BLITZMASCHINE - Turbine

BLITZMASCHINE – Turbine

Da sindse ja wieder! Nachdem Holger und Matze zwei tolle EPs und ihr sensationelles Debütalbum „Faustrecht“ veröffentlichten, war in Sachen Tonträger für den Heimgebrauch zunächst mal Funkstille im Hause BLITZMASCHINE. Dieses Schweigen im Walde wurde kürzlich endlich durchbrochen. Zunächst mit der Doppelsingle „Burnout/Uncontrollable“. Und letzten Freitag veröffentlichte das Hamburger EBM Duo sein neues Album „Turbine“. Wir könnten jetzt verschwörerisch murmeln, dass ja das zweite Album stets eine schwierige Angelegenheit ist und man gespannt sein darf, ob und wie die Herren Blitzmaschine dieser Aufgabe gewachsen sind. Alles Blödsinn! Wir reden hier von Blitzmaschine. Die können das, höttma!

Interessant war das schon, damals beim „Faustrecht“. Da sind diese beiden Tüpen, über die kolportiert wird, sie kämen aus dem Finanzbereich. Die mal eben so eines der spannendsten und geschmeidigsten EBM Alben seiner Zeit auf den Markt brachten. Ganz plötzlich, einfach so. Völlig unvermittelt war so mancher Anhänger der körperbetonten Tanzmusik geblitzdingst. Holger und Matze, die beiden Köpfe hinter der Blitzmaschine, hatten es verstanden, tanzbare, manchmel knochentrockene Beats zu basteln, die nach Tanzflächendominanz schrien. Und dabei dennoch nicht den Genusshörer, der lieber im stillen Kämmerlein die Songs via intensiver Hörerei auseinander frickelt, zu vergessen. Thematisch bewegte man sich vor allem im zwischenmenschlichen Bereich.

Es gibt in dieser Welt sehr viel greifbarere und reellere Dinge als die Liebe. Außerdem wurde und wird sie so oft besungen, da kann man den Blick ruhig mal auf andere, wichtigere Dinge werfen. Neuerdings sehr viel mehr dem aktuellen Zeitgeschehen verhaftet sind sie, die Herren Blitzmaschine. Interessant zu bemerken: das Umfeld, in dem sie dereinst beruflich tätig waren – die Finanzwelt – bekommt hier so richtig eins auf den Sack. Ob nun mittels fuchtiger Anklage in „Money“ die Banken angeprangert werden oder in dem herrlich stampfenden „C.E.O.“ wirtschaftspolitische Entscheidungsträger verbal den Mittelfinger ins Gesicht gestreckt bekommen – Blitzmaschines „Turbine“ ist mitunter auf Krawall gebürstet. Gut so, heile-Welt-Gesabber gibt es schließlich zur Genüge. Den Unsinn sich gegenseitig die Birne einschlagender Glaubensteilnehmer, nur weil der eine Gott ja viel tollererer ist als der andere, wird in „War Of The Religions“ thematisiert. Und dass man in diesen Zeiten, in denen man nur noch lebt um zu arbeiten um damit irgendwie über die Runden zu kommen, gleichzeitig aber die Profite einiger weniger zu steigern, zum nächsten Kandidaten für „Burnout“ wird, liegt irgendwie nahe. Es ist faszinierend zu beobachten, wie der wenige, stets im genreüblichen Sprechsingsang dargebotene Text solchen Spielraum für Interpretationen bietet und doch den Finger zielsicher in die Wunde piekt. Nu ist aber diese „Turbine“ nicht durchgängig auf düster gepimpt. Das Freiheitsgefühl und den Adrenalinrausch, mit einem Mopped oder einem schnellen Auto scheinbar endlose Autobahnen (ohne Geschwindigkeitsbegrenzung) entlangzuheizen, wird in dem pfiffigen „Electro-Rider“ gut transportiert.

