundtrack für die dann aktuelle Gegenwart extrahiert. Zwar hat sich Pritchard vom Sound der 60er und 70er inspirieren lassen und versucht sie mit modernen Mitteln nachzuempfinden – dennoch klingt der Stoff die meiste Zeit über so, wie man sich Musik der Zukunft in Science-Fiction-Filmen vorstellt. Sehr flächig, sehr experimentell, kaum den klassischen Strukturen gewöhnlicher Songs folgend. Es ist sicher kein Zufall dass sogar mal das Gefühl aufkommt, das Geräusch des Beamens aus Star Trek sei ebenfalls gesampled worden. Und doch: manchmal entsteht sogar der Eindruck, die Tonfolge klinge gerade irgendwie… mittelalterlich. Oder wenigstens sehr alt. Welch interessanter Kontrast von dem was man hört und dem, was den Mann beeinflusst hat. In dem Zusammenhang wird überliefert, dass „Under The Sun“ im Wesentlichen von Erinnerungen an die englische Grafschaft Somerset, wo er geboren wurde und aufgewachsen ist, geprägt sei. Mark Pritchard war mit mehr Künstlernamen unterwegs als ich Socken im Schrank habe und hat seit den frühen 90ern so ziemlich jede wichtige (Untergrund-)Strömung der elektronischen Musik mit geprägt. Wann immer irgendwas neu und spannend war konnte davon ausgegangen werden, dass der Brite mit am Start war. Global Communication, Jedi Knights, Reload – nur ein paar wenige Namen, die ein paar Dellen ins Universum elektronischer Musik getreten hatten. Rave, Techno, Drum & Bass – Pritchard mag es gerne ein bisschen härter. „Ich mag Clubtracks, und ich mag generell Sachen, die heavy sind, mit harten BeatsAber dieses Mal wollte ich etwas machen, das einen ganz anders in seinen Bann zieht“, sagt er – und so ist „Under The Sun“ vor allem eines: Ambient. Kein Clubtrack, nicht heavy – eher das komplette Kontrastprogramm dazu. Überhaupt scheinen Kontraste eine Art roter Faden zu sein.

Eingängige Ohrschmeichler hingegen standen nicht auf dem Zettel, als Pritchard mit den Arbeiten an diesem Album begonnen hatte. Der das Album eröffnende Orgel-Drone-Track „?“ stellt das ziemlich schnell klar. Bei einer Spielzeit von guten sechs Minuten hören wir zu Beginn nicht wesentlich mehr als ein paar wenige, langgezogene Töne, die später um effektbeladenes Gitarrengeklimper ergänzt werden. Ein bequemer Einstieg klingt anders. Es ging dem Pritchard vor allem darum, Stimmungen zu erzeugen. Er sagt: „Manche (Tracks) wirken angespannt, manche klingen eher positiv, manche so dazwischen, irgendwie melancholisch; wieder andere sind einfach traurig und treffen einen hart, andere wirken richtig finster und unheilvoll…“. Jo. Kommt hin. „Give It Your Choir“ wirkt versöhnlicher, wartet es doch auch mit Gesang auf. Der gewählte Einfluss des vor allem psychedelischen Sounds der 60er und 70er ist hier deutlich hörbar. So auch bei „Beautiful People“, das zusammen mit Radioheads Thom Yorke entstand. John Dent, verantwortlicher Tontechniker dieses Albums, machte übrigens den Vorschlag, „Under The Sun“ wie ein Klassik- bzw. Jazz-Album abzumischen. Pritchard sagt dazu: „Er hat die Regler auch nie so hochgezogen, sprich: Das Album ist nicht so laut wie die meisten zeitgenössischen Alben, aber es hat trotzdem diese Dynamik, diese Bandbreite„. Eine in der Tat sehr sinnvolle Entscheidung, die das Hörerlebnis mit hochwertigen Kopfhörern beispielsweise nur intensiver und eindringlicher macht. Zumal es zu Pritchards Suche nach dem perfekten Sound passt, die er wie folgt umschreibt: „Ich arbeite einfach wahnsinnig intensiv, sprich: so lange, bis wirklich alles stimmt. Wenn ich einen Sound mag, dann analysiere ich ihn wirklich bis ins kleinste Detail. Ich finde erst mal heraus, welche Muster ihn definieren, besonders in Sachen Timing, und das mache ich dann noch einmal und noch einmal und so lange, bis wirklich alles stimmt„.

Die ganze Spieldauer von immerhin fast 70 Minuten über fühlt sich „Under The Sun“ wie eine Reise durch eine ferne Zukunft an. Wie ein Abstecher in eine Außenweltkolonie, wo die eigenwilligen Klänge dieses Albums wie der natürliche Soundtrack einer fremdartigen Umgebung tönen. Die Krönung ist der abschließende Titeltrack, ein abgefahrener Trip aus dumpfen, schweren Beats, flächigen Synthies und facettenartigen Gesangssamples. Ganz plötzlich hat man die Außenweltkolonie verlassen und ist bewundernder Gast eines futuristischen Hofstaates. Ein ums andere Mal lässt „Under The Sun“ staunen, was mit Musik möglich ist. Wenn Ihr mit dem aktuellen Status quo der elektronischen Musiklandschaft zufrieden seid, ok. Wenn Ihr jedoch Bock habt auf etwas Neues, etwas mit dem sich zudem die eigenen Hörgewohnheiten ausreizen lassen, dann könnt Ihr Euch von Pritchard auf einen außergewöhnlichen Trip mitnehmen lassen. Tickets für diese Reise gibt es beim Musikdealer Eures Vertrauens.


Wer mit Ambient im Allgemeinen und experimenteller elektronischer Musik im Besonderen nicht viel anfangen kann, wird an Mark Pritchards „Under The Sun“ vermutlich wenig Freude haben. Die vielen Stimmungen, die Bilder die hier mittels oftmals sehr minimalistischer Musik gemalt werden – sie erfordern schon, dass man sich als Hörer bedingungslos darauf einlässt. Wie so oft bei Musik aus diesem Bereich wirkt auch „Under The Sun“ wie aus einer fernen Zeit in unsere Gegenwart gebeamt – ein Ausblick auf die Musik von morgen. Zweifelsohne ein spannendes und sehr ergiebiges Hörerlebnis – aber ganz sicher nichts für die breite Masse. Würde mich aber nicht überraschen, wenn Pritchard hier wieder Impulse geliefert hätte, die später in anderen, vielleicht leichter zugänglichen Werken elektronischer Musik wieder aufgegriffen werden.


fdl253641-744749-roman.jasiek@avalost.de-Mark_Pritchard_Under_The_Sun


Wer mit Ambient im Allgemeinen und experimenteller elektronischer Musik im Besonderen nicht viel anfangen kann, wird an Mark Pritchards „Under The Sun“ vermutlich wenig Freude haben. Die vielen Stimmungen, die Bilder die hier mittels oftmals sehr minimalistischer Musik gemalt werden - sie erfordern schon, dass man sich als Hörer bedingungslos darauf einlässt. Wie so oft bei Musik aus diesem Bereich wirkt auch „Under The Sun“ wie aus einer fernen Zeit in unsere Gegenwart gebeamt - ein Ausblick auf die Musik von morgen.
INHALT / KONZEPT.7
TEXTE.6.5
GESANG.6
PRODUKTION.8
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.7.5
LESERWERTUNG.0 Votes0
7.2
TOTAL.

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    Roman Jasiek
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    Roman Jasiek
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