Foto: Jeanine Heise

SENSORY GATE – Civisolation

Um mal zur Einleitung eine olle Binsenweisheit zu bringen: es braucht manchmal eine ganze Weile, bis Dinge gut werden. Mitunter vergehen Jahre, in denen man sich abmüht, ehe irgendwann der große Wurf gelingt. Im Falle der italienischen Band SENSORY GATE, die zu Teilen in Norditalien und in Süddeutschland residiert, verhält es sich ähnlich. Die Geschichte der Band lässt sich wenigstens bis ins Jahr 2004 zurückverfolgen. Und obwohl die Herren Pozzi und Iannuzzelli mit ihrem 2010er Debütalbum „Ianus“ großen und bleibenden Eindruck hinterließen, mussten noch einmal vier weitere Jahre vergehen, bis sie kürzlich mit „Civisolation“ das Album veröffentlichten, welches sie hoffentlich weit nach oben katapultieren wird. Es freut mich sehr, dass wir uns nachfolgend einmal mehr über das musikalische Tun von Sensory Gate unterhalten können. Düstermucke mit Gefühl und dem Herz an der richtigen Stelle. Geht nicht? Na aber!

Um zu beschreiben, wie sich Sensory Gates jüngstes Schaffenskind anfühlt, welche Bilder es herauf beschwört und so weiter, werde ich schon wieder etwas weiter ausholen müssen. Rückblende: Im zarten Alter von vierzehn Jahren saß ich anlässlich meiner Jugendweihe im Berliner Friedrichstadtpalast und hing wie gebannt an den Lippen von Ines Paulke (einst Sängerin in der DDR, bedauerlicherweise inzwischen nicht mehr unter uns). Sie trug ein Gedicht von Heinz Kahlau (dereinst Lyriker, leider genauso tot inzwischen) vor, das sich für alle Zeiten in mein Hirn einbrannte. „Kein Gott“, so der Name. Zurück ins jetzt und hier: genau dieses Gedicht, inzwischen vor fast 20 Jahren erstmals gehört, kam mir in den Sinn, als ich den Songs auf „Civisiloation“ aufmerksam folgte. Denn in diesem Gedicht heißt es: Ich bin allein. Für kurze Augenblicke / bin ich Geliebter, Bruder oder Freund / Um eine Arbeit, eine Lust zu machen / wenn sich ein Weg mit meinem Weg vereint. Ich bin allein. Nur – sind wir das nicht alle? Vor allem wir Teilnehmer der modernen Zivilisation? Immer vernetzter wie wir sind, wird es zunehmend schwieriger, hinter die ausdruckslosen Masken zu schauen. In Städten, in denen die Menschen beinahe genauso grau sind, wie die Fassaden der Türme aus Glas und Stahl um sie herum, nimmt Menschlichkeit einen immer kleiner werdenden Stellenwert ein. Mal begründete, mal nur als diffuse Ahnung im Raum stehende Sorgen aus Existenzängsten, Leistungsdruck, unerfüllbare Erwartungen an andere oder Furcht vor der globalen Gesamtsituation lassen die Menschen immer höhere Mauern bauen. Zudem: wem soll man eigentlich noch glauben? Und was? Wir sind so zivilisiert. So isoliert. Um noch einmal Heinz Kahlau zu zitieren: Ich fürchte Menschen. Was sind Eis, was Fluten / was Pest und Feuer gegen die Gewalt / des Untiers Mensch? Die Schreie seiner Opfer / sind, seit es Menschen gibt, noch nie verhallt. Dass das Werk des Drewitzer Dichters die Inspiration für „Civisolation“ lieferte, wage ich zu bezweifeln. Zumal: Kahlaus Gedicht bekommt irgendwann die Kurve hin in Richtung Optimismus. Das Album von Sensory Gate bleibt dystopisch. Was nur konsequent ist, schließlich leben wir in einer Dystopie, die sich kein Dichter besser hätte erdenken können. Ob es nutzt, den Finger in die Wunde zu legen, wird sich zeigen. Es nicht zu tun wäre jedoch grob fahrlässig gewesen und, ganz nebenbei, ein Verlust für Freunde hochwertiger Düstermucke.