Unterm Strich wirkt „Turbine“ aufgrund der gesamtheitlicheren Betrachtung unserer Welt (und nicht mehr nur der Bettlaken) deutlich ernsthafter als das Vorgängerwerk. Tanzbar ist es dennoch. „Burnout“ zum Beispiel ist mit seinem treibenden, knochentrockenen Beat ein gelungener Knaller für jeden Club, der sich EBM auf die Fahne geschrieben hat. Ein Ohrwurm ist es überdies auch noch. Und Feinkostelektroniker freuen sich über die detailverliebte Produktion. Diese Spurenelemente eines Klaviers… hach! Diese kleinen Details ziehen sich wie ein roter Faden durch das ganze Album. Da ist es wenig verwunderlich, warum es zuletzt so ruhig war um die Blitzmaschine. Solcherlei Gefrickel will schließlich auch erst einmal ausgetüftelt werden. Mit der heißen Nadel zu stricken ist ganz offensichtlich nicht das Prinzip der Hamburger. Bemerkenswert ist auch das bereits erwähnte „War Of The Religions“, das aus dem üblichen Gestampfe ausbricht, mit dem Hauch einer Melodie und eher herkömmlichen Gesang die Grenzen zum Synthiepop streift. Deutlicher wird das noch bei dem mitgelieferten „Symphony Warfare Remix by Danish“, der mittels Tastenklimperei diesen Eindruck noch verstärkt und somit ziemlich klangstabil wirkt. Da soll mal einer behaupten, sie würden sich nicht auch mal abseits des gewählten musikalischen Weges umtun.

Vorstellbar, dass Hardliner, Puristen und Anhänger der alten Schule des EBM diese „Turbine“ hier eine Spur zu verspielt ist. Dem möchte ich entgegnen: Blitzmaschine haben sich nicht im Kreise gedreht sondern hörbar versucht, einem in seinen gestalterischen Möglichkeiten eingeschränkten Genre neue Seiten abzugewinnen. Mit Erfolg, wie ich finde. Und wenn Holger in „Money“ beispielsweise brüllt Money! Money! Money! Give me your Money!, dann denke ich mir: och, hinter dem (neueren) Tun von Nitzer Ebb und ähnlichen muss sich Blitzmaschine nicht verstecken. So hat moderne EBM im Jahr 2014 zu klingen. Ich sag doch, Blitzmaschine können das.

Fazit

Schon beim ersten Album „Faustrecht“ wurde ich im positiven Sinne geblitzdingst. Matze und Holger gelang es damals, der Stiefelschnürerfraktion ein paar knackige Songs für die Tanzflächen zu liefern und gleichzeitig die Hörer abzuholen, die sich an verspielten Details im Sound erfreuen können. Dieses Rezept haben sie auf „Turbine“ beibehalten und verfeinert. Dass sie sich thematisch zwischen gesellschaftlichen Brennpunkten bewegen, dabei gleichzeitig aber auch Platz für erheiternde Dinge finden, setzt dem i das Tüpfelchen auf. Man kann es drehen und wenden, wie man möchte – die abschließende Feststellung ist stets die gleiche: „Turbine“ ist eine runde Sache, ein absolut gelungenes EBM Album, das in Sammlung jedes Genre-Freundes und Fan guter Electro-Mucke gehört. Man könnte auch sagen: diese „Turbine“ ist neuer Antrieb für ermüdete Propeller. ;)


[su_tabs|][su_tab title=“Cover“]turbine[/su_tab]
[su_tab title=“Infos“]

  • Medium: Audio CD (29. August 2014)
  • Anzahl Tonträger: 1
  • Label: Danse Macabre (Alive)

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[su_tab title=“Trackliste“]

  1. Electro-Rider
  2. Burnout
  3. Money
  4. Gold
  5. War Of The Religions
  6. Uncontrollable
  7. Soviel mehr
  8. Gotcha!
  9. C.E.O.
  10. Everybody
  11. Triebwerk 91
  12. Burnout (Nachbrenner Remix by Danish)
  13. War Of The Religions (Symphony Warfare Remix by Danish)

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[su_tab title=“Anspieltipps“]

  1. Burnout
  2. Money
  3. War Of The Religions
  4. Gotcha!
  5. C.E.O.

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