FOTO: ROMAN JASIEK / AVALOST.

KREUZFAHRTEN: Wie man seinen CO₂-Fußabdruck kompensieren kann – wenigstens ein bisschen

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Kreuzfahrten und Klima – zwei Dinge, die zumindest derzeit noch nicht so richtig unter einen Hut zu bringen sind. Ich gehe davon aus dass alle, die wir ein Schiff besteigen um damit die Welt kennenzulernen, wissen, dass hier das Ende der Fahnenstange in Sachen Bemühungen und Möglichkeiten lange noch nicht erreicht ist. Wenngleich die Kreuzfahrtbranche sich sehr abmüht, den Ruf des Schmuddelfinken loszuwerden. Ich möchte an dieser Stelle auch gar keine Grundsatzdiskussion vom Zaun brechen. Zwischen Kreuzfahrtgegnern und Kreuzfahrfans wird regelmäßig über alle Kanäle und Medien hinweg darüber debattiert – und in beiden Fällen auch immer wieder mit guten Argumenten dafür oder dagegen. Über den Tellerrand hinaus betrachtet dürfte die Kreuzfahrtindustrie jedoch zu dem Teil unserer Wohlstandsgesellschaft gehören, die sich derzeit mit am schnellsten dreht, um die eigenen Produkte umweltfreundlicher an den Start bringen zu können. Der flottenweite Verzicht auf Wegwerfplastik, die Reduzierung von Lebensmittelabfällen, die Steigerung der Energieeffizienz der eigenen Schiffe bis hin zur Einführung neuer, umweltfreundlicherer Antriebstechnologien – die Liste dessen, was an Maßnahmen derzeit ergriffen und/oder vorbereitet wird, ist lang. Aber, und das ist die Kehrseite der Medaille, nicht lang genug. Viele Reedereien, die Publikumslieblinge wie AIDA, TUI Cruises oder Costa Crociere sogar alle, gehören letztlich riesigen Konzernen an, die – wie überall – zunächst mal das eigene Geschäftsergebnis und erst anschließend irgendwann danach Umwelt- und Klimaschutz auf der Agenda stehen haben dürften. Während sich also die Branche zwar schnell, angesichts immer neuer, ziemlich düsterer Klimavorhersagen aber noch zu langsam bewegt, stellt sich die Frage: was können wir vielleicht selbst tun?

Auf das Reisen zu verzichten halte ich für illusorisch. Der moderne Mensch in unserer Gesellschaft funktioniert leider meistens nicht so, dass komplett auf klimaschädliche Annehmlichkeiten verzichtet wird. Zwar kann zumindest ich immer öfter und immer mehr in meinem Umfeld ein geschärftes Bewusstsein für das eigene Konsum- und Umweltverhalten beobachten, dennoch ist das oftmals eher so ein: ich spare Strom und Wasser ein, vermeide Plastikmüll und kaufe Bio, dafür kann ich dann aber das und das machen. Wie eine Art Ausgleich. Ich gestatte mir eine Sünde, versuche aber einen Ausgleich zu schaffen. Hand aufs Herz – diese Denke dürfte Euch sicher bekannt vorkommen, oder? Wenigstens ein bisschen. Blöd nur, dass Flug- und Schiffsreisen zu den größten Umweltsünden gehören. Und zwar in dem Umfang, dass es durch noch so umweltbewusstes Handeln im Alltag meist nicht ausgeglichen werden kann. Dennoch gibt es eine Möglichkeit etwas zu tun. Dass man hinterfragt, ob der Kurztrip übers Wochenende wirklich sein muss, liegt auf der Hand. Ich gestehe, dass auch ich mich schon von den erschreckend günstigen Flugpreisen dazu habe verleiten lassen, mal für ein Wochenende nach London oder Barcelona zu jetten. Oder, um beim Thema Kreuzfahrten zu bleiben: man könnte sich fragen, ob es a) auch hier andauernd der Kurztrip sein muss, der aus „Anfütterungszwecken“ immer öfter irgendwo zu günstigen Preisen angeboten wird, ob es b) das größte Schiff sein soll, das die präferierte Flotte zu bieten hat oder man c) wirklich mehrmals jährlich ein Schiff besteigt – und damit zusätzlich auch noch der Reiz des Besonderen verloren geht. Angesichts immer größer werdender Kreuzfahrtschiffe – die Branche kennt bei allen Bemühungen dennoch in ihrer Gigantomanie momentan scheinbar keine Grenzen – ein zunehmend schwierigeres Unterfangen, auf die dicksten Pötte zu verzichten. Aber es gibt noch mehr Möglichkeiten. Man könnte natürlich gänzlich drauf verzichten, aber das ist meines Erachtens auch nicht der richtige Weg. In einer Zeit, wo Menschen immer mehr in nationales Denken zurückfallen ist es durchaus angebracht, die Welt zu erkunden und andere Kulturen, Sicht- und Lebensweisen kennenzulernen, sprich: Horizonterweiterung hat noch nie geschadet. Man hat wesentlich mehr den Drang die Welt zu erhalten wenn man gesehen hat, wie schön sie ist.

