Foto: Christoph Köstlin

CLUESO – Stadtrandlichter

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Auch wenn ich Newcomer gerne vorstelle – manchmal ist es ja doch ganz schön, Euch vom neuen Album eines Künstlers zu erzählen, der nicht mehr groß vorgestellt werden muss. CLUESO ist so einer. Wer in den letzten 14 Jahren nicht gänzlich unter einem Stein gehaust hat, wird wohl schon mal mit der Musik des Erfurter Singer-Songwriters in Berührung gekommen sein. Gute drei Jahre seit der letzten Veröffentlichung erschien am 19. September sein nunmehr sechstes Album „Stadtrandlichter“. Erste spontane Assoziation dazu: alles leuchtet. Was irgendwie passend ist, denn dieses Album leuchtet auch. Lasst uns mal gucken, was einem zu Cluesos neuen Streich noch alles in den Sinn kommen kann.

Es ist eine olle Binsenweisheit, dass man manchmal einen Schritt zurück machen muss, wenn man vorwärts kommen will. Man möchte meinen, der Erfurter Thomas Hübner – oder eben Clueso – hätte mit fünf Gold- und zwei Platinauszeichnungen und mehr als einer Million verkaufter Tonträger schon ziemlich viele Stufen auf der Karriereleiter erklommen. Was soll da also noch kommen? Noch mehr Edelmetall in Schallplattenform, das man sich zum Verstauben aufs Regal stellen oder an die Wand hängen kann? Noch größere Konzerte vor noch mehr Menschen? Sicherlich gibt es Künstler, die den Hals nicht voll bekommen können und die Kuh so lange melken, wie sie Milch gibt. Was einmal für die Spitzenposition der Charts gereicht hat, funktioniert oft auch mehrmals. Vielleicht nicht mehr für die Pole Position, aber immer noch gut genug, damit sich zwischen den Aufnahmen eines Tonträgers und etwaigen Konzertreisen ganz prima die Eier schaukeln lassen. Kann man so machen. Cluesos Antrieb scheint dies aber nicht gewesen zu sein. Vor diesem hier war Cluesos letztes Album „An und für sich“, erschienen 2011. Es war das letzte, welches er für Four Music veröffentlichte. Für diesen Verein war Clueso immerhin seit frühen Anfangstagen (irgendwas um 2000 herum) in Lohn und Brot. Wie wir gerade festgestellt haben, handelte es sich dabei ja durchaus um eine höchst ergiebige Zusammenarbeit. Das hätte auch sicher bequem nochmals weitere 14 Jahre (oder so) weitergehen können. Ist es aber nicht. Ein wirklicher Künstler ist wohl der, der sich aus dem gemachten Nest herauswagt, um komplett ein eigenes Ding durchzuziehen. Gedeih und Verderb einkalkulierend. „Stadtrandlichter“, das finale Produkt eines großen Veränderungsprozesses, erscheint in kompletter Eigenregie und auf einem eigenen Label. Im Hintergrund steht der Zughafen, Cluesos in Erfurt geschaffenes Netzwerk aus Kreativschaffenden, die sich nun an Four Musics Stelle um die verschiedenen Belange seiner Karriere kümmern.

Wie sehr oder wie wenig Entscheidungsträger eines Labels in die Produktion hineinreden, ist nie so ganz klar. Jeder von Euch kann sich aber sicherlich vorstellen, dass man die besten Leistungen oftmals nur dann erzielt, wenn man sie für sich selbst schaffen will. Wenn man eigene Ziele verfolgt und erreichen möchte und nicht die Vorgaben und Erwartungen anderer erfüllen soll. Einfach mal ein eigenes Ding machen und gucken, wo es hinführt. Clueso sagt dazu: „Wenn diese Platte so klingen soll, wie ich sie in meinem Kopf höre, dann muss ich Sounddesign und Produktion selbst in die Hand nehmen. […] Jeder Song blieb, wie er zur Tür hereinkam“.

