BRUDERSCHAFT - Return

BRUDERSCHAFT – Return

2003 veröffentlichte der New Yorker Rexx Arkana (FGFC820) die EP „Forever“ im Rahmen des Projekts BRUDERSCHAFT. Es handelte sich hierbei um eine Zusammenarbeit von vielen Künstlern aus dem Bereich Düsterelektro, die damals (und teilweise auch heute noch) von Rang und Namen waren. Hintergrund hinter dem herzergreifenden Song, der damals von Ronan Harris (VNV Nation) vorgetragen wurde, war der Krebstod des Vaters von Rexx Arkana und der Wunsch, ein Denkmal sowie einen Benefizsong zugunsten der Krebsforschung gleichermaßen zu schaffen. Zehn Jahre später tritt die Bruderschaft erneut mit einer Silberlinge füllenden Veröffentlichung in Erscheinung. Personell aufgestockt, erscheint in diesen Tagen das Album „Return“. Ein Paukenschlag für die düstere Elektrogemeinde?

2003 bestand die Bruderschaft noch aus Rexx Arkana, Ronan Harris (VNV Nation, Gesang), Sebastian Komor (Icon Of Coil, Produktion und Programmierung), Joakim Montelius (Covenant, Samples und Loops) und Stephan Groth (Apoptygma Berzerk, Hintergrundgesang). Zehn Jahre später ist die Bruderschaft um einige Künstler angewachsen. Unter anderem mit dabei: Tom Shear (Assemblage 23, Gesang) und Johann Sebastian (State Of The Union, Komposition). Acht, weitestgehend neue Songs beinhaltet die Rückkehr der Bruderschaft. Da an jedem Song ein mehr oder weniger bekannter Elektroniktüftler der Düsterszene beteiligt war, hilft es alles nüscht – wir gucken uns die Songs mal detaillierter an.

Trigger: Der Einstieg in „Return“ ist gleich der zweitlängste Beitrag hier überhaupt und wird vorgetragen von Clint Carney. Tausendsassa Carney hat mit seinem eigenen Projekt System Syn unlängst selbst ein sensationelles neues Album namens „No Sky To Fall“ veröffentlicht und schlägt hier inhaltlich ähnliche Töne an. So ein Abzug findet manchmal viel zu schnell einen Finger. Schön, wie sich Carney hier stimmlich ins Zeug legt, während eingängige Beats und flirrende, synthetische Klavierspielereien und flächige Synthies der Sache den entsprechenden Rahmen bieten. Für ein System Syn-Song beinahe zu popig, aber Carney war hier ja nicht alleine am Werk. Für mich tatsächlich gleich zum Auftakt der stärkste Track dieses Albums.

Return: Dass Tom Shear von Assemblage 23 dieses Mal dem Titelsong seine unverwechselbare Stimme leihen würde, war ja schon geraume Zeit bekannt. Schließlich geisterte der Song schon jahrelang als Beitrag auf Compilations oder Youtube-Video durch die Musikwelt. So zum Beispiel auf der „Advanced Electronics Vol. 7“ aus dem Jahre 2008, damals noch im Imperative Reaction-Mix. Mit diesem gibt es auf der Bonus-CD der Limited Edition ein Wiederhören. Toms Gesangsbeitrag gefällt mir persönlich besser als der von Ronan seinerzeit, der skeptisch-fragende Text hier fällt allerdings deutlich gegen „Forever“ ab. Dennoch: ein eingängiges Stück FuturePop ist es allemale.

Dead Tomorrow: Es singt und schwingt für Sie: Daniel Graves von Aesthetic Perfection. Knochentrockene, stampfende Electro-Kost wird geboten, ausstaffiert mit einem überschaubaren Maß an Melodie und Instrumentierung. Irgendwie überrascht es nicht, dass Graves, der ja gerne mal bei Facebook mit seinen Alkoholexzessen prahlt, hier in seinem eigenen Text singt: „we drink to a dead tomorrow“. Höm.

Goodbye: Jared Lamberts bzw. Ien Obligues Beitrag zur Rückkehr der Bruderschaft. Stimmlich durchaus gefällig, da unverzerrt und mit einiger Wärme versehen, bleibt es insgesamt doch ein reichlich blasses, weil viel zu gleichförmiges Stück Tüdelelektro. Ich ertappte meine Füße zwar beim Mitwippen, wusste aber hinterher nicht mal mehr zu sagen, warum. „Goodbye“ ist später noch einmal in der Colony-5-Version zu hören und bleibt als solche deutlich nachhaltiger in Erinnerung.

The Things That Dreams Are Made Of: Andylab von Syrian hier, der mit diesem Beitrag einen Song der legendären Human League in ein schnörkeliges, analog-elektronisches Korsett steckte, die Geschwindigkeit nach oben drehte und insgesamt das inzwischen nur noch nervige Original gehörig entstaubte.

