Foto: Jimmy King / Sony Music

VARIOUS / DAVID BOWIE – Lazarus (Original Cast Recording)

Ach, 2016 – so richtig gut warst du in vielen Dingen bisher irgendwie nicht und tatsächlich hege ich nur noch wenig Hoffnung, dass so kurz vor Schluss noch die große Wende passiert. Von allen Dingen, die du dir während deiner Dauer geleistet hast, war das konsequente Fortreißen großer Personen aus Kunst und Kultur die größte Fehlleistung. Es gab Momente, da hab ich mich schon gar nicht mehr getraut, ins Internet zu gucken. Zu groß war die Sorge, es hätte wieder Musiker oder Schauspieler erwischt, die mich auf die ein oder andere Weise begleitet, inspiriert, geprägt oder einfach nur begeistert haben. Und von allen Persönlichkeiten, die während der vergangenen Monate von uns gegangen sind, ist der Verlust DAVID BOWIEs für mich nach wie vor der tragischste. 2016, das nehme ich Dir immer noch schwer übel, hörste? Schwacher Trost: vor seinem Tod war eines der letzten Dinge, an denen der Mann, der einst vom Himmel fiel, arbeitete, das Musical „Lazarus“, das vom 7. Dezember 2015 bis zum 20. Januar 2016 in New York zu sehen war. Wie von so vielen Musicals gibt es hier auch eine Aufnahme der Songs, bei der die Besetzung des Stückes zu hören ist. „Lazarus (Original Cast Recording)“ nennt sich das, ist vor ca. einem Monat bei Sony Music erschienen und richtet sich trotz seiner Natur als Musical-Aufnahme weniger an Fans des Musiktheaters als viel mehr an alle Bowie-Fans da draußen. Warum, das erkläre ich Euch gleich.

Um genau zu sein ist, ist dieses Musical das definitiv allerletzte Werk, an dem Bowie vor seinem viel zu frühen Tod gearbeitet hat – und das er noch vollenden konnte, ehe ihn der Krebs am 10. Januar dieses Jahres von uns fort gerissen hatte. Es handelt sich bei „Lazarus“ um eine Fortsetzung des Films „Der Mann, der vom Himmel fiel“ von 1976, in welchem Bowie seinerzeit die Hauptrolle spielte. Die Handlung schrieb Enda Walsh, basierend auf den Texten und der Musik Bowies. Die Premiere des Stückes, die am 7. Dezember 2015 stattfand, war Bowies letzter öffentlicher Auftritt. Inzwischen ist das Musical im Londoner Kings Cross Theatre zu sehen. Es ist damit in Bowies Heimatstadt angekommen.

Alben, die ein Musical begleiten, bestehen gerne mal aus Live-Aufnahmen, die während der Uraufführung angefertigt wurden. Bei „Lazarus“ ist das anders. Hier wurden die Songs nicht etwa während der Premiere mitgeschnitten, sondern nachträglich vom Cast eingesungen. Die Besetzung traf sich am 11. Januar 2016, um unter der Mitwirkung von Musical Director Henrey Hey die Songs aufzunehmen. Im Studio erfuhren sie vom Tode David Bowies. Wer weiß, vielleicht ist es Einbildung, weil es leider zu gut passt, vielleicht liegt es an der Art und Weise, wie Bowies Songs für das Musical aufbereitet wurden, aber die Stimmung, die während der Aufnahmen im Studio geherrscht haben muss – sie ist hör- und spürbar.

Foto: Jimmy King / Sony Music
Foto: Jimmy King / Sony Music

Begleitet von einer siebenköpfigen Band sind unter anderem Michael C. Hall zu hören, der das Titelstück „Lazarus“ auf ähnlich bedrückende Weise interpretiert, wie es Bowie auf ★ getan hat, sowie Sophia Caruso, die vor allem in „This Is Not America“ glänzt. Natürlich hören wir die Stücke nicht so, wie sie dereinst von Bowie vorgetragen worden sind. Musikalisch sind die Klassiker der Dramaturgie des Stückes angepasst worden. „The Man Who Sold The World“, vorgetragen von Charlie Pollack, verbreitet eine sehr unangenehme Stimmung. „Absolute Beginners“, bei dem quasi fast die gesamte Besatzung zu hören ist, hingegen ertönt um einiges fröhlicher und beschwingter als das Original. Und „Heroes“ wurde derart im Tempo gedrosselt und in Richtung Ballade gepimpt, dass mir die Gänsehaut bald durch den Pullover piekt. Wie mag das nur live sein? Ob das Musical im Übrigen live funktioniert, vermag ich an dieser Stelle nicht zu beurteilen. (Update Januar 2017: Es funktioniert!) Falls dem aber nicht so sein sollte, kann es jedenfalls nicht an der interessanten und überwiegend gelungenen Neuinterpretation bekannter Bowie-Klassiker liegen. Vor allem Michael C. Hall macht einen sehr überzeugenden Job, klingt er dem legendären Vorbild doch oft erstaunlich ähnlich. Ohne die Hintergrundgeschichte des Musicals wirken die Songs wie eine Art respektvolles Best-Of-Tribute-Album. Daher weiß ich nicht, ob der klassische Musical-Fan mit diesen Aufnahmen glücklich wird. Oder ob Hardcore-Bowie-Fans mit den vorliegenden Versionen der Klassiker einverstanden sind. Aber nicht nur, weil Bowie am Musical mitgearbeitet hat und wusste, was früher oder später auf einen Silberling gepresst werden würde, denke ich, dass er diesen Aufnahmen seinen Segen erteilt hätte. Vermutlich muss man aber mindestens eines von beidem sein – Bowie– oder Musical-Fan – um aus „Lazarus“ insgesamt größere Unterhaltung ziehen zu können.

