TORA – Take A Rest

Nachdem die fünf Australier aus Byron Bay mit ihren EPs und Singles wie „Poly Amor“ und „Eat the Sun“ bereits über 20 Millionen Streams verzeichnen konnten, erscheint nun heute, am 9.6., ihr Debütalbum „Take A Rest“ bei Eighty Days Records/GoodToGo.

Wer nicht gerade bei ihrer großen Europa-Tour 2015 dabei gewesen ist, wird sich an dieser Stelle vermutlich fragen, wer und was hinter dem Namen Tora steckt. Gegründet wurde die Band 2013 von den ehemaligen Schulfreunden Jai Piccone, Jo Loewenthal, Shaun Johnston, Thorne Davis und Tobias Tsounis. Der Bandname bezieht sich im Übrigen nicht etwa auf die jüdische Bibel, wie man vielleicht denken könnte, sondern ist vielmehr dem griechischen Wort für „jetzt“ entliehen.
Tatsächlich spürt man dieses „Jetzt“ sehr deutlich in diesem fortschrittlichen, experimentellen Album. Die Jungs gehen ihren eigenen Weg, wagen Neues. Kaum wunderlich also, dass ein Großteils des Albums im Kaktusgarten Jai Piccones aufgenommen wurde. „Deshalb hört man auch hin und wieder Fliegen im Hintergrund oder Bambus, der sich im Wind biegt – ja sogar eine Waschmaschine ist da zu hören. Auch die Kakteen mussten als Klangquelle herhalten, wir haben sie mit Harken bearbeitet. Und dazu haben wir sehr viel mit Gitarren- und Gesangs-Sounds herumexperimentiert, immer neue Techniken und Effekte ausprobiert“.

Die Ideen für die Songs entstanden zum Teil direkt auf ihrer Tour, beeinflusst von anderen Teilen der Welt, aber auch ihre Heimat Australien wirkte sich in ihrer Arbeit aus. Dabei habe jedes Bandmitglied zuerst auf eigene Faust an Ideen gearbeitet und diese erst später zu einem großen Ganzen zusammengetragen. Darin könnte auch der Grund für die teils sehr unterschiedlichen Tracks liegen.

Das Album selbst besteht aus 15 Songs mit einer Gesamtlaufzeit von 52 Minuten. Wer bei „Take A Rest“ jedoch an ruhige Fahrstuhlmusik denkt, wird enttäuscht sein. Text wie Musik sind immer wieder ambivalent und aufreibend, Harmonien reiben sich an Disharmonien, verschiedene Rhythmen überlagern sich und driften wieder auseinander und so manches Mal erinnert das Album an einen einzigen psychedelischen Drogentrip. Besonders deutlich wird das in der Vorab-Single „Amsterdam“, in der es tatsächlich um eine Drogeneskapade in ebendieser niederländischen Metropole geht. Der Sänger beschreibt hier sehr eindringlich den Verlust jeglicher Orientierung, sei es zeitlich oder räumlicher Art und fleht förmlich im Hilfe. Der Fortschritt der Zeit wir ebenso musikalisch dargestellt wie die Verfremdung der Stimme durch Hall oder das Dämpfen des Tons.