Falling: Dieser Song, beigesteuert von Haujobb– und DSTR-Ikone Daniel Myer, klingt im Prinzip genau so, wie man es vom „Architect“ erwartet. Gefühlvoller Gesang trägt gefühlvolle Texte vor, während der Myer musikalisch einmal mehr beweist, was für ein Fuchs er doch ist. Ein paar der spannendsten Arrangements, ein paar der tollsten Melodiebögen und die schicksten Spielereien sind in diesem Song vereint. Gegen Ende hin hat dieser Song mit seinem an Xylofone erinnernden Gegongel und diesen laaaaaaaaang gezogenen Tönen sogar einen zarten Hauch von Filmmusik. Tja so ist das: wo Myer dran steht ist eben auch Myer drin. Gut so. Randnotiz: Wie Rexx Arkana gegenüber dem Gothic Magazine erklärte, befand er sich mitten am Anfang einer Beziehung, als er den Text schrieb. Da aber zu dem Zeitpunkt nicht abzusehen war, wie diese verlaufen würde, gibt es eben nur eine Strophe.

6AM: Eine weitere Perle erwartet den Hörer mit Stefan Netschio bzw. Beborn Betons Beitrag. Geschmeidige, in Ohr und vor allem den Bewegungsapparat gehende Beats, gefälliges Synthiegeklimper, die markante Stimme dazu und fertig ist ein toller Song. Kommt gut.

Goodbye: Viel zu lange schon haben wir nichts mehr von der schwedischen FuturePop-Band Colony 5 gehört. Ein kleines Wiederhören immerhin gibt es hier in Form von „Goodbye“, bei dem P.O. Svensson unter anderem seine Stimme beisteuerte. Eine weitere hübsche FuturePop Nummer, die durchaus zu gefallen weiß. Auch wenn sie daran erinnert, dass Colony 5  endlich mal in die Puschen kommen könnten und neues Zeug veröffentlichen.

Forever 2013: Irgendwie konsequent, den Song, mit dem in Sachen Bruderschaft alles begann, noch einmal neu aufzunehmen. Dieses Mal sind es allerdings nicht Ronan Harris und Stephan Groth, die hier den noch immer direkt ins Mark treffenden Text vortragen, sondern stimmliches Aushängeschild von „Return“, Tom Shear. Wenn ich mich nicht verzählt habe, handelt es sich damit um die inzwischen 27. (in Worten: siebenundzwanzigste!) Version dieses Songs. In dieser Fassung klingt sie wie ein typischer Assemblage 23-Song und gewinnt ihm keine neue Seiten ab. Alle 26 Versionen zuvor haben einfach schon alle Seiten umfassend beleuchtet. Es war schön, es noch einmal in anderer Interpretation durch Tom Shear gehört zu haben, es reicht damit dann aber auch – bevor der Song und sein mächtiger Text doch noch zerstört werden.

Die Deluxe Edition des Albums glänzt mit einer zweiten CD, auf der sich abermals die Remixe befinden. Der bereits bekannte Remix von Imperative Reaction zu „Return“ ist hier dabei, genauso wie die Variante von Mesh, Gitarrenriffs inklusive. Tatsächlich kann man diese beiden Remixe als die Versionen des Songs betrachten, die gegenüber dem etwas zahnlosen Original ordentlich Feuer unterm Hintern haben. Auch schön: der Edge Of Dawn-Remix von „Trigger“, der zumindest mich kurz darüber sinnieren lässt, wie sich Edge Of Dawn wohl entwickelt hätten, wäre nicht Seabounds Frank M. Spinath für den Gesang verantwortlich. Erwähnenswert finde ich noch den Enter And Fall-Remix von „Falling“. Ich habe es früher schon mal in einem Review gesagt und sage es gerne auch hier noch mal: von Enter And Fall dürfen wir noch eiges erwarten. Dieser Remix zeigt, warum.

Alles in allem ist „Return“ zwar kein sensationeller Paukenschlag, aber dennoch eine sehr runde Sache geworden. Eben weil es hier nicht mehr nur einen Song in gefühlt fünfhundert Varianten gibt, sondern auch diverse neue, die dem Titelsong in nichts nachstehen. Wenn sie ihn nicht sogar überflügeln.


Fazit: Das Konzept hinter der Bruderschaft war schon zu Zeiten von „Forever“ ein spannendes welches, zudem lebte es seinerzeit sehr von dem persönlich gefärbten Text. „Return“ setzt dieses Konzept, viele Untergrundelektroniker der guten Sache wegen zu vereinen, auf gelungene Weise fort. Ich muss aber gestehen, dass mich gerade der Titelsong inhaltlich nicht mehr so berührt wie „Forever“ seinerzeit. Dafür glänzt diese Rückkehr in anderen Disziplinen. Etwa mit den Beitragen von Clint Carney und Daniel Myer, die hier zwei Sahnestücke düsterelektronischer Musik liefern. Unterm Strich ist „Return“ ein sehr hörenswertes Werk geworden. Es gehört in die Sammlung jedes Musikliebhabers elektronischer Musik und dann bitte auch in der Doppel-CD-Fassung. Der schicken Remixe und vor allem des guten Zwecks wegen.


Bruderschaft - Return