Diesen Aufbruch zu neuen Ufern verpackt er charmant in den Opener des Albums, „Pack meine Sachen“: ich hab da ne Idee / Ihr werdet ausflippen / Pack meine Sachen und geh meinen Weg / und komm nie wieder / kein Bock mehr auf Krawall / zieh los und sing meine Lieder / Liebe gibt es überall. Singt er und lässt uns für eine gute Stunde teilhaben an seiner Reise. Dass sich einer, der Stücke wie „Gewinner“ oder „Halt mich fern“ geschrieben hat, zu den talentiertesten Songschreibern gezählt werden muss, dürfte klar sein. Viel mehr als zuvor macht sich Clueso auf „Stadtrandlichter“ als Geschichtenerzähler verdient. Einer von dieser Sorte, an dessen Worten man förmlich hängt, mit höchster Aufmerksamkeit, um ja kein Detail zu verpassen. Die markante Stimme trägt einmal mehr einiges dazu bei. Wenn sich Clueso in „Wach auf“ fragt, ob er noch der gleiche Typ ist, während er die Straßen seiner Stadt entlangläuft, den Kragen hochgezogen, dann können wir förmlich neben ihm her spazieren. Die gleichen Dinge sehen, die gleichen Eindrücke wahrnehmen – und uns eventuell mit den gleichen Fragen den Kopp zermartern. Highlight dieses Albums ist allerdings der Titelsong. Nicht nur des herrlichen Akustikanteils und auch nicht allein des geschickten Spiels mit unterschiedlichen Tempi wegen, sondern vor allem weil dieser Song den Hörer mit auf eine nächtliche Autobahnfahrt nimmt. Man war lange, laaaange Zeit weg von der Geburtsstadt, lief eine viel zu lange Zeit nicht mehr durch die Straßen seiner Jugend. Aus Gründen ist man damals weg, vielleicht sogar einigermaßen überstürzt. Und doch kommt manchmal die Zeit der Heimkehr. Die Fragen, die gemischten Gefühle, die eine Rückkehr nach langer Zeit einfach mitbringen – all das ist verpackt in diesen ergreifenden 3 Minuten und 34 Sekunden. In diesem Song baden können wird wohl jeder, der seine Geburtsstadt nicht mehr bewohnt, dennoch aber dann und wann die Reise in die alte Heimat unternimmt. Gucken, wie es Freunden und Familie in der Zwischenzeit ergangen ist. Oder wenigstens bei denen, die noch da sind. Spätestens dann, wenn die blauen Autobahnschilder das nahende Ende der Fahrt verkünden, wird „Stadtrandlichter“ zum besten nur denkbaren Soundtrack!

Aber auch die innere Unruhe, die via „Unter Strom“ ihre Vertonung für ewig Getrieben erfährt, das Loslassen von unnötigem Ballast („Geradeaus“) oder die Kopfstreichelei („Lass den Kopf nicht hängen“) – es gibt so viel Identifikationspotential auf diesem Album, dass es mich wahrhaftig staunen lässt! Nicht nur ich werde wohl manches Mal das Gefühl haben, Clueso hätte das Album nur für mich und mein Leben geschrieben. Im Vergleich zu seinen früheren Alben wirkt „Stadtrandlichter“ sprachlich gereifter, inhaltlich war der Erfurter schon immer „so sehr dabei“. Aber auch die Produktion macht einen viel spektakuläreren Eindruck als noch zuvor. Schön ist, dass sich oft der Eindruck einschleicht, Songs seien spontan bei einer Session in irgendeiner Kneipe entstanden. Beim Hör hinter die offenkundige Fassade entfaltet sich jedoch oft ein vielfältig instrumentiertes Arrangement. Eines dieser Sorte, die Musikliebhaber beim Konsum mittels entsprechender Anlage oder Kopfhörer vergnüglich mit der Zunge schnalzen lässt. Schön, dass sich Clueso und seine Mitstreiter im Hintergrund keinen festen Bereich abgesteckt haben, in dem sie sich bewegen. Ob Pop, Blues, Singer-Songwriter – völlig egal, genommen wird, was Spaß macht und das Klangbild nur noch farbiger und lebhafter wirken lässt. Und wenn es dafür erforderlich ist, dass man auch im Bereich Electro oder Hip Hop ein bisschen wildern muss, dann ist das eben so. Und dann wird das einfach gemacht. Beinahe so, als wollte man hier ein eigenes Genre erschaffen. Später wird man sagen, ähnlich wie Kunstkenner die ein Gemälde betrachten, es handele sich hier um einen echten Clueso.

