Foto: Thomas Rabsch

TEHO TEARDO & BLIXA BARGELD – Nerissimo

Drei Jahre haben TEHO TEARDO & BLIXA BARGELD an ihrem neuen, ihrem zweiten gemeinsamen Album gearbeitet. Es wurde auf den Namen „Nerissimo“ getauft; nach dem italienischen Superlativ für schwarz. Kann man schwarz eigentlich steigern? Und wie mag das wohl klingen, wenn sich ein Komponist und Sounddesigner sowie der Gründer und Sänger der Einstürzenden Neubauten bzw. Ex-Gitarrist von Nick Cave zusammentun? Ohne auch nur einen Ton gehört zu haben, wäre die Antwort wohl: ungewöhnlich. Außergewöhnlich. Vielleicht auch: nach schwerer Kost. Alle genannten Antworten sind richtig. „Nerissimo“ ist das wohl herausforderndste Album dieses Frühlings, vielleicht sogar des ganzen Jahres. Versuchen wir es mal mit einer Betrachtung, was?

Puh! Und ich meine: puh! Ich bin ja nun selten um viele Worte verlegen, wenn es darum geht, Musik irgendwie zu beschreiben. Ein paar Bilder zu finden, um das Gehörte irgendwie in Sätze zu verpacken. Aber „Nerissimo“, die zweite Zusammenarbeit von Blixa Bargeld und Teho Teardo, stellt mich ernsthaft vor eine Herausforderung. Die zehn Songs, die das Duo hier geschaffen hat, umschiffen nämlich ganz gekonnt vieles von dem, was man sonst zu hören bekommt. Vieles von dem, womit sich sonst Musik umschreiben ließe. Es ruhig, getragen, schwer, bedrückend, düster, experimentell und sehr eigenwillig. Es erinnert ein bisschen an Kammermusik, es hat etwas von inszenierten Lesungen aus dem Hörbuchbereich und streift ein wenig über die Grenzen von Neo-Folk und Neo-Klassik. Über weite Strecken sehr minimalistisch gehalten und sehr spärlich instrumentiert. Mal sind es schwere Streichinstrumente, die über einem Song hängen wie Äste einer Trauerweide zur besten Blütezeit über einem stehenden Gewässer. Manchmal lugen elektronische Tupfer hervor, leuchtend im Dunkeln wie das kurze Aufflackern einer vorüberziehenden Sternschnuppe. Manchmal wabert und wummert die Elektronik so dröhnend durch den Raum wie eine stampfende, schnaufende Apparatur im Inneren eines Maschinenraumes. Die Texte, so vielseitig interpretierbar wie nur irgendwas, abwechselnd vorgetragen in Deutsch, Englisch und Italienisch von Herrn Bargeld. Und sonst? Eingängig sind die Songs nicht. Ja sie folgen manchmal sogar so wenig klassischen Songstrukturen, dass es mir schwer fällt, sie auch als Song zu bezeichnen.

Foto: Thomas Rabsch
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Ihr könnt Euch „Nerissimo“ als eine Muschel vorstellen, tief gelegen am Grund eines Ozeans der Musikveröffentlichungen. Und die Perle, die innere Schönheit quasi, fest umschlossen. Sie wird sich garantiert nicht den Perlentauchern öffnen, die nur mal kurz dran vorbei schnorcheln und einen flüchtigen Blick riskieren. In so einem Fall wird das Urteil ganz gewiss lauten: komisches Zeug, weg damit. „Nerissimo“ möchte Eure volle Aufmerksamkeit. Und nicht nebenbei konsumiert werden. Nur dann wirkt es. Ich gebe zu: ich hatte auch Schwierigkeiten, einen Zugang zu finden. Die harte Schale zu knacken. Was habe ich also getan? Normalerweise liege ich rum und tu’ gar nichts, lasse die Musik auf mich wirken und glotze an die Decke. Irgendwann wird es schon klick machen. Nö, hier nicht. Stattdessen habe ich mir das Album auf meinen iPod gezogen, klein und rot, und bin damit spazieren gegangen. Schönster Sonnenschein draußen, da kann man die Nase ja ruhig mal in die Luft stecken. Dort wo ich wohne gibt es eigentlich gar nichts. Diverse Acker, ein paar baumgesäumte Feldwege, irgendwann später ein paar Wasserlöcher. Fuchs und Hase sagen sich hier nicht gute Nacht, man hat sie hier noch nie gesehen. Mit anderen Worten: man kann ganz gut spazieren gehen. Ich stöpsele mir als die In-Ears in die Ohren und latsche los. Tja und was auch immer man von „Nerissimo“ halten mag, eines ist ganz unbestreitbar: es regt die Fantasie an. Und das nicht zu knapp!

