COLLAPSE UNDER THE EMPIRE - Sacrifice & Isolation

COLLAPSE UNDER THE EMPIRE – Sacrifice & Isolation

Zugegeben: Geduld ist meine größte Stärke nicht. Und auf etwas warten zu müssen ist mir noch nie leicht gefallen. Daran wird sich in diesem Leben vermutlich auch nichts mehr ändern. Zum Glück hat selbst die längste Warterei irgendwann ein Ende. Wie aktuell die auf das neue COLLAPSE UNDER THE EMPIRE Album „Sacrifice & Isolation“. Drei Jahre Jahre, nachdem sie mit „Shoulders & Giants“ den ersten Teil ihres Konzeptwerks veröffentlichten, bringen die Hamburger die Sache nun zu einem Ende. Zwar waren CUTE alles andere als untätig in der Zwischenzeit (ein Album und eine EP einzuschieben, während man womöglich an seinem Opus magnum feilt – das muss man erst einmal hinkriegen!), dennoch wird wohl die Frage auftauchen: hat sich die Warterei gelohnt? Gehen wir der Sache doch mal nach.

Ich muss noch einmal auf Frank Ocean zu sprechen kommen. Nicht etwa, weil wir uns hier mit Hip-Hop befassen wollen. Sondern einfach, weil der Mann mal ein so schönen und immer wieder zitierbaren Ausspruch gemacht hat, der da lautet: Wenn du glücklich bist, erfreust du dich an der Musik. Aber wenn du traurig bist, verstehst du die Texte. Richtig genau, dieses Zitat habe ich kürzlich erst an anderer Stelle verwendet. Heute aber ist die Ausgangssituation die folgende: wie verhält sich denn die Sache, wenn Musik über keine Texte verfügt? Kann ich da fröhlich sein? Oder mich in dunklen Stunden verstanden fühlen? Kann mich solcherlei Musik genauso umhüllen, wenn da niemand ist, der meine Freude (oder meinen (Welt-)Schmerz, je nach aktueller Sachlage) in die Welt hinaus posaunt? Wie soll ich mich denn da verstanden fühlen? Geht das?

Oh aber ja doch. Bestes Beispiel aus der Moderne: Filmmusik. Habt Ihr mal versucht, einen Film zu gucken, ohne den Ton eingeschaltet zu haben? Könntet Ihr Euch beispielsweise den „weißen Hai“ ohne die ach so typische, bedrohliche Musik vorstellen? Klar, vorstellbar ist das, fetzen würde das aber nicht. Umgekehrt kann man sich Filmmusik aber ganz hervorragend in die Gehörgänge schieben, ohne das zugehörige Filmmaterial gleich mit zu konsumieren. Die Scores eines Hans Zimmers beispielsweise funktionieren auch dann bestens stimmungsstimmulierend, wenn man den zugehörigen Film nicht sieht. Um Hans Zimmer soll es hier aber auch nicht gehen, sondern nur um die Feststellung: jopp. Rein instrumentale Musik kann Dich genauso umschmeicheln, einhüllen und fort tragen wie Musik, in denen fröhliche oder düstere Texte vorgetragen werden. Eventuell sogar noch besser. Denn ähnlich wie Filmregisseure sind die Urheber der Songtexte ebenfalls Regisseure, welche eine bestimmte Richtung vorgeben, da sie eine bestimmte Aussage treffen wollen, eine bestimmte Sache thematisieren oder ein Schlüsselerlebnis verarbeiten. Zwar bestehen Songtexte oft aus Allgemeinplätzen, der eigenen Interpretationsmöglichkeiten wegen, dennoch: zumindest die grobe Richtung ist für gewöhnlich klar. Liedtitel, Text und Melodie – Bumms, fertig ist der Pfad, auf dem sich der Hörer bewegt und dabei oft nur mäßige Möglichkeiten hat, links und rechts entlang des Weges zu stöbern.

Ob sich Martin Grimm und Chris Burda, die kreativen Köpfe hinter dem Hamburger Post-Rock-Projekt Collapse Under The Empire deshalb entschieden haben, auf Text und Gesang zu verzichten, ob sie schlicht keine/n Sänger/in gefunden haben oder ob sich das alles ganz natürlich so entwickelt hat, weiß ich nicht. Ist auch unerheblich. Collapse Under The Empire sind auch im Jahre 2014 noch immer eine rein instrumental agierende Band. Und als solche eine Bereicherung für die Musikwelt. Auch wenn die erste amtliche Veröffentlichung sich auf das Jahr 2008 („Paintball“, EP) zurückdatieren lässt – der Sprung in die Oberliga dürfte dem Duo jedoch mit dem 2011er Album „Shoulders & Giants“ gelungen sein. Es handelte sich hierbei um den ersten Teil eines auf zwei Alben ausgelegten Konzeptwerkes, dessen zugrunde liegende Themen sich in Schlagworten wie Freiheit, Isolation und Tod umschreiben lassen. Meine Güte, was für eine Wucht dieses Album doch war! Logisch, dass nicht nur ich umgehend den zweiten Teil herbeisehnte. Der folgte aber nicht so bald. Stattdessen wurde ein Jahr später das Album „Fragments Of A Prayer“ zwischengeschoben, ein knappes weiteres Jahr später die EP „The Silent Cry“. Und jetzt, im Jahre des Herrn 2014, folgt endlich der krönende Abschluss. Mal gut, dass wir die drei Jahre Zeit und die beiden anderen Veröffentlichungen als Vorbereitung hatten. „Sacrifice & Isolation“ gleicht einer akustischen Tsunami-Welle von unglaublicher Kraft! Einer Welle, die eine solch breite Schneise schlägt, dass der Film im Kopf wohl bei keinen zwei Personen der gleiche ist. Es herrscht ja nun genügend Platz links und rechts.

