::OT:: OBERER TOTPUNKT – Neurosen blühen

Ihr letztes Album „Desiderat“ erschien 2014 und hatte uns sofort begeistert. Danach war es ruhig geworden um die Hamburger. Sind das wirklich schon wieder drei Jahre gewesen? Eine Zeit, in der viel passiert ist – auch für die Musiker von ::OT: OBERER TOTPUNKT. Mit ihrem nunmehr fünften Konzeptalbum „Neurosen blühen“ melden sie sich eindrucksvoll wieder zurück. Die Hamburger Band um Bettina Bormann und Michael Krüger präsentiert uns in 66 Minuten 15 neue Titel nach gewohnter Manier – musikalisch variantenreich und lyrisch tiefgründig; nicht verlegen, auch gesellschaftskritische und unliebsame Themen anzusprechen. Hören wir mal genauer hin.

Der erste und namensgebende Titel „Neurosen blühen“ bringt den neugierigen Zuhörer gleich mit monotoner, aber doch gleichzeitig rockiger Gitarre und dem von Bettina bekannten Sprechgesang in die Tiefen unser psychisch tief angeschlagenen Umwelt. Unterstützt durch sphärische Synthiklänge im Backing und den ständigen Tempiwechsel ist es nicht mehr weit bis zum Wahnsinn… Lassen wir uns nun weiter auf diesen Irrsinn ein, kann es für Außenstehende nicht nachvollziehbare Handlungen auslösen. “Warum Ich Dich Getötet Habe“ ist so eine davon. Das kurze, aber heftige Schlagzeugsolo gibt die Richtung vor: der harte, agressive Beat erinnert an den guten alten Punk und die von Bettina gefühlskalt gesprochenen Worte, versuchen uns die Welt aus der Sicht einer Psychopatin zu zeigen.

Hart bleibt die Richtung, aber im dritten Stück „Alltag Macht Tot“ knüpft ::OT:: mit ihrer Musik an EBM-Sounds an. Dieses Stück kann ich mir auch gut in hiesigen Clubs vorstellen, denn tanzbar ist der Titel allemal. Dazu bleiben die monotonen Textphrasen im Gedächtnis, während Bettina uns mit der Nase darauf stößt, wie unsere Zeit bis zum Tod im gleichgültigen Alltag verrint und uns abstumpfen lässt. So wie die Gesamtstimmung im folgenden Titel „Untergehen“ stelle ich mir einen LSD-Trip vor. Die monotonen, Background-Gitarren und dem wenig abwechslungsreichen Schlagzeug erinnern an psychedelischen Wave-Zeiten und werden hier gepaart mit dem bekannten Sprechgesang von Bettina. Wir stehen kurz vorm Ende: Loslassen oder untergehen?

Ein bedrohlicher Beat zu Beginn des nächsten Stückes. Düster. Monoton. Nur die leichten Klänge des Schlagzeug-Beckens im Hintergrund. Scheint, als hätten wir im vorherigen Stück nicht rechtzeitig loslassen können, denn wir sind in der „Schizophrenie“ angekommen. Innerhalb von 5 Minuten 17 steigern sich sowohl die Musik mit harten Gitarrenriffs und immer theatralisch werdender Soundkulisse, als auch die erst vorsichtig, dann zunehmend agressiver intonierten Spoken-Words. Gefangen in der eigenen Psyche. Einmal mehr zeigen Oberer Totpunkt im sechsten Titel Ihre Vielfältigkeit in der Musik. Wie schon damals mit „Sie sind da“ (2009) dominiert in „Rattenfänger“ die nur flüsternde Stimme von Bettina Bormann. Diesmal jedoch begleitet von verzerrter Gitarre im Dark Electro-Stil und einem eingängigen Drum-Beat. Auch hier ein schönes Stück für die schwarzen Tanzflächen.