Kaum ertönen die ersten Klänge des Titelstücks (zu Beginn in Englisch vorgetragen, zum Ende des Albums noch einmal in Italienisch) und Blixa Bargelds dunkele, warme Stimme erklärt, blue is not the color of my voice, tut sich irgendwas. Der Himmel, der eben noch so strahlend blau – ist der irgendwie gerade dunkler geworden? Färbt er sich rötlich? Und überhaupt – irgendwie scheint die Sonne verschwunden und mit ihr allmählich das Licht. Naja, passt schon. Ich kenne ja den Weg. Bei Stücken wie „The Beast“ fällt es nicht schwer, die Bäume, die den Feldweg flankieren, im Geiste durch die Fassaden einer viktorianischen Großstadt zur Zeit der industriellen Revolution zu ersetzen. Hätte ich nicht Stöpsel in den Ohren, ich würde eventuell sogar den Lärm hören, der zu jener Zeit die Straßen beschallte. Das Geschrei irgendwelcher Händler, die ihre Waren anbieten. Das Geräusch klappernder Pferdehufe und Kutschenrädern. Zumindest den Geruch von Hochöfen, in denen Stahl gegossen wird, habe ich jedenfalls in der Nase. Und wie ich weiterzappen will auf meinem iPod merke ich, dass ich schmutzige Finger habe. Ist das… Ruß? Ernsthaft? Ich laufe weiter, der Feldweg ist inzwischen gepflasterten Straßen gewichen. Ich nähere mich einem Gebäude, das wie ein Bahnhof aussieht. Komisch. Ich könnte schwören, durch mein Dorf wäre noch nie ein Zug gefahren. Als ich mich dem Gebäude, das irgendwie unheilsschwanger dem immer dunkler werdenden Himmel trotzt, nähere, steht dort an den mit Kreide geschriebenen Anzeigetafeln „Nirgendheim“ geschrieben. Liegt vermutlich irgendwo in Italien, denn ein Schaffner erklärt mir in italienischer Sprache, rot, grün und blau seien nicht die Farben seiner Stimme, sondern schwarz – jedenfalls bis wir die andere Seite erreichen würden – während er mit dämonischem Grinsen mein Ticket entwertet. Hoffnung sollte eine kontrollierte Substanz sein, sagt er, und reicht mir meine Fahrkarte zurück…

Foto: Thomas Rabsch
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Ich schrecke hoch! Die Sonne scheint noch. Tatsächlich bin ich auch gar nicht Spazieren gegangen. Ich hocke immer noch in meinem Sessel, die Füße auf die Heizung gelegt, und starre aus dem Fenster. Huch? Da hat mich diese sehr eigenwillige Musik, die Bargeld und Teardo hier in einer Spielzeit von ca. 48 Minuten servieren, komplett aus meiner Wirklichkeit herausgerissen, Reales mit Geträumten vermengen lassen. Auch gut. Andere Leute brauchen für so was eventuell chemische Substanzen oder dergleichen. Hier reicht alleine vertieftes Hinhören auf die Töne und Zwischentöne. Und hey: wenn man die schnöde Wirklichkeit mittels Musik schneller und unbewusster hinter sich lassen kann, als man es vielleicht selbst geahnt hätte – ist dies nicht irgendwie untrügliches Zeichen dafür, dass die kunstschaffenden Musiker irgendwas sehr richtig gemacht haben? Ich frag ja nur.

