WELLNESS - Immer Immer
Foto: Nicole Müller

WELLNESS – Immer Immer

Im November 2015 hatte ich an dieser Stelle zwei Vermutungen in den Raum gestellt, die ich aus Gründen der nachfolgenden Albumsvorstellung gerne noch einmal aufgreifen möchte. Und zwar: der Begriff „IndieSurf“ vermittelt als Umschreibung der gebotenen Musik nicht zwingend eine Vorstellung davon, was Euch beim Hören von „Immer Immer“, dem Debütalbum der Kölner Band WELLNESS erwartet, oder? Der Begriff „Tarantino-Pop“ hingegen lässt sofort eine Ahnung, eine Idee davon was kommt, vor dem geistigen Ohr aufploppen, stimmt’s? Prima, dann können wir ja direkt durchstarten und uns mit besagtem „Immer Immer“ beschäftigen, das seit ein paar Tagen erhältlich ist und auf viele neue Hörer wartet.

Wellness – also die Band! – in einschlägigen Musikangeboten zu finden, ist gar nicht so einfach. Die Vorschläge und Trefferlisten reichen von „Relaxing Spa Sounds“ bis hin zu „Theravada Wellness Musik“. Irgendwo dazwischen zeigen Euch iTunes, Spotify und Co. dann das Kölner Quartett an. Das mit solcherlei Musik übrigens so gar nichts am Hut hat. Nicht einmal im Ansatz. Die vier Herren Matthias Albert Sänger (Gesang, Gitarre), Lars Germann (Gitarre), Simon Armbruster (Bass) und Florian Bonn (Schlagzeug) sind in dieser Form seit etwas mehr als einem Jahr aktiv und haben es in dieser kurzen Zeit geschafft, sogar die Wiener Senkrechtstarter des letzten Jahres, Wanda, zu Instant-Fans werden zu lassen – Eröffnungskonzerte für Wellness bei Wanda-Veranstaltungen inklusive. Der Radiosender 1Live ließ sich zu einem ausführlichen Feature hinreißen, in dem es hieß: „Die Kölner Band Wellness hat es geschafft, ihren ganz eigenen, außergewöhnlichen Stil zu kreieren. Die vier Kölner Jungs mischen Surf-Sound, wie man ihn aus Tarantino-Filmen kennt, mit Indie und deutschen Texten“.

Und tatsächlich: Wellness sind aus dem Stand eine ganz eigene Nummer, die das Messen mit anderen Indie-Newcomern nicht zu scheuen brauchen. Es wäre ohnehin ein Vergleich von Äpfeln und Birnen, da sich Wellness nicht mit dem gleichsetzen lässt, was einem sonst an Assoziationen zum Begriff Indie durch den Kopf geht. Sicherlich, diese Surfermucke, die sie für sich entdeckt haben, ist nicht neu. Ganz im Gegenteil. Schließlich reicht sie mindestens bis ins Jahr 1927 zurück. Aus jenem Jahr stammt die erste Aufnahme von „Misirlou„, wohl der geistige Vater aller Surfer-Mucke, aufgenommen von Tetos Demetriades. So richtig populär wurde diese Nummer aber erst viel später. 1962 nämlich in der Version von Dick Dale und seinen Del-Tones, die schon deutlich weniger nach traditionellem griechischen Tanz klingt. Inzwischen gibt es ungefähr drölfhundert Varianten dieses Songs; die Interpreten reichen von den Beach Boys über David Garrett bis hin zu den Surfaris. Zu erneutem Ruhm kam die Nummer und weitere, sachlich ähnlich gelagerte Mucke durch den exzellenten Musikgeschmack des Filmemachers Quentin Tarantino. „Pulp Fiction“ sei hier als sich aufdrängendstes Beispiel genannt.

