Foto: Chris Ruiz

MESH – Live At Neues Gewandhaus Leipzig

Bevor ich zum eigentlichen Anliegen dieses Schreibens komme, muss ich zunächst einen kleinen Rant am Rande loswerden: Dieses Gothic meets Klassik-Gemache geht mir inzwischen wirklich tierisch auf den Saque! Anfangs war das ja noch ganz witzig zu hören, wie Teilnehmer der Düsterszene klingen, wenn man ihnen ein klassisches Korsett verpasst hat. Inzwischen aber hat sich das Thema in meinen Ohren totgelaufen. Jede neuerliche Band, die den Spagat versucht, ihre gewohnten Songs für eine orchestrale Fassung zu arrangieren (oder oftmals: arrangieren zu lassen), langweilt mich nur noch. Das ist ungefähr so spannend, wie aus dem Telefonbuch vorgelesen zu bekommen. Lasst euch doch mal etwas Neues einfallen! Gothic meets Reggae zum Beispiel, das hätte mal was. Von mir aus auch Gothic meets Polka. Oder Gothic meets Schlager. Oh, wait – das gibt es ja schon zur Genüge… Jedenfalls kann dieses Gothic meets Klassik von mir aus fortan zu den Akten gelegt werden. Der Auftakt damals mit VNV Nation hätte gelungener kaum ausfallen können. Und wenn wir nun mit MESH und ihrem jüngsten Album „Live At Neues Gewandhaus Leipzig“ darunter einen Schlussstrich ziehen würden, wäre auch das Finale denkbar gut gelungen. Da ich nun fertig bin damit, mich über die vorherrschende Ideenlosigkeit aufzuregen, komme ich nun zu genau diesem Album. So viel kann ich aber schon mal festhalten: selbst wenn man bei diesem Thema an einer derartigen Übersättigung leidet wie ich, lohnt sich in diesem Fall definitiv das Reinhören.

Soweit wie ich das beobachten kann, spalten Mesh ihre Fans in zwei Lager. Die einen finden geiler, was Mark Hockings und Richard Silverthorn in den frühen Jahren ihrer Karriere so gemacht haben. Die anderen hingegen, und zu denen zähle ich mich auch, sind der Meinung, dass die Bristoler mit jedem Album besser werden. Wären die letzten beiden Alben Badewasser gewesen, hätte ich das saufen wollen. Jedenfalls haben sich auch Mesh diesem neumodischen Zirkus unterworfen und ihre Songs in klassischer Form für ein Orchester aufbereiten lassen. Verantwortlich hierfür war einmal mehr Conrad Oleak, der schon diversen Szene-Künstlern den klassischen Unterbau gezimmert hat. Im Oktober 2015 spielten Mesh nun also ihr im Wortsinn klassisches Set, das an jenem Abend leider gerade Mal fünf Songs umfasste. Da das für ein Album ein bisschen wenig ist, wurden im Studio, ebenfalls unter der Führung von Herrn Oleak, drei weitere Songs eingespielt, die in ihrer Qualität den Live-Fassung in nichts nachstehen.

Foto: Claudia Schöne (guiding-light.de)

Qualität ist überhaupt das Wort der Stunde in diesem Fall. Bei diesem Klassikaufguss bekannter Gassenhauer musste in den letzten Jahren so manche Band die Hosen auf denkbar ungünstige Weise runterlassen. Nicht nur, dass sich manche Songs schlicht und ergreifend nicht dafür eignen, von einem 65-köpfigen Orchester auf die Bühne gebracht zu werden, nö, auch stimmlich wurden so manche Defizite noch deutlicher herausgearbeitet, als man sie ohnehin schon bei Live-Konzerten erleben kann. In letzten Punkt besteht bei Mesh allerdings keine Gefahr. Dass der Hockings singen kann, und das zudem sehr gut, hat er auf unzähligen Konzerten bewiesen. Auf so manchem davon habe ich mich selbst davon überzeugen können. Was bei anderen Teilnehmern von Gothic meets Klassik eher für Fremdschämen gesorgt hat, funktioniert bei Mesh ziemlich wunderbar. Die Songs tönen in ihrer orchestrierten Fassung hervorragend, Mr. Hockings leistet sich stimmlich nicht nur keine Schwächen, sondern kann ganz im Gegenteil mehr überzeugen als nahezu alle anderem vor ihm, die im Gewandhaus aufgetreten sind.