Aber wie eingangs erwähnt: das typische Musical-Publikum wird hier vermutlich weniger zugreifen als die Bowie-Fans. Denn „Lazarus“ beinhaltet die drei letzten Bowie-Songs überhaupt! Also sofern nicht eines Tages noch irgendwo ein Archiv bisher unveröffentlichter Lieder gefunden wird. Bowie wäre bei weitem nicht der erste Künstler, welcher der Nachwelt noch Musik hinterlassen hätte, von der bis dato niemand wusste oder die verschollen geglaubt waren. Die neuen Stücke sind „No Plan“, „Killing a Little Time“ und „When I Met You“. Alle drei Songs klingen so, als hätten sie auch noch auf Bowies letztem Album ★ stattfinden können. „No Plan“ ist eine schwere, bedrückende Ballade, „Killing a Little Plan“ sperrig, eher aggressiv und experimentell und „When I Met You“ ist ebenfalls experimentell ausgefallen, wenn auch optimistischer. Insgesamt tönen die Songs wie eine konsequente Fortführung des künstlerischen Weges, den Bowie seit „The Next Day“ gegangen ist. Diese drei Songs sind quasi mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu betrachten. Lachend, weil wir noch einmal neues Material von Bowie zu hören bekommen haben und weinend, weil sehr wahrscheinlich damit nun ein für alle Mal Schluss ist. Und deshalb gehört „Lazarus (Original Cast Recording)“ im Prinzip zum Pflichtprogramm für Bowie-Fans, die wie ich darauf warten, dass der Mann noch einmal vom Himmel fällt. Für Musical-Hörer, die eher für das „Phantom der Oper“ und ähnliche zu begeistern sind, hingegen nicht zwingend.


In einem Nachruf las ich (sinngemäß): ganz gleich, wieviele Jahrhunderte David Bowie noch unter uns verweilt hätte – sein Tod wäre immer noch viel zu früh gewesen. Das wird einem mit dieser Aufnahme von „Lazarus“ noch einmal ganz deutlich vor Augen – oder besser: Ohren – geführt. Es ist faszinierend zu hören, wie die Klassikers Bowies in diesem Musical-Gewand klingen. Sprich: anders arrangiert, instrumentiert und natürlich von anderen Interpreten vorgetragen. Weiterhin faszinierend zu hören, wie dicht Michael C. Hall stimmlich dem großen Vorbild kommt. Mal kurz nicht richtig hingehört entsteht schon manchmal fast der Eindruck, es wäre Bowie, der dort aus den Boxen tönt. Dennoch sind die größten Pluspunkte dieses Albums die drei neuen und leider letzten Songs von Bowie, welche die Anschaffung in erster Linie rechtfertigen und für eine bestimmte Zielgruppe – Bowie-Fans nämlich – ganz besonders empfehlenswert machen. Ach, 2016… hättest du im Falle Bowies nicht einem deiner viel späteren Nachfolger den Vortritt lassen können?



In einem Nachruf las ich (sinngemäß): ganz gleich, wieviele Jahrhunderte David Bowie noch unter uns verweilt hätte - sein Tod wäre immer noch viel zu früh gewesen. Das wird einem mit dieser Aufnahme von „Lazarus“ noch einmal ganz deutlich vor Augen - oder besser: Ohren - geführt. Es ist faszinierend zu hören, wie die Klassikers Bowies in diesem Musical-Gewand klingen. Sprich: anders arrangiert, instrumentiert und natürlich von anderen Interpreten vorgetragen. Weiterhin faszinierend zu hören, wie dicht Michael C. Hall stimmlich dem großen Vorbild kommt. Mal kurz nicht richtig hingehört entsteht schon manchmal fast der Eindruck, es wäre Bowie, der dort aus den Boxen tönt. Dennoch sind die größten Pluspunkte dieses Albums die drei neuen und leider letzten Songs von Bowie, welche die Anschaffung in erster Linie rechtfertigen und für eine bestimmte Zielgruppe - Bowie-Fans nämlich - ganz besonders empfehlenswert machen.
INHALT / KONZEPT.9
TEXTE.8.5
GESANG.7.5
PRODUKTION.8.5
UMFANG.9
GESAMTEINDRUCK.8
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Drei neue, bisher unveröffentlichte Songs von Bowie!
Michael C. Hall macht stimmlich eine erstaunlich gute Figur
Weckt Lust auf das Musical
NEGATIV.
Leider sind nicht alle Gesangsbeiträge zu 100% überzeugend
8.4
TOTAL.