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SIA – This Is Acting

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Gerade kommt mir Lacrimosas „Fassade“ in den Sinn, der 3. Satz. Warum Fassade? Musst du wirklich wissen was ich fühle? Musst du wirklich wissen wie ich bin? Bei allem was mich umtreibt – wie ich lebe – mich bewege, bei allem was ich gestern – hier und heute vor dich bringe?, singt Tilo Wolff da. Es passt sinnbildlich so gut zu dem Thema, um das es mir nachfolgend geht: SIA. Und ihr neues Album „This Is Acting“. Schließlich stellt Wolff in besagtem Song ein paar Fragen, die mir im Zusammenhang mit Musik und dessen Konsum immer wieder in den Sinn kommen: müssen wir wirklich wissen, was Musiker so treiben? Müssen sie ihr Gesicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit in eine Kamera halten? Sollte nicht eigentlich nur eine einzige Sache von Interesse sein? Ihre Berufung, ihr Job nämlich und somit letztlich das Produkt, in das sie idealerweise ihr ganzes Herzblut gesteckt haben und womit sie ihre Hörer erfreuen möchten? Die australische Sängerin Sia verweigert sich diesem Zirkus der Selbstdarstellung. Das geht sogar soweit, dass sie ihren Auftritt bei der Grammy-Verleihung dereinst mit dem Rücken zum Publikum absolvierte. Somit ist die Fassade, um den Kreis zu schließen, eigentlich völlig egal. Die Musik soll für sich sprechen.

Vielleicht ist Sias Masche der Öffentlichkeitsvermeidung ein nicht unwesentlicher Grund für ihren Erfolg. In den US of A ein Nummer 1 Album zu platzieren, das machste eben nicht mal so nebenbei. Der sie umgebende, geheimnisvolle Nimbus von Eigenwilligkeit und Besonderheit spielt vielleicht eine Rolle. Wahrscheinlicher ist aber die Vermutung, dass Sia schlicht und ergreifend eine verdammt gute Songschreiberin ist, für die es keine musikalischen Scheuklappen zu geben scheint. Frei nach dem Motto: ist doch egal, in welche Schublade man ein Lied stecken will wenn man meint man müsste – wenn es gut ist, wird es in jedem Lager seine Hörerschaft finden. So erklärt sich auch, dass ihr Weg sie von ihren Anfängen im Acid-Jazz Mitte der 90er (damals noch mit der Band Crisp) über pianogeschwängerte, herzergreifende Balladen in den Nuller Jahren („Breathe Me„) bis hin zum intensiven Bombast-Pop führte, wo sie sich mit dem neuen Album „This Is Acting“ scheinbar endgültig eingerichtet hat. Nicht jedoch ohne zwischendurch auch mal ein bisschen in anderen Genres zu wildern, speziell im RnB, und ein paar Anleihen daraus zu verwenden. Ihr Können als Songschreiberin wissen inzwischen auch andere Künstler zu schätzen. Rihannas großer Erfolg „Diamonds“ beispielsweise, stammt aus Sias Feder. Der Überlieferung nach geschrieben in nur 14 Minuten.

Foto: Sony Music
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Nun also „This Is Acting“, das vom Titel her abermals die Assoziationen an die Fassade nährt. Sind wir nicht alle nur Schauspieler auf der Bühne des Lebens in immer neuen Rollen? Viel Zeit darüber zu sinnieren bleibt jedoch nicht. Zunächst klavierklimpert sich der Opener „Bird Set Free“ ins Bewusstsein und lässt ein neuerliches „Breathe Me“ erwarten. Nach einer guten Minute ist es damit jedoch vorbei. Die Gefühlsebene mag eine ähnliche sein, mit seinen massiven Bässen ist diese Nummer hier aber um einiges dramatischer, mächtiger und lässt die Wände in der eigenen Bude wackeln. Sias eh schon auf sehr eigentümliche Weise brüchig wirkende Stimme zittert, wenn sie, auf dem Weg zum Refrain, singt I don’t wanna die, no, I don’t wanna die. Nein. Wer will das schon. Es dauert gerade mal eine knappe Minute, bis „This Is Acting“ den ersten emotional bedingten Schauer verursacht, der sich den Rücken hinunter arbeitet. Der erste, ja, aber bei weitem nicht der letzte.

In der nachfolgenden Power-Ballade „Alive“ erreicht Sia schon den absoluten Höhepunkt dieses Albums und treibt sich – oder besser ihre Stimme – an die Grenze. Es gibt Künstler, die schreiben Lieder und singen sie dann. Dann gibt es Künstler, die tun das mit ein bisschen mehr Inbrunst. Und dann gibt es noch welche, die leben ihre Songs. Sehr intensiv und mitreissend. So sehr, wie Sia ihre Ansage ans Leben hier förmlich ins Mikrofon schreit und dabei ungefähr alle Emotionen der Welt offenbart, so beeindruckend und intensiv hat man wohl seit langer Zeit keine Sängerin mehr erlebt. Ziemlich grandios und schon jetzt ein ganz heißer Kandidat für diverse Musikpreise. Wann immer man eine schwierige Zeit in seinem Leben erfolgreich gemeistert hat – dies könnte fortan die Hymne sein, um diesen Erfolg zu feiern. Oder als Motivator dienen, den Kopp nicht hängen zu lassen, die Zähne zusammenzubeißen und dem Schicksal zu sagen: du kannst mich mal. You took it all, but I’m still breathing.

