THYX – HEADLESS

Auf den Tag genau zwei Jahre nach dem letzten THYX-Album gibt es neues aus der Feder von Stefan Poiss. Mit „HEADLESS“, seinem vierten Solo-Album entführt er uns mit elf Titeln in elektronische Gefilde jenseits der realen Welt und öffnet scheinbar die Tür zu.… ja, zu was eigentlich? Dem „THYX“ oder gar dem Dreamweb? Immer schön der Reihe nach.

Das letzte Album „Super Vision“ kündigte Stefan Poiss noch mit den Attributen „30% Vocoder, 40% elektronische Musik, 20% NSA und 10% mind.in.a.box.“ an. Beim neuen Album „Headless“ scheint sich die prozentuale Verteilung etwas anders zusammen zu setzen, worauf ich im weiteren Review noch eingehen werde. Das Cover und Artwork der neuen Scheibe stammt von Markus Thums und stimmt mit seiner Dungeon-Folterkeller-Atmosphäre optisch auf ein recht düsteres THYX-Album ein. Hören wir mal rein in die elf Titel von „Headless„, ob was sich da verändert hat.

Mit der Eröffnung „Not My Deal“ prescht Stefan Poiss erstmal in die für THYX bereits aus vorangegangenen Alben bekannte Mischung aus Elektro- und Rock vor. Gesang und Lyrics bergen gleichermaßen etwas mysteriöses und so ist es nicht verwunderlich, dass Stefans Gesangsstimme zeitweilig in einen Dialog zu einer weiteren, roboterähnlichen Stimme tritt. Die Lyrics umschreiben eine Art Robocop-Geschichte oder etwas dergleichen und liefern den Auftakt für die Story des Albums.

Der düstere Synth-Pop-Song „Don’t Get Alive“ schafft mit bekanntem Vocoder-Stimm-Effekt und Synthie-Flächensounds eine riesige futuristische Atmosphäre, wie man sie aus Zeiten der analogen Synthies noch kennt. Der Songtitel beschreibt schon, worum es sich in den Lyrics dreht. Das von Zweifel an seiner Mission geplagte „Wesen“ befindet sich in einem Zwiespalt, der durch die zweite, nicht verfremdete Gesangsstimme noch deutlicher wird. „Don’t Get Alive“ hinterlässt eine große Frage, wer oder was Versucht da sein Bewusstsein zu erlangen und warum steuern wir ins Nichts?

Oberflächlich durchgehört, entlässt „Headless“ den Hörer in einer Art Monotonie. Doch die Geschichte, die der schwere Track erzählt, liefert einen weiteren Puzzle-Stein um die THYX-Story des Album „Headless“. Geht es um die Monotonie des Alltags? Doch wer oder was ist die in „Not My Deal“ beschriebene 500 Pfund Mensch-Maschinen-Symbiose? Hinzu kommt, dass der Song „Headless“ ohne verfremdete Stimmen auskommt. Sind wir wieder auf der Erde angekommen, oder in der Realität? Stefan Poiss beweist jedenfalls sein Gesangstalent und die Vielseitigkeit seiner Stimme hier vollkommen.

Doomed“ hätte musikalisch auf ein mind.in.a.box.-Album gepasst und knüpft von der Story her nahtlos an „Headless“ an. Die beinahe fröhlich wirkende Gesangslinie im Robot-Stil birgt in den Lyrics schon eine Portion Ironie. Sind Textzeilen wie „It’s so cool to rule the fools“ Gesellschaftskritik oder ein Fingerzeig auf den in unserer modernen Gesellschaft vorherrschenden Umgang mit virtuellen Medien und Beziehungsnetzwerken? Oder führt der Song einen neuen Charakter ein und liefert weiteren Input für den Handlungsstrang? Ein THYX-Album zu hören, hat doch immer irgendwie etwas geheimnisvolles, da der rote Faden sich nicht um Mr. Black und die „Agency“ dreht, wie in mind.in.a.box., sondern noch immer eher nebulös umschrieben wurde.

Auch mit „Gravity“ verblüfft THYX den Hörer. Die Piano-Ballade mit riesigen Synthie-Flächen schafft mit viel Hall einen sehr großen „Klang“-Raum, was durch das gigantische Stereopanorama beinahe hypnotisch wirkt. Vielleicht liefert der Song eine Antwort auf die Frage, was denn THYX eigentlich ist, oder was es nicht ist.

A.I.“ stammt nicht aus der Feder von Stefan Poiss, sondern ist von Will Lowe geschrieben, fügt sich allerdings bestens in das Album und den Stil von THYX ein. Das Intro beginnt mit einer Art elektronischem Vogelzwitschern, bevor Poiss beinahe anklagend zu singen beginnt. Der Gesang wechselt ständig zwischen verfremdeter und normaler Stimme, so dass irgendwie Grenzen zwischen realer und synthetischer Welt ein für alle mal verschwimmen, worauf auch die Lyrics hin deuten. „A.I.“ macht mit den Synthesizer-Arpeggien richtig Tempo in dem an für sich ruhigen Song, was dem Titel sehr gut steht und zu einem der Highlights auf „Headless“ macht.