Kommen wir zum eigentlichen Anliegen meines heutigen Schreibens. Ein Beitrag aus der Reihe: Dinge, die ich bis vor kurzem selbst nicht kannte. Es gibt verschiedene Projekte die es sich zum Ziel gesetzt haben, mittels Spenden den CO₂-Fußabdruck, den man durch seine täglichen Gewohnheiten allgemein und seine Reisen speziell verursacht, zu kompensieren. Kurz gesagt: Ihr macht Eure Reise, berechnet den verursachten CO₂-Ausstoß und spendet den Gegenwert in ein Klimaprojekt Eurer Wahl. Es gibt als solches Beispielsweise PRIMAKLIMA, die durch Eure Spenden Bäume pflanzen und so der Natur quasi helfen wollen, sich selbst zu helfen. Es gibt Climate Fair, es gibt die Klima-Kollekte und sicher noch etliche andere Projekte die es wert sind, unterstützt zu werden.

FOTO: ATMOSFAIR.

Mein Augenmerk richtet sich hier und heute jedoch auf ATMOSFAIR, die zwar auch rund 20 Klimaschutzprojekten unter die Arme greifen, sich dabei aber speziell um eine Kompensation des Reisens bemühen. Sprich: Flug- bzw. in unserem Fall Schiffsreisen. Atmosfair, die übrigens unter anderem von den Toten Hosen und den Ärzten unterstützt werden (die Bands versuchen damit den CO₂-Ausstoß ihrer Tourneen zu auszugleichen), bietet auf der eigenen Webseite ein Tool* an, mit dem sich der CO₂-Fußabdruck Eurer Kreuzfahrt berechnen lässt. Dazu wählt Ihr die Schiffsgröße, die Kabinenkategorie, die Anzahl der Reisenden, sowie die Reisedauer in Tagen sowie die Tage auf See aus. Das Tool berechnet dann Euren Ausstoß, vergleicht das beispielsweise mit einem Jahr Autofahren und setzt das ins Verhältnis zu dem Jahresbudget eines jeden Menschen – und liefert Euch anschließend eine Summe, die Ihr Spenden könnt, um Eure Reise zu kompensieren. Beispielsweise bedeutete die auf diesem Blog geschilderte Kreuzfahrt von 2014 mit der Mein Schiff 3 eine Klimawirkung von 3.080 kg CO₂ pro Person und könnte mit 71 € kompensiert werden. Die zehntägige Reise mit der Mein Schiff 4 hingegen schon 9.206 kg CO₂ (212 €) und die viertägige Kurzreise mit der AIDAbella 748 kg CO₂ (18 €). Das sind alles keine riesigen Werte, die aber, sofern von jedem Reisenden entrichtet, als Ausgleich sicher schon einen Unterschied machen können.

Natürlich ist klar, dass Kompensation nicht bedeutet, dass die Emissionen des Kreuzfahrtschiffes damit ungeschehen gemacht werden würden. Tatsächlich schleicht sich schon ein bisschen das Gefühl ein, es bei solcherlei Spenden mit einer Art Ablasszahlung zu tun zu haben. Ein Gedankengang, mit dem scheinbar auch Atmosfair schon das ein oder andere konfrontiert wurde, denn sie schreiben auf ihrer Webseite in den FAQs folgendes:

Warum bietet atmosfair die Kompensation von Kreuzfahrten an?

Grundsätzlich beurteilt atmosfair nicht die Wünsche von Menschen. Ob, Flug, Auto, Wohnung, Urlaub oder Laptop: Uns interessiert nur die Klimasicht. Die Frage hier lautet: Gibt es eine vertretbare gute Alternative?