Foto: Tonya Brewer
Foto: Tonya Brewer

Musikalische Diversifikation ist das stille Leitmotiv in der Ausgestaltung dieses Albums. Nehmen wir „One Million Bullets“ als Beispiel: wenn Sia singt i got a feeling a danger is coming und sich dazu bedrohliches Gewobbel ausbreitet und den Raum füllt, dann gräbt sie nicht nur ein paar Ableger ihrer Trip-Hop-Wurzeln aus, sondern gewährt auch eine vage Idee davon, wie wohl ein Dubstep-Song aus ihrer Feder klingen würde. Ein Ausblick in die Zukunft? Bei einer wandelbaren Künstlerin wie Sia nicht ganz abwegig. „Move Your Body“ hingegen ist eine Nummer, der Lady Gaga und ähnlichen jetzt Neid in den Blick zaubert und „Unstoppable“ oder „Cheap Thrills“ bringt Sia (wieder) in die Nähe dessen, was man aktuell im Black Music-Fach beim Plattendealer seines Vertrauens finden kann. Erst mit „Space Between“, quasi zum Ende, gönnt sie ihren Hörern eine erste und letzte Verschnaufpause von all dem Bombast der vorhergehenden Songs und singt diese Ballade teilweise wieder mit dieser ihr ganz eigenen Brüchigkeit in der Stimme. So fragil, dass sich Sorge ausbreitet, der Song könnte nur vom Zuhören zersplittern. No more fighting, we’ve given up now. Silence has more than worth. Imagination cures loneliness. When you become a prisoner. Hey Ihr einsamen Herzen da draußen – nicht immer ist eine Beziehung ein Gewinn. Manchmal ist der Graben zwischen zwei Matratzen eine unüberwindbare Distanz, ein Sinnbild für die Abgründe, die nicht mehr zu überwinden sind.

This Is Acting“. Wie passend für ein Album, in dem sich Sia einmal mehr als Powerfrau mit unglaublich kraftvoller Stimme präsentiert. Und gleichzeitig wieder ihre sanfte, verletzliche Seite offenbart. Die eine Rolle spielt sie mit der gleichen, bewundernswerten Überzeugung wie die andere. Auch mit Album Nummer sieben lässt sich Sia also nicht abschließend ergründen. Zu sehr ist sie darauf bedacht, ein kleines, verletzliches Mädchen hinter einer starken Frau zu verstecken. Wieder kommt mir „Fassade, 3. Satz“ in den Sinn. Dass wir eigentlich gar nicht wissen müssen, was Sia umtreibt, wie sie lebt und was sie bewegt. Wissen müssen wir, dass sie uns mit ihrem siebten Album einmal mehr einen Rahmen geschaffen hat, in dem wir unsere eigenen Wahrheiten finden können. Ohne übertriebene Selbstdarstellung der Künstlerin, da einzig die Musik sprechen soll. Gegen die tausenden Formen der Angst, (auch, aber nicht nur) für Menschen mit echten Problemen. Und vor allem geht mir wieder durch den Kopf, dass am Ende eigentlich eh nur das gelieferte Produkt überzeugen muss. Das tut es. Oh und wie es das tut!


Wir haben es Ende Januar, das Jahr ist noch jung. Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass wir auch in diesem Jahr wieder so einige Hochkaräter geboten bekommen werden. Mit Sias „This Is Acting“ hat das Jahr 2016 allerdings den ersten ganz großen Wurf in Sachen bombastischer, intensiver, power- und gefühlvoller Popmusik geschenkt bekommen, der auf ganzer Linie überzeugt. Klar ist es die musikalische Vielfalt, die gefällt. Und na klar, die mächtige Produktion, die mit enormen Nachdruck aus den Boxen gepresst wird, die fetzt auch. Zudem wäre Sia nicht Sia, wenn sie nicht abermals ein paar berührende Texte geschrieben hätte. Die Krönung aber ist ihr Gesang. Eine solche Inbrunst, wie sie beispielsweise in „Alive“ zu hören ist, sucht derzeit seinesgleichen. Die Messlatte wurde mit „This Is Acting“ hoch angelgt. Verdammt hoch.


sia_thisisacting


INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.8.5
GESANG.10
PRODUKTION.9
UMFANG.8.5
GESAMTEINDRUCK.9
LESERWERTUNG.0 Votes0
POSITIV.
Was. Für. Eine. Stimme. So eine unglaubliche Power dahinter!
Es ist zu hören, dass Sia das Spiel erfolgreicher, anderer Künstlerinnen und Künstler genauso gut beherrscht
Mächtige Produktion
8.8
PUNKTE.
FAZIT.
Wir haben es Ende Januar, das Jahr ist noch jung. Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass wir auch in diesem Jahr wieder so einige Hochkaräter geboten bekommen werden. Mit Sias „This Is Acting“ hat das Jahr 2016 allerdings den ersten ganz großen Wurf in Sachen bombastischer, intensiver, power- und gefühlvoller Popmusik geschenkt bekommen, der auf ganzer Linie überzeugt. Klar ist es die musikalische Vielfalt, die gefällt. Und na klar, die mächtige Produktion, die mit enormen Nachdruck aus den Boxen gepresst wird, die fetzt auch. Zudem wäre Sia nicht Sia, wenn sie nicht abermals ein paar berührende Texte geschrieben hätte. Die Krönung aber ist ihr Gesang. Eine solche Inbrunst, wie sie beispielsweise in „Alive“ zu hören ist, sucht derzeit seinesgleichen. Die Messlatte wurde mit „This Is Acting“ hoch angelgt. Verdammt hoch.

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    Roman Jasiek
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