Von den Inhalten und den generell durchgängig fetzigen Songs abgesehen kann mich „Stadtrandlichter“ vor allem deshalb begeistern, weil die Songs nicht einfach nur so vor sich hin plätschern, sondern durch die Wechselwirkung von Gesang und Gestaltung Filme vor meinem geistigen Auge ablaufen. Filme, die mit den Themen der jeweiligen Stücke nur bedingt etwas zu tun haben, denen aber eine ähnliche Stimmung innewohnt. Cluesos „Stadtrandlichter“ ist ein bisschen so, wie am frühen Morgen aus der Disko wanken. Die Ohren klingeln noch vom Krawall im Tanztempel und eigentlich wäre es wohl auch so langsam an der Zeit, die eigenen vier Wände aufzusuchen und den Tag via Schlaf zu beenden. Aber irgendwie… ist die Stimmung noch zu gut, der Moment, einen tollen Abend abzuschließen noch nicht gekommen. Stattdessen streicht man mit den besten Freunden durch die noch schlafenden Straßen der Stadt mit dem Ziel, den höchsten Punkt (einen Hügel oder was auch immer) zu erreichen. Das Schwarz der Nacht färbt sich dabei so ganz langsam über lila zu rot. Und dann, endlich, sitzt man also auf diesem Hügel am Rande der Stadt, trinkt das erste (oder letzte, je nachdem) Bier des Tages, beobachtet wie die Sonne, die sich so langsam hinter dem Horizont hervorschiebt, die Lichter der Stadt ablöst. Wenn die Stadtrandlichter und der Zauber des neuen Tages um die Wette funkeln, dann ist das einer dieser Momente, die nach Unendlichkeit schmecken. Ein Blick in die Gesichter der Begleiter zeigt, dass sie gerade jetzt ähnlich empfinden. Und schon ist fast egal, was der Tag bringen mag – so schlimm kann es jetzt nicht mehr werden. Wie Clueso schon in „Freidrehen“ ganz passend singt: Wir wollen, kleine Momente die sich ungefragt einbringen / Leichter als leicht sein, nichts was uns einengt / Wir wollen, etwas was zu uns durchdringt / Songs hören, die wie unsre Träume klingen / Wir wollen, dass unsere schlechtesten Tage / So wie heute sind…

Dies ist nur ein Beispiel für einen Film, der in Eurem Kopf ablaufen könnte, wenn Ihr Euch „Stadtrandlichter“ zu Gemüte führt. Ein Album, das gleichzeitig einen derartigen, irgendwie sehr wohlige Melange von Heimweh und Fernweh, Aufbruch und Heimkehr beschwört, ist eben passend für einen wie Clueso – eben ein Gewinner.

Fazit

Ist ja nicht so, dass wir 2014 nicht schon das ein oder andere tolle Album im Bereich deutschsprachiger Pop-Musik präsentiert bekommen hätten. Wenn es aber heißt, dass die Gäste umso schöner werden, je später der Abend wird, dann hieße das umgemünzt auf die Musik: je später das Jahr, umso besser die Alben. Einfach mal in Eigenregie ein solch fantastisches Werk zu schustern – jau, das ist eine Leistung! Mich begeistert ein Album immer dann ganz besonders, wenn – wie weiter oben beschrieben – Erinnerungen und Gefühle, Assoziationen und (Tag-)Träumereien geweckt werden. Am liebsten noch in wilder Mischung. Dann nämlich kann ich mich gänzlich in der Musik verlieren und der Rest der Welt wird für die Spieldauer mehr als egal. Diesbezüglich ist „Stadtrandlichter“ ein Volltreffer. Im Hinblick auf die pfiffige Produktion, die sich nicht um irgendwelche Scheuklappen schert, übrigens auch. Es ist eines dieser Alben, das ich Euch nur zu gerne ans Herz lege. Und ich bin mir sicher, dass „Stadtrandlichter“ spätestens dann noch mal auf unserem Radar auftaucht wenn es darum geht, eine Auswahl der tollsten Alben dieses Jahres zu treffen. Wir haben da ja kein Ranking, aber es wäre in jedem Fall weit vorne mit dabei.


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[su_tab title=“Cover“]Clueso_Albumcover[/su_tab]
[su_tab title=“Infos“]

  • Medium: Audio CD (19. September 2014)
  • Anzahl Tonträger: 1
  • Label: Text und Ton (Universal Music)

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[su_tab title=“Trackliste“]

  1. Pack meine Sachen
  2. Freidrehen (Album Version)
  3. Alles leuchtet
  4. Wach auf
  5. Interlude I
  6. Stadtrandlichter
  7. Unter Strom
  8. Okay
  9. Lass den Kopf nicht hängen
  10. Interlude II
  11. Sein Song (ft. Udo Lindenberg)
  12. Still
  13. Ich falle noch
  14. Geradeaus
  15. Galerie
  16. Interlude III
  17. Nebenbei

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[su_tab title=“Anspieltipps“]

  1. Pack meine Sachen
  2. Freidrehen
  3. Wach auf
  4. Stadtrandlichter
  5. Geradeaus

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[su_tab title=“Video“]

Clueso – Freidrehen (Official Video)

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NEUE KOMMENTARE.

  • Die Verlosung ist beendet, die Gewinner wurden per Mail benachrichtig...
    Roman Jasiek
  • Rückblickend betrachtet hat mir das Museum irgendwie besser gefallen als...
    Roman Jasiek
  • Die Kollegen bei Electrozombies haben auch eine schöne Review zu...
    Roman Jasiek
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