Beim Flugzeug ist die Antwort Nein: Wenn ich nach Mexiko will, kann ich in der Regel dort nicht mit dem Schiff hinfahren, und ein Flug nach Island spart zwar CO₂, hilft mir dann aber auch nicht. Analog kann ich bei dem Wunsch einer Kreuzfahrt diese nicht durch einen Schwarzwaldurlaub ersetzen. Nur wenn ich nach Mailand will, kann ich realistischerweise zwischen Flugzeug und Bahn oder Auto wählen (und dann weist atmosfair auch auf die Alternativen hin). Wenn ich einen Laptop kaufe, kann ich die sparsamste Version wählen.
Solange es noch nicht die CO₂-freie Kreuzfahrt (Treibstoff LNG, mit Power to Gas erzeugt) oder den CO₂-freien Flug gibt, bleibt daher nur die Kompensation, weil atmosfair VerbraucherInnen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger kommen wird.

Ein Anblick, der bei aller Begeisterung für Kreuzfahrten gerne ignoriert wird. Nicht nur solange wie die Schiffe nicht komplett klimafreundlich über die Meere schippern, müssen zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden, um das Klima zu entlasten. Den pro Reise verursachten CO₂-Fußabdruck als Geldspende in Klimaschutzprojekte zu stecken, kann eine davon sein. / FOTO: ROMAN JASIEK.

In gewisser Weise bleibt es also tatsächlich eine Art Ablasshandel. Vielleicht auch ein Stückweit Gewissensentlastung. Vermutlich aber immer noch besser, als gar nichts zu tun – zumal Schiffsreisen nicht verschwinden oder von jetzt auf gleich zu 100% Öko sein werden.

Vielleicht bin ich naiv, aber ich stelle mir gerade vor, dass der individuelle Gegenwert des CO₂-Fußabdrucks pro Person und Reisedauer von AIDA, TUI Cruises, Cunard, Celebrity Cruises, Costa und wie sie alle heißen, in den Reisepreis inkludiert und dann zu 100% an eines der vielen Klimaprojekte wie besagtes atmosfair abgeführt wird. Wir Kreuzfahrer sind es gewohnt, Trinkgelder und Serviceentgelte zu zahlen (bei manchen Reedereien sind sie sogar schon bereits in den Reisepreis eingerechnet), warum also nicht auch für den klimatischen Ausgleich unserer Vergnüngsreise direkt einen Beitrag entrichten? Bei dem Boom, den die Kreuzfahrtbranche immer noch erlebt kann ich mir gut vorstellen, dass bei einem solchen Vorgehen derartige Projekte einen großen Sprung nach vorne machen. Und vermutlich wird wohl angesichts der überschaubaren Summen wohl kaum ein Reisender ein ernsthaftes Problem damit haben. Gleichzeitig dürften durch solchen Maßnahmen aber die bisherigen Öko-Bemühungen der Reedereien nicht gebremst oder gar gestoppt werden, sondern die genannten Klimaprojekte nur eine zusätzliche Option sein, etwas für die Klimaentlastung zu tun. Wie gesagt: bis vor kurzem wusste ich gar nicht, dass es die Möglichkeiten für einen derartigen Ausgleich überhaupt gibt und werde sie rückwirkend und künftig nutzen. Den hier genannten, theoretischen „Klima-Aufschlag“ würde ich übrigens auch bei Flugreisen sehr begrüßen.

Nochmals: es macht nicht eine einzige Reise ungeschehen, es befreit die Natur nicht von auch nur einer Tonne verursachtem CO₂ – jeden Trip, ganz gleich ob mit Auto, Flugzeug oder Schiff, kritisch zu hinterfragen, obliegt nach wie vor der Verantwortung eines jeden Einzelnen. Projekte wie Atmosfair befreien uns zum Glück nicht davon, unseren Menschenverstand zu benutzen und verantwortungsbewusst zu handeln. Mich würde interessieren, was Ihr von solchen Projekten haltet. Ist es eine Art moderner Ablasshandel, um das Gewissen zu entlasten oder eine sinnvolle Möglichkeit, etwas auszugleichen, solange wie das Reisen nicht komplett „grün“ möglich ist? Lasst es mich gerne wissen.


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