Aber beginnen wir am Anfang: „Rudie“, der erste Track, scheint eine Art Intro zu sein. Wir hören Stimmengewirr, das sich wieder entfernt, dafür begleiten uns elektronische Beats, die sich klanglich verändern, als ob sie uns in dieses Album hineinführen wollten.
Als nächstes hören wir die zweite Single-Auskopplung „Another Case“, die sehr stark mit Wiederholungen spielt. In dem eher kryptischen Text geht es um den inneren Kampf, sich auf andere Menschen einzulassen und die eigenen Gefühle anzunehmen („No, no, I got to give up/No, no/ I got to take cover“). Hier wird die Ambivalenz des Songs sehr deutlich, weshalb ich das Stück unbedingt zu einem der Herzstücke von „Take A Rest“ zählen möchte. Übrigens ist dieser Song ebenso wie „Amsterdam“, „Empyrean“ und „Too Much“ bei YouTube von Tora selbst hochgeladen worden.
Der folgende Track ist eigentlich eher im Popbereich anzusiedeln. „Love Life“ ist absolut stimmig und tanzbar, ein Stück, das sofort ins Ohr geht. Für mich ein typischer Hit, der auf die Tanzflächen der Republik gehört.
Experimenteller wird es wieder im nachfolgenden Track „Blame“. Das Lied bricht nach der Hälfte förmlich auseinander, wirkt dissonant und verzerrt. Auch „Too Little“ klingt wieder deutlich psychedelischer und nach einem mehr oder weniger gelungenen Drogentrip (man könnte sogar meinen das Inhalieren psychotroper Substanzen zu hören).

Zu meinen Lieblingssongs der Platte gehört unbedingt auch „Too Far“. Ein permanentes Klicken als Symbol der Zeit, die immer weiter verrinnt, ein Sänger der im Treibsand feststeckt, nicht vorwärts kommt und den Verstand verliert – auch hier vermischen sich Traum und Realität gesanglich wie instrumentell zu einem experimentellen Gesamtkonzept.
Nach dem oben bereits erwähnten Trip in die Niederländische Drogenwelt, geht es mit „Mercury“ wieder ambivalent weiter. Dissonante Klänge lassen verraten, dass etwas nicht so ist, wie es sein sollte und die Frage (oder die Aussage?) „with or without you“ steht offen im Raum.
Dope“ dagegen ist ein Track, der relativ nichtssagend daherkommt. Ob es sich tatsächlich um Drogen handelt oder ob es sich um etwas ganz anderes handelt, konnte ich leider nicht genau heraushören. Musikalisch gehört der Song aber eher zu den schwächeren Stücken.

Kommen wir wieder zu den spannenden Songs, die das Album so stark machen: „Entity“ (zu Deutsch: Einheit/Wesen), beginnt mit einer abgehackt klingenden Frauenstimme, wir sind im Kopf, im Leben dieser Protagonistin, es wird mit Verfremdung und Rewinds gearbeitet, die Vocals winden sich wellenförmig im Kopf des Hörers. Im letzten Drittel wird der Song durch einen männlichen Gegenpart vervollständigt, der arrhythmisch einsetzt und einen kleinen Bruch im Ganzen darstellt. Hier zeigen die Jungs wieder, was sie alles drauf haben, daher auch unbedingte Empfehlung für diesen Track.
Zu den wenig ambivalenten und dafür eher harmonischeren Stücken gehört das traurige Liebeslied „Too Much“, welches durch eine gefühlvolle Stimme brilliert und sich mit reduzierter Wortwahl nur auf die Kernaussage des Stückes bezieht („Life ist too much“).
Für diesen Song ist Jo Loewenthal verantwortlich. Er selbst habe durch diesen Song erst seine Emotionen aufarbeiten können, dieses Gefühl jemanden zu lieben, den man eigentlich nicht lieben sollte.

Auch zu dem nachfolgenden Track „Bridges“ gibt es noch eine sehr persönliche Geschichte von Jo Loewenthal, der 2011 das innere Bedürfnis hatte, die Beziehung zu seiner Mutter zu intensivieren.
Jahrelang fehlte noch etwas an dem Stück, bis mir eines Tages eine Zeile einfiel, die aus der Perspektive meiner Mutter geschrieben ist. Danach wurde mir klar, dass eine Sängerin den Part übernehmen musste – und so gingen schließlich noch mal 18 Monate ins Land, bis wir mit Grace Pitts die perfekte Stimme dafür gefunden hatten“.
Bridges“ gehört tatsächlich zu den Songs, die sich harmonisch absolut einpassen. Am Anfang hören wir die sanfte Stimme Jos, gefolgt von den Vocals Grace Pitts, beides zuerst abgehackt wie ein herzschlagartiger Sprechgesang, bevor beide gemeinsam ihren Gesang fortsetzen und sich ergänzen. Genau wie man sich das bei einer Brücke vorstellt.