Die Rohstoffe, aus denen Collapse Under The Empire ihren düsteren Klangteppich weben, sind noch immer die gleichen wie eh und je. Rockige, flächige Gitarrenwände, gepaart mit jeder Menge höchst feingliedriger elektronischer Spielereien. Dass die Hamburer Klangtüftler sind, die scheinbar viel Zeit in den Feinschliff eines jeden Songs stecken – zu diesem Schluss kommt man unweigerlich, wenn man sich die zehn Titel dieses Albums mit aller gebotenen Aufmerksamkeit anhört. Kein Song kommt auf eine Spieldauer unter viereinhalb Minuten, dafür wird sogar die 8-Minuten-Grenze durchstoßen. Was ja auch sinnig ist. Wein beispielsweise karaffiert man idealerweise ja auch, damit sich das Aroma verbessert. Und ähnlich wie der Wein anschließend einen Moment braucht, um durch den Kontakt mit Luft sein Aroma zu verbessern, so brauchen die Songs dieses Albums einen Moment, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Zu viel zu erhören gibt es hier, zu viel Klangspielereien wegen derer man in die Hände klatschen möchte, als das sich „Sacrifice & Isolation“ mal eben so weg hören ließe. Guten Wein kippt man sich ja aber auch nicht einfach so hinter die Binde. Kannste machen, klar, aber der Genuss bleibt auf der Strecke.

Mit den Eröffnungsstücken „Sacrifice“ und „Isolation“ machen CUTE klar, dass wir auf diesem Album beim unerfreulichen Abschnitt dieser Reise angekommen sind. Dramatisch, treibend, rockig und unheimlich düster. Die erste Tsunami-Welle überrollt den Hörer somit gleich mit den einleitenden beiden Songs. Mächtig und beeindruckend ausgefallen ist auch „Awakening“, angereichert mit sehr ausschweifenden Synthieflächen und dramatischen Schlagzeug. Wie die Melodie eines Countdowns vermag es dieser Song, den Puls in die Höhe zu treiben, ehe es sich in der letzten Minute, unterstützt von Streichereffekten, in einem mitreissenden Höhepunkt entlädt. Wäre dies die Untermalung für einen Film, so wäre dies wohl der Moment, wo sich die Helden echt sputen müssten, um ein großes Übel abzuwenden. Falls jemand mal auf der Suche nach dem Soundtrack für knapp werdende Zeit sein sollte – bitte. Das abschließende „The Path“, aufgewertet mit Klavierspiel, ist ein bisschen wie die ersten Sonnenstrahlen, die nach dem Sturm den Weg aus der dunklen Wolkendecke hervorbrechen. Das Licht am Ende des Tunnels, das nach diesem schweren, düsteren Album auch nötig ist.

Wer hätte denn ahnen können, dass Collapse Under The Empire im Hinblick auf Arrangements, Produktion und vor allem dem Gespür für ganz große Stimmungen nochmals eine solche Schippe drauflegen würden? Erhoffen ja, aber erahnen? „Sacrifce & Isolation“ ist ein herausragendes Werk elektronisch verzierter, instrumentaler Rockmusik – schön, dass es endlich da ist!

Fazit

Um auf die anfängliche Frage zurückzukommen: hat sich die Warterei auf „Sacrifice & Isolation“, dem Nachfolger zum umjubelten „Shoulders & Giants“ gelohnt? Oder ist zu viel Zeit vergangen und zu viel „Überbrückungsmaterial“ seitens CUTEveröffentlicht worden, dass man sich über das neue Album zwar freut, es aber nicht mehr notwendigerweise als Fortsetung einer epischen musikalischen Reise ansieht? Die Antwort: Ja, es hat sich gelohnt! Rückblickend fühlen sich „Fragments Of A Prayer“ und „The Silent Cry“ wie Zwischenstopps dieser Reise an, die einfach nötig waren, um uns auf dieses epische, düstere Finale vorzubereiten. Ich würde behaupten wollen, dass Collapse Under The Empire mit diesem Album aktuell auf der Höhe ihres Schaffens befinden. Fans von Post Rock mit der Eigenart, Filmmusik für das eigene Kopfkino zu sein, kommen hier nicht dran vorbei. Sollte dies jedoch Euer erster Kontakt mit Collapse Under The Empire sein, steigt mit „Shoulders & Giants“ ein und verwöhnt Euch zum Schluss selbst mit diesem Meisterwerk. Nachdem CUTE ihr Konzeptdoppelalbum zu diesem fulminanten Abschluss gebracht haben, darf man gespannt sein wie es weitergehen wird. Chris Burda und Martin Grimm haben in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass sie stets zu einer Steigerung fähig sind. Mit „Sacrifice & Isolation“ haben sie das unterstrichen und mit Ausrufezeichen versehen.


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[su_tab title=“Cover“]Cover-Sacrifice-Isolation02[/su_tab]
[su_tab title=“Infos“]

  • Medium: Audio CD (23. Mai 2014)
  • Anzahl Tonträger: 1
  • Label: Finaltune Records

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[su_tab title=“Trackliste“]

  1. Sacrifice
  2. Isolation
  3. Massif
  4. Lost
  5. Awakening
  6. A Broken Silence
  7. Light In The Distance
  8. Stairs To Redemption
  9. What The Heart Craves For
  10. The Path

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[su_tab title=“Anspieltipp“]

  1. Sacrifice
  2. Massif
  3. Awakening
  4. What The Heart Craves For
  5. The Path

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[su_tab title=“Video“]

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