Als nächsten Titel liefert das Album mit „Forgotten II“ den zweiten Teil zu „Forgotten“ von Album „Super Vision“. Der durchaus tanzbare Future-Popsong versprüht eine gewisse Tragik, zeichnet er doch eine, bis auf den Protagonisten, menschenleere Welt, wie schon im ersten Teil. Ich dachte fast, ich hätte die Lösung gefunden und Poiss verleiht mit THYX der Flucht aus dem Alltag auf dem Motorrad ein eine musikalische Untermalung, doch Lyric-Teile wie „killing time, it kills myself„, und am Ende „shutdown sequence initiated“ hüllen wieder alles in einen Endzeitthriller.

Singen kann er ja der Stefan Poiss, mit dem experimentellen „The Phial“ verschafft er dem Hörer allerdings sogar Gänsehaut. Geschrieben hat die futuristische Piano-Ballade Josh Kreger, die am Ende dann sogar eine Wendung in Richtung Rock-Sinfonie mit Power-Drums nimmt. „The Phial“ ist tatsächlich kleines Fläschchen THYX-Elixier.

Stilistisch wechselt „Pain Of Silence“ plötzlich in Richtung Pop-Rock mit Rock-Gitarre, Drums und Synthesizern; wow, auf dem Album „Headless“ wird es definitiv nicht langweilig. Ahh, da ist er doch, der erhobene Zeigefinger an der Gesellschaft, denn die Lyrics deuten doch auf einen irdischen Handlungsort der Geschichte hin. „Pain Of Silence“ geht nach einem längeren Funkspruchsample richtig ab und entfernt sich schon deutlich vom mind.in.a.box.-Stil.

No Place For Me“ klingt nach „Pain Of Silence“ wieder deutlich synthetischer und folgt dem roten Faden, THYX ist irgendwas dazwischen, zwischen Vorstellung und Realität, Zukunft und Gegenwart. Der Song klingt modern und doch auch ein wenig nach dem 70er Jahre Altmeister Jean-Michel Jarre, eine schöne Würdigung, Respekt. Die Lyrics kommen hier ohne Vocoder-Effekt aus, denn die hebt sich Poiss für das große Finale auf.

Der letzte Song „Free“ ist für das relativ düstere Album schon beinahe fröhlich. Mit munterem Pop-Beat nach längerem Intro scheint irgend etwas oder irgend wer auf der anderen Seite angekommen zu sein. Poiss‚ durch Vocoder-Effekt verfremdete Stimme klingt beinahe wie ein elektronisches Musikinstrument, rein synthetische Klänge, die mich ein wenig an ältere Songs von Thomas Bangalter und Daft Punk erinnern, was womöglich an der Stimm-Verfremdung liegt. Sogar der Piano-Sound zu beginn des Songs ist als solches kaum mehr zu erahnen, man könnte meinen, „Free“ wäre ein Instrumental-Track.


Um es kurz zu machen, das neue Album “Headless“ von THYX ist wieder einmal phänomenal. Gekonnt durchstreift Stefan Poiss die Klangwelt zwischen synthetischen und realen Instrumenten und lässt uns weiter im unklaren darüber, was THYX denn eigentlich nun ist. Mit „Headless“ liefert er ein abwechslungsreiches Album, dass viele Details dem Hörer erst nach mehrmaligem Genuss offenbart. THYX hat seinen eigenen Stil gefunden und ein Vocoder-Effekt macht noch keinen mind.in.a.box.-Song, weshalb ich von weniger als 10% miab auf diesem Album ausgehe. Auch das Thema NSA nehme ich nur unterschwellig wahr, viel deutlicher dafür aber den Umgang in unserer Gesellschaft. Das Konstrukt hat Form angenommen und ist doch nicht greifbar. Außerdem lässt „Headless“Spekulationen über einen nachfolgendes Album zu, denn es bleiben diverse Themen ungelöst. Wer sind beispielsweise die New Knights, welches ist die richtige Seite und wer oder was wurde am Ende befreit? Sind es neue Agenten des Dreamwebs? Wurde jemand aus den Fängen der Agency befreit? Ein neuer Black? Oder ein Gegenspieler? Noch lange, nachdem das Album verklungen ist, bleiben Gedankenspiele diesbezüglich zurück.



Um es kurz zu machen, das neue Album “Headless“ von THYX ist wieder einmal phänomenal. Gekonnt durchstreift Stefan Poiss die Klangwelt zwischen synthetischen und realen Instrumenten und lässt uns weiter im unklaren darüber, was THYX denn eigentlich nun ist. Mit „Headless“ liefert er ein abwechslungsreiches Album, dass viele Details dem Hörer erst nach mehrmaligem Genuss offenbart. THYX hat seinen eigenen Stil gefunden und ein Vocoder-Effekt macht noch keinen mind.in.a.box.-Song, weshalb ich von weniger als 10% miab auf diesem Album ausgehe. Auch das Thema NSA nehme ich nur unterschwellig wahr, viel deutlicher dafür aber den Umgang in unserer Gesellschaft. Das Konstrukt hat Form angenommen und ist doch nicht greifbar.
INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.8.5
GESANG.8.5
PRODUKTION.9
UMFANG.9
GESAMTEINDRUCK.8.5
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Faszinierende und vielfältige Reise durch den Klangkosmos von Stefan Poiss
Wer mind.in.a.box mag, wird auch Thyx mögen
8.6
TOTAL.

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