Aber momentan ist dieser Surfer-Sound wieder so alte Schule, so wenig präsent und so knapp mit großartigen Bands besetzt, dass es sich wirklich schon wieder frisch und neu anfühlt, was die Kölner hier auf die Beine gestellt haben. Sie eröffnen ihr Album mit dem Stück „Bazooka“ und, ohne Quatsch jetzt, Ihr werdet sofort an das hier denken, ganz sicher:

WELLNESS - Immer Immer
Quelle: Giphy

Und nicht nur daran denken – der für die Bewegungssteuerung zuständige Teil Eures Hirns sendet ganz plötzlich auch diese Signale in Richtung Bewegungsapparat und dann ist da auf einmal dieser Drang, zappeln zu gehen…

Oder etwa nicht? Diesen Stil ziehen sie konsequent in allen 13 Songs ihres ersten Albums durch. Diese Nische, die sie sich gesucht haben, besetzen sie mit eindrucksvoller Vehemenz. Wer auch immer noch auf die Idee kommen mag, es in gleichem Fahrwasser zu versuchen, der wird vermutlich von der Bugwelle des Wellness-Kahns zum Kentern gebracht. Egal ob nun das als Single veröffentlichte und mit einem Video bedachte „Exit Exit“, das instrumentale „Calamari“ oder das schön nach vorne gehende „Transmitter“ – immer sind es die gleichen Zutaten, welche die Kölner in ihre Musik mixen. Tanzbarer Surfer Rock, der aus den 60ern hergebeamt worden zu sein scheint, gepaart mit deutschen Texten, die sehr nach Indie tönen und die sich einer abschließenden, eindeutigen Interpretation entziehen. Bedingt durch Gesang und der gewählten Melodiebögen schwingt auch immer eine anständige Portion Melancholie durch die Songs. Was grundsätzlich ziemlich großartig ist, schließlich schaffen Wellness so den Spagat, Songs zu liefern, die man auf Konzerten ausgelassen abfeiern kann – sie schreien eigentlich nach einer Travolta-/Thurman-Nummer – die aber auch zuhause ganz gut funktionieren, wenn der Launepegel eher so auf mittlerem Level stagniert.


Tolles Album, dieses „Immer Immer“. Alleine die Idee, den Surfsound vergangener Tage als Grundlage zu nehmen, ihn modern zu interpretieren und mit eigenen Elementen aufzupeppen, verdient Respekt. Dass die vier Herren von Wellness zudem hörbar ihr Handwerk verstehen, gibt zusätzliche Kudos. Für meinen Geschmack hätten gerne noch ein, zwei weitere Instrumentalstücke wie „Calamari“ enthalten sein können (ein „Misirlou“-Cover durch Wellness drängt sich ja förmlich auf!), aber das kann ja eventuell beim wünschenswerten nächsten Album dann noch nachgereicht werden. Die Zeit wird zeigen, wie lange sich dieser ziemlich spezielle Sound tragen kann. Momentan jedoch ist „Immer Immer“ ein in jeder Hinsicht besonderes und herausragendes Indie-Pop-Album ohne wirkliche Konkurrenz auf seinem Gebiet. Und zum Glück meilenweit entfernt von dem, was der Suchbegriff Wellness sonst noch so an Vorschlägen in den Musikdiensten ausspuckt.


Album Cover Wellness - Immer Immer - CMYK 300dpi


Tolles Album, dieses „Immer Immer“. Alleine die Idee, den Surfsound vergangener Tage als Grundlage zu nehmen, ihn modern zu interpretieren und mit eigenen Elementen aufzupeppen, verdient Respekt. Dass die vier Herren von Wellness zudem hörbar ihr Handwerk verstehen, gibt zusätzliche Kudos. Für meinen Geschmack hätten gerne noch ein, zwei weitere Instrumentalstücke wie „Calamari“ enthalten sein können (ein "Misirlou"-Cover durch Wellness drängt sich ja förmlich auf!), aber das kann ja eventuell beim wünschenswerten nächsten Album dann noch nachgereicht werden. Die Zeit wird zeigen, wie lange sich dieser ziemlich spezielle Sound tragen kann.
INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.7
GESANG.7.5
PRODUKTION.8
UMFANG.6.5
GESAMTEINDRUCK.7
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Ein ganzes Album voll mit diesem "Tarantino"-Sound - das macht Laune!
7.3
TOTAL.