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ROBBIE WILLIAMS – The Heavy Entertainment Show

Seit ROBBIE WILLIAMS 1996 bei Take That ausgestiegen ist, hat er bis dato zehn Alben, zwei Live-Alben, drei Compilations und diverse Singles veröffentlicht, die sich zusammen geschmeidige 77 Millionen Male verkauften. Zwar kräht in den Vereinigten Staaten Amerikas, wohl immer noch der größte Musikmarkt des Planeten, trotz intensivster Bemühungen nach wie vor kein Hahn nach ihm, im Rest der Welt darf er wohl zu den enorm populären und erfolgreichen Künstlern gezählt werden. Und dieser Rest der Welt freut sich gerade über das neue Album „The Heavy Entertainment Show“, das kürzlich veröffentlicht wurde. Der erste Langspieler seit dem letzten Ausflug in den Swing 2013 („Swing Both Ways“) und die Rückkehr zum Pop seit 2012 („Take The Crown“) ist doch ein Grund zur Freude, oder nicht? Ist es doch?

Geht so, ehrlich gesagt. „Ich wollte auf diesem Album große Refrains, universelle Texte und universelle Melodien. Die Herausforderung ist es diesmal, das Album so groß wie nur irgendwie möglich zu machen“, sagt Williams über seine Motivation, die als Antriebsfeder für die Erschaffung dieses Albums diente. Und zunächst sieht ja auch alles ganz gut aus. Mit dem Titelstück, direkt an den Start positioniert, läuft Williams auch direkt zu großer Form auf. Ein bisschen ist noch zu hören, dass der Mann zuletzt ein Swing-Album gemacht hat, ansonsten ist dieses „The Heavy Entertainment Show“ ein eingängiger Ohrwurm, pathetisch und dick aufgetragen mit Bläsern und Backgroundchor und was weiß ich nicht noch alles. Nach meinem Dafürhalten definitiv eine der gelungensten Nummern aus dem Hause Williams. „Ich habe über den Begriff ‚leichte Unterhaltung’ nachgedacht – all die großen TV Shows in meiner Kindheit, die von dreißig Millionen Zuschauern gesehen wurden. Das gewaltige gemeinsame Erlebnis dieser Momente, die man ‚Light Entertainment‘ nannte. Manchmal kommt das bei Menschen nicht so gut an, aber für mich ist das ‚Heavy Entertainment‘“, sagt er, „und genau das versuche ich auf meinem neuen Album – ich möchte ein gemeinsames Erlebnis mit Millionen Menschen schaffen, mit Hilfe des Mediums ‚leichte Unterhaltung‘… aber auf Steroiden“. Der Nachsatz trifft es schon ganz gut. Und lässt sich auch auf das nachfolgende „Party Like A Russian“ anwenden. Da kann man auch schon mal einen Melodiebogen aus „Romeo & Julia“ von Prokofieff – der Typ von „Peter und der Wolf“ – mopsen und das auf einen stampfenden Beat legen. Put a doll inside a doll, singt er hier. Er spielt auf die Matrjoschkas an, russische Puppen, die in ihrem Inneren eine kleinere Version ihrerselbst enthalten. Und dort eine noch kleinere, darin eine noch kleinere und so weiter. Wer will, entdeckt hier auch eine Anspielung auf das Musikbusiness. Die größte Puppe ist die Bühne, die nächst große Puppe ist beispielsweise einer wie Williams, der dort heraus hervorgezogen wird. Dass die Musik dann ähnlich hohl und seelenlos ausfällt, liegt in der Natur der Sache, ist im Pop aber immer wieder zu beobachten. Ob der Nummer allerdings so viel Spitzfindigkeit zuzutrauen ist, das steht freilich auf einem anderen Blatt.

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Richtig hübsch wird es auch in „Mixed Signals“, ganz klar eine eine der gelungensten Pop-Nummern, die Williams und seine Mitstreiter nicht nur hier auf diesem Album, sondern generell bisher abgeliefert haben. Dass sich Williams musikalisch gerne mal an vergangenen Jahrzehnten orientiert ist ja bekannt (man denke nur an das Album „Rudebox“, das voll ist mit solchen Exkursen!). Hier sind es wieder ein bisschen die 80er, in denen er wildert. Der Inhalt dieses Eifersuchts-/Beziehungsdramas tut es vielleicht nicht, aber die Musik selbst macht gute Laune. Wenn auch sich die Handschrift des Killers-Frontmanns Brandon Flowers, der hier mitgeschrieben hat, nicht leugnen lässt. Die von Williams erwähnte, universelle Größe – hier zeigt sie sich kurz mal. „Love My Life“ ist ein bisschen das musikalische Kopfstreicheln, das man gerne allen mit auf den Weg gibt, wenn die Zweifel wieder ganz hartnäckig knabbern. Der Song hätte aber auch auf einer Take That-Platte stattfinden können, im Zweifelsfall auf der letzten.