Max Iannuzzelli und Andrea Pozzi haben ihr zweites Werk bewusst oder unbewusst mit einem roten Faden versehen, dem der Hörer nicht nur aufmerksam folgen möchte. Nö, vielmehr wird er davon förmlich eingesponnen. Ausgehend von dieser trostlosen Betrachtung unserer ach so schönen neuen Welt ist das Album dementsprechend düster ausgefallen. Die ersten Hördurchgänge empfand ich als ziemlich schwer, ziemlich bedrückend. Gut vorstellbar, dass dies genau das Ergebnis war, welches das Duo erreichen wollte. Begleitet wurden sie von befreundeten Kollegen wie beispielsweise Sash Fiedler, der sonst bei Diorama die Gitarre spielt. Die immer wieder durchschimmernden rockigen Elemente dieses Albums gehen auf seine Kappe. Der italienische Musiker Diego Banchero (Egida Aurea) lieferte ein paar Bass-Spuren, der niederländische Sänger John van Loon (Dark Territory) steuerte Gesang beim abschließenden Track „Kyrie (Prayer For The Lost)“ bei. Eine wahrlich internationale Produktion. Und trotz des düsteren Grundtons des Albums gelingen Sensory Gate einmal mehr extrem eingängige Refrains, in denen man sich für eine kurze Weile verlieren kann. Mag die Aussage in den Texten für gewöhnlich eine andere sein, so sind die Refrains meist eine kurze Pause, gleich einer herzlichen Umarmung an einem dunkelgrauen Tag. Das täuscht aber dennoch nicht darüber hinweg, dass es auf „Civisolation“ echt ungemütlich zugehen kann. „Mercy“ beispielsweise schießt mit unbequemen, kurzen Klavierpassagen um sich, die direkt dem Soundtrack eines Psychothrillers entsprungen sein könnten. Die treibenden Gitarrenriffs tragen ihr Übriges dazu bei, damit der Hörer auch keinesfalls vergisst, dass das portraitierte Leben kein Ponyhof ist.

Die Herren Sensory Gate haben sich in den Jahren, die seit der Veröffentlichung des Debütalbums „Ianus“ ins Land gezogen sind, sehr darum bemüht, ein möglichst abwechslungsreiches Album zu schaffen. Mission erfolgreich, möchte ich sagen. Neben dem vorherrschenden Darkwave mit elektronischem Anstrich finden sich Spurenelemente von herkömlichen Düsterelektro, Rock oder gar Pop. Alles so vermischt, dass sich „Civisolation“ neben den bereits genannten Attributen zusätzlich auch noch rauer und härter anfühlt, dennoch aber wie eine Weiterentwicklung der Ansätze, die bereits auf „Ianus“ hörbar waren. Einzig: ob die Ausflüge in Richtung Dubstep bzw. DnB, wie sie auf „Slash“ unternommen worden sind, wirklich nötig waren, lasse ich mal offen. Immerhin fügt sich der rein instrumentale Song gut in den Kontext ein.

Übrigens: es passt hervorragend ins Gesamtbild des Albums, dass Max’ Stimme oft wie aus weiter Ferne hinter dem eigentlichen Gewirr aus instrumental erzeugten Tönen hervorzudringen scheint. Eine Stimme quasi, die sich in unserer lauten und hektischen Zivisolation Gehör zu schaffen versucht. Manchmal ist man gut beraten damit, das Smartphone kurz beiseite zu legen, die selbst geschaffene Isolation abzustreifen und mal genau hinzuhören. „Civisolation“ ist dieses manchmal.

Fazit

Ich war schon 2010 ziemlich angetan davon, was Andrea Pozzi und Max Iannuzzelli als Sensory Gate auf die Beine gestellt hatten. Ohrschmeichelnde, höchst melodische Refrains, die in tollem Kontrast zu der restlichen (auch inhaltlichen) Dunkelheit des Albums stehen – eine Mixtur, die damals funktionierte. Und die heute mit „Civisolation“ erst recht und sogar noch besser funktioniert! Um nicht zu sagen: von allem, was Sensory Gate seit ihren Anfangstagen so geschaffen haben, schlägt dieses neue Album dem Fass den Boden aus! Im positiven Sinne. Ich habe Munkeleien gehört, dass die Produktion dieses Albums für die Beteiligten ein langer, ein steiniger Weg gewesen sei. Nun, die Mühe hat sich gelohnt. Tatsächlich wünsche ich Sensory Gate den größtmöglichen Erfolg für dieses Kleinod und verbleibe mit der Bitte an Euch Leser, diesem Album ebenfalls mal Eure Aufmerksamkeit zu schenken. Es soll Euer Schaden nicht sein.


CoverInfosTracklisteAnspieltippsSpotifyKlangwelle
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  • Medium: Audio CD (18. April 2014)
  • Label: Megahertz
  1. Among The Dead
  2. Domino Effect
  3. City Diary
  4. Mercy
  5. Slash
  6. Truth & Illusion
  7. Civisolation
  8. Never
  9. Out Of Control
  10. Invictus
  11. Kyrie (Prayer For The Lost)

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Möchte man hier auf der Klangweile weitersurfen, empfiehlt sich logischweise vor allem zunächst das Debütalbum „Ianus“. Ebenfalls ein ganz heißer Tipp: das 2008er Klangstabil Album „Math & Emotion“, auf welchem Sensory Gate an dem italienischen Track „Gridami“ beteiligt waren. Stimmungstechnisch ähnlich fühlen sich auch die letzten beiden Diorama Alben „Even The Devil Doesn’t Care“ und „Cubed“ an.


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