Want Me Gone“ dagegen ist der Song einer starken emotionalen Verletzung („Bullets in my chest“), hier taucht wieder das Thema Verfremdung und Wiederholung auf, dieser Song stellt die Verletzbarkeit des Protagonisten musikalisch vor allem anhand der äußerst gefühlvoll gesungenen Vocals auf einzigartige Art und Weise dar.

Empyrean“ (zu Deutsch: himmlisch) dagegen beginnt mit Industriegeräuschen und monotonem Gesang, mausert sich jedoch zu einem der poetischsten Songs des Albums („I’ve fallen short of hopeful dreams/ visions teeming at the seams/ this fix became a perfect taste/ wasted in a gentle maze/ trying strings with broken thoughts/ wishing for a comfort call/ searching for the sweeter kind/ and one with a softer mind“).
Auch hier wird wieder eine Ambivalenz deutlich, der Beat scheint an manchen Stellen regelrecht zu „hinken“ und nicht hinterher zu kommen.

Als letzter Track beehrt uns der Namensgeber des Albums „Take A Rest“. Hier wird es zum Schluss wieder relativ harmonisch und musikalisch eher belanglos. Wir landen im Grunde wieder dort, wo wir begonnen haben, unser Rundgang ist sozusagen beendet. Insgesamt bezieht sich der Album-Titel übrigens gar nicht so sehr auf den Sound, vielmehr steckt die Absicht dahinter, den Hörer die Probleme des Alltags für einen Moment vergessen zu lassen. Und ich finde, dass haben die Jungs prima hinbekommen!


Auch wenn Chillwave draufsteht und das Album „Take A Rest“ heißt, ist Tora keine Band, die man einfach so im Hintergrund laufen hat. Die Songs bestechen durch ihre Eigentümlichkeit, es wurden verschiedene Sounds, Effekte und Techniken ausprobiert, der Text wurde oft auf Kernaussagen reduziert und die Vocals wurden dafür umso effekt- und gefühlvoller eingesungen. Die Musik, die verschiedenen Rhythmen und Instrumente, steht hier klar im Vordergrund und dient dem Text als Basis und nicht andersherum. Gefühlsmäßig treffen hier Illusion und Desillusion aufeinander, was zu großartig ambivalenten und psychedelischen Liedern führt. Für mich eine Band, die auf unkonventionelle Art und Weise jenseits des Mainstream ihren Weg geht, was ich absolut begrüße. „Take A Rest“ ist uneingeschränkt empfehlenswert für Musikliebhaber, die auf lässigen Pop, Elektronisches und Chillwave stehen sowie für alle, die einfach gerne über ihren musikalischen Tellerrand hinausblicken möchten. Ohrwurmgarantie inklusive. Und wer nach dem Album immer noch nicht genug von den fünf Australiern bekommen hat, der darf sich im September und Oktober auf die Tourtermine in Deutschland freuen.



Die Songs bestechen durch ihre Eigentümlichkeit, es wurden verschiedene Sounds, Effekte und Techniken ausprobiert, der Text wurde oft auf Kernaussagen reduziert und die Vocals wurden dafür umso effekt- und gefühlvoller eingesungen. Die Musik, die verschiedenen Rhythmen und Instrumente, steht hier klar im Vordergrund und dient dem Text als Basis und nicht andersherum.
INHALT / KONZEPT.7.5
TEXTE.7
GESANG.7.5
PRODUKTION.8
UMFANG.7
GESAMTEINDRUCK.8
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Jede Menge potentieller Ohrwürmer
7.5
TOTAL.

DEINE MEINUNG

0 0

Hinterlasse einen Kommentar

Deine Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.

Ich akzeptiere

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Lost Password

Please enter your username or email address. You will receive a link to create a new password via email.