Tja, und dann wird’s so langsam dünner. „Bruce Lee“ gefällt noch durch seine musikalischen Anleihen an T-Rex‚ „Bang a Gong„, „Sensitive“ macht einen guten Eindruck als fetzige Disco-Nummer, die sich auch den Pet Shop Boys unterjubeln ließe. Und der Rest plätschert vor allem so vor sich hin. Niemand würde zum Beispiel von dieser ach so dramatischen Ballade „David’s Song“ Notiz nehmen, würde dort nicht Robbies markante Stimme ertönen. Ein Überflieger-Song wie „Angels“ lässt sich eben nicht wiederholen. Auch wenn man es noch so versucht und die Gitarren auf ähnliche Weise um das Klaviergeklimper jaulen lässt, wie Ende der 90er. „Pretty Woman“ hat mit dem Klassiker von Roy Orbison nix zu tun, orientiert sich stattdessen an modernen Pop-Sounds. Williams sagte in einem Interview mit der DPA über sich selbst, dass, wenn er Fußballer wäre, jetzt eigentlich ins Management wechseln müsste. Ein 42 Jahre alter Pop-Star, der versucht den Anschluss zu finden? Nicht so, bitte. Wirklich interessant wird es erst wieder in „I Don’t Want To Hurt You“, das mit so wunderbar mit Tempo, Melodie und Stilen spielt, dass doch wieder der Eindruck entsteht, hier ein einer Heavy Entertainment Show gelandet zu sein. Leider ist der Weg auf der Deluxe-Fassung des Albums bis dahin mitunter ganz schön lang.

Foto: Sony Music
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Wenn Robbie Williams nicht gerade eine Swing-Platte macht, wo er neben eigenem Material jede Menge Klassiker einstreuen kann, „leidet“ er scheinbar unter dem Zwang der Plattenindustrie, die gerne ein ganzes Album haben möchte. Das Füllmaterial dieses Albums in die Tonne gekloppt und stattdessen nur eine EP mit den hervorgehobenen Highlights – alle Welt würde Williams in den höchsten Tönen loben. So bleibt es ein gleichermaßen sehr gutes wie belangloses Pop-Album, dass dem Williams die Krone verwehrt. Schade. Im besagten Interview mit der DPA sagt er: „In den letzten Jahren habe ich versucht, betont experimentell und interessant zu sein. Und keine Hits zu schreiben. Das letzte hab‘ ich geschafft… Wobei, ich hatte einen Hit auf dem letzten Album, aber aus Versehen. Jedenfalls hatte ich da wohl das Gefühl, ich hätte die Pflicht, besonders interessant zu sein. Aber dann wurde mir klar, dass ich einfach universelle Songs machen sollte. Mit großen, eingängigen Melodien und Texten, die die Leute in Pubs singen können“. Hm.


Ach es ist ein Jammer! Da haben wir diesen Typen, der das Zeug dazu hat, sich als geborener Entertainer die Krone als neuer King of Pop aufzusetzen – nicht zuletzt, weil es so langsam an Alternativen mangelt und beim Nachwuchs niemand mit ähnlichem Format nachgerückt ist – und dann kommt er mit so einer Platte um die Ecke. Und scheitert einmal mehr. Nicht dass wir uns falsch verstehen: „The Heavy Entertainment Show“ ist kein schlechtes Album. Es hat viele gute Momente, flaut (zumindest in der Deluxe Version) ab der Hälfte aber irgendwie deutlich ab und wirkt, als hätte man jetzt nur noch Füllmaterial beigemengt, um die Spielzeit eines Albums vollzukriegen. Seinem selbst gesteckten Anspruch, universelle Songs zu machen, die Leute in Pubs mitsingen können, ist Robbie Williams hier gerecht geworden. Wem das reicht, ok, aber der Mann kann mehr, als er hier gezeigt hat. Fußballer mögen in seinem Alter ins Management wechseln und die Bühne freimachen. Ich glaube aber, das dicke Ende kommt noch. „The Heavy Entertainment Show“ ist es aber noch nicht.


coverneudeluxe


Ach es ist ein Jammer! Da haben wir diesen Typen, der das Zeug dazu hat, sich als geborener Entertainer die Krone als neuer King of Pop aufzusetzen - nicht zuletzt, weil es so langsam an Alternativen mangelt und beim Nachwuchs niemand mit ähnlichem Format nachgerückt ist - und dann kommt er mit so einer Platte um die Ecke. Und scheitert einmal mehr. Nicht dass wir uns falsch verstehen: „The Heavy Entertainment Show“ ist kein schlechtes Album. Es hat viele gute Momente, flaut (zumindest in der Deluxe Version) ab der Hälfte aber irgendwie deutlich ab und wirkt, als hätte man jetzt nur noch Füllmaterial beigemengt, um die Spielzeit eines Albums vollzukriegen.
INHALT / KONZEPT.
7
TEXTE.
7.5
GESANG.
8.5
PRODUKTION.
8
UMFANG.
7.5
GESAMTEINDRUCK.
6.5
LESERWERTUNG0 Bewertungen
0
POSITIV.
Zwei, drei Tracks sind wirklich stark!
NEGATIV.
Leider kann man das bei Weitem nicht vom ganzen Album behaupten
7.5
TOTAL.