Die Grenzen dessen, was man gemeinhin mit Musik assoziiert, lassen sie hier manches Mal hinter sich. „Ulgae“ zum Beispiel geht wohl am ehesten als eine Art befremdliches Hörspiel durch. Und manchmal wird es so düster („Give Me“), dass man als Mensch mit Hang zu Depressionen besser einen größeren Bogen um dieses Album macht. Und das alles erreichen sie mit den immer gleichen, anfänglich erwähnten Zutaten. Man brate mir einen Storch, wenn wir es hier nicht eigentlich sogar mit ernster Musik zu tun haben, anstatt nur mit schnöder Unterhaltungsmusik. Abschließende Überlegung: Wenn jemals Werke von Edgar Allen Poe neu vertont werden sollen, dann bieten sich die Herren Bargeld und Teardo diesbezüglich als Maestri an. Ähnlich verschroben, ähnlich surreal und ähnlich schwer zu fassen ist auch ihre Musik. „Nerissimo“ ist das perfekte Beispiel dafür.


Tja. Ein bisschen ratlos bin ich schon. Wem ist „Nerissimo“ zu empfehlen? Ich kann mir die Gesichter überforderter Konsumenten förmlich vorstellen, die sich „Nerissimo“ angehört haben und sich anschließend fragen: ist das Kunst oder kann das weg? Das was Blixa Bargeld und Teho Teardo hier geschaffen haben, muss jedoch eindeutig als Kunst gewertet werden. Es entzieht sich ganz geschickt jeder Einsortierung in auch nur irgendeine Schublade. Würde man es dennoch versuchen wollen, käme am Ende vermutlich so was dabei heraus wie: avantgardistische Kammermusik, gepaart mit inszenierter Lesung und einigen Spurenelementen von Elektronik, Neo-Folk und -Klassik. Oder so. „Nerissimo“ ist definitiv kein Album für jedermann. Ich bezweifle aber auch, dass dies die Intention war. Ich würde es an dieser Stelle Musikliebhabern empfehlen wollen, die einfach mal die Schnauze voll haben vom langweiligen Gefälligkeits-Einerlei und sich für eine faszinierende, wenn auch bedrückend-düstere Alternative begeistern können, die sich fast schon in Richtung E-Musik schiebt. Denn das dürfte den Herren Bargeld und Terado in jedem Fall gelungen sein: Ein sehr einzigartiges, sehr surreales Album des Musikjahres 2016.


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Tja. Ein bisschen ratlos bin ich schon. Wem ist "Nerissimo" zu empfehlen? Ich kann mir die Gesichter überforderter Konsumenten förmlich vorstellen, die sich „Nerissimo“ angehört haben und sich anschließend fragen: ist das Kunst oder kann das weg? Das was Blixa Bargeld und Teho Teardo hier geschaffen haben, muss jedoch eindeutig als Kunst gewertet werden. Es entzieht sich ganz geschickt jeder Einsortierung in auch nur irgendeine Schublade. Würde man es dennoch versuchen wollen, käme am Ende vermutlich so was dabei heraus wie: avantgardistische Kammermusik, gepaart mit inszenierter Lesung und einigen Spurenelementen von Elektronik, Neo-Folk und -Klassik. Oder so.
INHALT / KONZEPT.
7
TEXTE.
6.9
GESANG.
6.5
PRODUKTION.
7
UMFANG.
6.5
GESAMTEINDRUCK.
7.5
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POSITIV.
Sehr stimmungsvoll, aber...
NEGATIV.
...auch nur sehr schwer zu erfassen
6.9
TOTAL.