Foto: Mandy Privenau (Pictures Of Life – Photography)

Und ähnlich elektronisch geht es weiter, wenn auch „Wohin Geht Die Liebe?“ zumindest musikalisch fröhlicher daherkommt. Dieser Song ist, im Vergleich zu den vorherigen, eher eine Unterhaltung der leichteren Art. Wenn man nicht zu genau auf den Text achtet. Die Melodie ist eingängig und der Refrain bleibt hängen. Inhaltlich aber fragt Bettina sich, was übrig bleibt und wie es weiter geht, wenn eine Liebe endet und Menschen sich trennen. „Wohin geht das Leben, wenn Dein Blick mich nie mehr trifft?“ Eine Frage, über die sich lange sinnieren lässt, wenn man sich selbst quälen möchte. Oder man rechnet mit dem Ex ab – wortgewandt und mit einer gewissen Portion Zynismus. „Exquisites Requisit“ ist sofort mein persönliches Highlight dieses Albums geworden. Der groovende, langsame Rhythmus mit wabernden Synthiemelodien untermalt die intelligenten Wortspiele zum thematischen Ende einer Beziehung und dem eigenen Erwachen „…die exzellentere Essenz: Du bist die reine Pestilenz“.

Die folgenden 1:27min. sind ein echter Break. „15 Bar“ kann ich persönlich musikalisch nicht wirklich einordnen und wirkt wie an einem experimentellen Theater. Ein hektischer, ungleichmäßiger Rhthymus am Schlagzeug, Soundfetzen aus der Unterwasserwelt und dem Scuba-Diving, eine flüsternde Angabe des ansteigenden Druckes im Hintergrund… alles nicht recht greifbar und auch schnell wieder vorbei.

Somit sind wir bei Titel Nummer zehn: „Allein Mit Mir“. Da ist sie wieder die bekannte sphärische Stimmung vergangener Titel mit der verzerrten Gitarre und der beruhigend gleichmässige Bass. Da ist das Gefühl der Vertrautheit, in dem ich lieber bleibe. „Geselligkeit ist mir ein Gräuel. Einsamkeit mein Elixier. Allein. Allein mit mir“. Die vermeintliche Kirchenorgel im Hintergrund stört diese depressiven Gedankengänge nicht im geringsten und lässt uns weiter um uns selbst kreisen.
Bleiben wir in Gedanken und lassen uns von Oberer Totpunkt eine Geschichte erzählen. „Nacht In Nassau“ ist so eine. Ein Thriller mit vielen Toten, alles unglückliche Verstrickungen möchte man meinen, untermalt mit minimal-electronischer Begleitung, die auch gut für den nächsten „Sin City„-Film genutzt werden könnte. Aber die Musik tritt hierbei ohnehin in den Hintergrund und man hört gespannt auf die nächste Wendung der Geschichte.

Foto: Mandy Privenau (Pictures Of Life – Photography)

Die Band lässt sich nicht so leicht in irgendeine Schublade stecken. Mit „Macht“ beweisen Bettina und ihre Mitstreiter, dass sie auch anders können. Die Spoken Words werden nun zum Rap und damit richten sie ihren Blick nicht mehr nur auf den einzelnen, sondern erweitert ihre Sicht auf die Geschehnisse in der Welt: „…wenn Eliten versagen und sie ihre Völker quälen…“ Auch hier ist die Musik eher nur Untermalung der wichtigen Botschaft an die Zuhörer „…wir vergessen, dass wir viele sind und Einigkeit und stärkt. Wenn wir die Mächtigen als Riesen sehen und uns als Zwerg… Macht hat man nicht. Macht wird gemacht… wenn wir aufhören, uns zu beklagen…“. Recht haben sie.