Über die Auswahl der Songs kann man sicherlich streiten, das ist wie alles Geschmackssache. Dass drei der fünf Live-Songs von ihrem sensationellen Album „Automation Baby“ stammen, dürfte wohl nicht jeden Fan glücklich machen. Speziell nicht die des „früher warense geiler“-Lagers. Und tatsächlich: die Diskografie von Mesh ist ja nun durchaus üppig genug, dass man hier größere Abwechslung hätte bieten können. Gleiches gilt für die nachträglichen Studioaufnahmen. Da stammen zwei von drei Titeln vom letzten Album „Looking Skyward“. Hier haben Mesh die Chance vertan, in die Tiefe zu gehen. Es ist daher zu vermuten, dass die letzten beiden Alben dem Duo die größte Aufmerksamkeit bescherte und man sich daher vor allem darauf konzentrierte. Wäre nachvollziehbar, ist dennoch schade.

Foto: Claudia Schöne (guiding-light.de)

In Sachen Klangqualität, was bei so einem Album beinahe mehr noch zählt als alles andere, geben sich Mesh jedoch keine Blöße. Die Live-Fassungen geben den Hörern das Gefühl, mitten im Gewandhaus zu sein. Schön, dass Marks Stimme so herausgearbeitet wurde, dass sie sich gegen die üppige Orchestrierung behaupten kann. Und die Studio-Songs? Versetzen Euch direkt ins Gewandhaus, quasi als Zugabe. „Live At Neues Gewandhaus Leipzig“ demonstriert diverse Dinge ziemlich eindrucksvoll: Mark Hockings ist definitiv einer der besten Sänger, den die Szene zu bieten hat. Und die Songs funktionieren immer, ganz gleich in welcher Darreichungsform. Daher ist dieses Album eine tolle Ergänzung in der Diskografie des Duos aus Bristol. Und eines werden Fans beider Lager sowie auch Anhänger und Gegner des „Gothic meets Klassik“-Konzepts zugeben müssen: mehr Gänsehaut war schon lange nicht mehr. Weder bei Mesh als auch bei dem Auftakt der GmK-Reihe.


Wie eingangs schon erwähnt: ich wäre nicht traurig, wenn wir dieses „Gothic trifft auf klassische Musik“ fortan zu den Akten legen würden. Einerseits, weil das einfach nicht mehr den gleichen Reiz hat, wie noch in den Anfangstagen. Andererseits weil die stärksten Acts ihr Pulver verschossen haben. Ich fürchte aber, dass dieses Thema immer noch genug Anklang findet, um weiterhin Veranstaltungen dieser Art stattfinden zu lassen und „Nebenprodukte“ wie entsprechende Live-Mitschnitte oder reine Klassik-Alben hervorzubringen. Der Auftakt war, wie ebenfalls gesagt, sensationell. Und wer es jetzt immer noch versuchen möchte, muss sich an Mesh messen lassen, die mit ihrem „Live At Neues Gewandhaus Leipzig“ die Messlatte so hoch gelegt haben, dass alles, was nach ihnen kommt, sich wirklich sehr ins Zeug legen muss. Die Briten haben sich bei ihrem Auftritt im Oktober 2015 standing ovations erspielt, und sie haben sich diese auch mit diesem Album verdient. Wer es dennoch probieren möchte – viel Glück! Der jüngste Maßstab in diesem Zirkus sind Mesh und möglicherweise haben sie sich hiermit eine ganz eigene Liga geschaffen.



INHALT / KONZEPT.7
TEXTE.8
GESANG.9
PRODUKTION.9
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.9.5
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Falls es je einen Zweifel gab, ist er spätestens jetzt beseitigt: Mark Hockings ist einer der besten Sänger der Szene!
Mesh-Songs funktionieren also auch in klassischer Form
Die Messlatte für künftige Mitbewerber wurde hier unfassbar hoch gelegt
8.4
PUNKTE.
FAZIT.
Ich fürchte aber, dass dieses Thema immer noch genug Anklang findet, um weiterhin Veranstaltungen dieser Art stattfinden zu lassen und „Nebenprodukte“ wie entsprechende Live-Mitschnitte oder reine Klassik-Alben hervorzubringen. Der Auftakt war, wie ebenfalls gesagt, sensationell. Und wer es jetzt immer noch versuchen möchte, muss sich an Mesh messen lassen, die mit ihrem „Live At Neues Gewandhaus Leipzig“ die Messlatte so hoch gelegt haben, dass alles, was nach ihnen kommt, sich wirklich sehr ins Zeug legen muss. Die Briten haben sich bei ihrem Auftritt im Oktober 2015 standing ovations erspielt, und sie haben sich diese auch mit diesem Album verdient. Wer es dennoch probieren möchte - viel Glück! Der jüngste Maßstab in diesem Zirkus sind Mesh und möglicherweise haben sie sich hiermit eine ganz eigene Liga geschaffen.