Dass Oberer Totpunkt in diesem Album Einflüsse aus verschiedenen Jahrzehnten der Musik verarbeitet und in die Neuzeit getragen haben, haben wir zuvor schon mehrfach angedeutet. Im Stück „Ist Dein Leben Vorbei“ sind die 80er mehr als deutlich zurück – egal ob Gitarre oder Bass. Das hier hört sich an wie ein Stück von The Cure. Dieser Stil hat sich über die Jahre unverkennbar getragen und passt damit sehr gut zum Inhalt. Obwohl wir in sicheren Zeiten leben, wächst der Unmut und die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, in der es noch wahre Ruhe für die Seele und eine (vermeintlich) sichere Zukunft gab. In der Neurosen noch nicht die soziale Norm waren.

Den krönenenden Abschluss dieser Zusammenfassung des alltäglichen Wahnsinns, zwischen Burnout, Panikattacken, Neurosen und Weltuntergangsstimmung bilden die beiden letzten Sücke „Zurück Ohne Zukunft Teil 1“ und „Teil 2“. Im ersteren prangert Oberer Totpunkt in über 13 Minuten die Missstände in der aktuellen Welt an. Passend auch hier die zurückhaltende Untermalung mit leicht pulsierenden Bässen und einer verzerrten Synthiemelodie. Bettina berichtet über die ungerechte Verteilung des Weltvermögens, der Nahrungsmittel und des sauberen Wassers und über den Konsumwahn, den ökologischen Raubbau, sowie die Flucht hinter religiöse Ansichten. Ein kompletter Rundumschlag mit der geballten Faust. Hier werden nur Tatsachen berichtet. Da zieht sich ein Knoten in der Magengegend zusammen. Teil 2 dazu ist gerade mal 1:04 min. lang. Kurz, hart, schnell – Punk. Sie setzen gnadenlos noch mal ein Fähnchen auf den unliebsamen Haufen der Missstände, damit ihn auch jeder sieht und er im Gedächtnis bleibt. Oberer Totpunkt wollen unbequem sein und legen gerne den Finger in offene, soziale Wunden. Das ist musikalischer Protest in unserer heutigen Zeit.


Einmal mehr haben Oberer Totpunkt mit „Neurosen blühen“ bewiesen, dass sie immer für Überraschungen gut sind und ihr Handwerk verstehen. Diese Unterhaltung hat Tiefgang und ist nicht nur oberflächliches Geplänkel. Alles in allem ist dieses fünfte Konzeptalbum härter und aggressiver als der Vorgänger – wenn nicht in der Musik, dann in den textlichen Inhalten. Musikalisch wird auch hier wieder viel geboten, denn eintönig kann jeder und die Band gibt sich damit nicht zufrieden. Im Gegenteil: sie sind experimentierfreudig und erfindet sich selbst immer wieder neu. Sie haben wieder ein Meisterwerk geschaffen, dass es sich zu kaufen lohnt. Also klare Kaufempfehlung meinerseits. Und: Verrückt sind wir doch alle ein bißchen. Warum nicht dann wenigstens mit guter Hintergrundmusik dazu? ?



INHALT / KONZEPT.7.5
TEXTE.7.9
GESANG.7
PRODUKTION.7.5
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.8.5
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Härter und aggressiver als zuletzt
Experimentierfreudig wie immer
Gewohnt deutliche und eindringliche Texte, gewohnt markant vorgetragen
7.7
PUNKTE.
FAZIT.
Einmal mehr haben Oberer Totpunkt mit „Neurosen blühen“ bewiesen, dass sie immer für Überraschungen gut sind und ihr Handwerk verstehen. Diese Unterhaltung hat Tiefgang und ist nicht nur oberflächliches Geplänkel. Alles in allem ist dieses fünfte Konzeptalbum härter und aggressiver als der Vorgänger – wenn nicht in der Musik, dann in den textlichen Inhalten. Musikalisch wird auch hier wieder viel geboten, denn eintönig kann jeder und die Band gibt sich damit nicht zufrieden. Im Gegenteil: sie sind experimentierfreudig und erfindet sich selbst immer wieder neu.

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