COMBICHRIST - We Love You

COMBICHRIST – We Love You

Zu den offenen Geheimnissen der Musikwelt gehört es, dass Andy LaPlegua ein kreativer Tausendsassa ist und ein ewig eifriges Arbeitstier noch dazu. Wenn es so weitergeht, dann reicht eine Hand nicht mehr hin, um seine Projekte aufzuzählen. COMBICHRIST, Scandy, Panzer AG, Icon Of Coil, Scandinavian Cock – hab ich irgendwas vergessen? Bislang waren die Grenzen zwischen seinen Projekten aber ziemlich klar definiert. Mal FuturePop, mal Punkrock und manchmal elektronisches Geballer vom Feinsten. Dass man Dinge bei Herrn LaPlegua aber nicht als für alle Zeit in Stein gemeißelt hinnehmen kann, bewies das letzte Combichrist Album „No Redemption“. Dieser amtliche Soundtrack des Videospiels „DMC Devil May Cry“ ließ wohl so manches Öhrchen klingeln, als nach dem vergleichsweise soften „Making Monsters“ dieses Metal-Inferno aus den Boxen brach. Gerade mal ein Jahr später erschien am 21. März 2014 schon das nächste Album. Getauft auf den charmanten Titel „We Love You“ war die Frage durchaus angebracht, wohin die musikalische Reise Combichrists dieses Mal gehen würde. Man hat ja inzwischen einiges mitgemacht. Aber so etwas noch nicht.

Das bereits vorab veröffentlichte „From My Cold Dead Hands“ ließ aufhorchen. Der Titel ganz klar ein Zitat von Charlton Heston. Ihr wisst schon, dieser waffenverrückte Schauspieler, der dereinst verkündete, dass man ihm sein Gewehr allenfalls seinen kalten, toten Händen entreißen könne. Dieser Song bot klassischste Combichrist-Kost: treibende, tanzbare Beats, knarzende Glitches, die sich wie feinzahnige Kreissägenblätter in die Gehörgänge fraßen, dezentes Synthiegeklimper – und einen Andy, der sich die Seele aus dem Leib brüllt. Nicht weniger als eine moderne CC Hymne, die auf Konzerten oder Festivals wohl so richtig nach vorne gehen dürfte, hat er hier geschaffen. Wer nun aber glaubte, die Ausflüge in den Metal-Bereich gehörten damit der Vergangenheit an, hat sich von Andy genauso auf das Glatteis führen lassen wie alle, die ob des Albumtitels einen Hauch Gnade für das Trommelfell oder den Bewegungsapparat vermuteten.

Dass es auf „We Love You“ bis auf wenige Momente durchgängig volle Kanne auf die Glocke gibt, wird bereits beim Opener „We Were MadeTo Love You“ mehr als deutlich. Kaum dass uns zu flächigen Synthies eine Computerstimme zu Beginn des Songs erklärt, dass die Menschheit nicht gerettet werden kann, dafür aber schon mal aus reiner Liebe der Terminierungsprozess eingeleitet werde („Don’t forget we love you. Now die!“), bricht einmal mehr ein infernalisches Metal-Gewitter über den unvorbereiteten Hörer herein. Nur um sich ganz schnell mit knackigen, elektro-industriellen Beats zu vereinen und Andy einen höchst formidablen Rahmen für sein Geschrei zu bieten. Der an Protestrufe einer aufgebrachten Menge erinnernde … äh, ja was eigentlich? Refrain? – tut sein übriges. Wer sich das als Weckton einstellt, ist anschließend wach. Garantiert.

„Every Day Is War“ ist hingegen eine dieser typischen Combichrist Tracks, ganz in der Tradition von „Sent To Destroy“ oder „All Pain Is Gone“. Aber auch hier peitscht Andy uns die Gitarre um die Ohren, wenn auch nicht ganz so vordringlich. Ähnlich verhält es sich mit „Can’t Control“. Hier kommen einmal mehr diese knarzigen Glitches und herrlich verspielter Hintergrundkrach ins Spiel. Die Glitches werden auf „We Love You“ übrigens gerade so geschickt eingesetzt, um hörbar mit Stilmitteln von Dubstep/DnB zu spielen, ohne so zu klingen. Hervorragend! „Maggots At The Party“ ist wohl das, was man sich vorstellen kann, wenn mal irgendwer den Begriff Elektro-Rock’n’Roll in den Raum stellt. Die Ausflüge in Richtung Punkrock, die LaPlegua mit Scandinavian Cock unternommen hat, haben hier deutliche Spuren hinterlassen. Und bei Panzer AG gab es ja auch schon mal die Gitarre vor den Latz geballert. Brachial und intensiv gleichzeitig hingegen ist „Denial“, bei dem Andy durchgucken lässt, dass er eigentlich auch über eine ganz passable Singstimme verfügt, wenn er nicht gerade wütet. Noch mehr zeigt er das bei „The Evil In Me“, mit Piano und Akustikgitarre überraschend ruhig und bedächtig. Die kurze Verschaufpause zur Halbzeit? Oh aber ja doch. Mit „Fuck Unicorns“ folgt eine Instrumentalnummer mit einem unerhört fetzigen Beat. Erinnert in seinem Minimalismus ein bisschen an B-Seiten-Tracks wie „HAL 9000“. „Love Is A Razorblade“ – wer wollte das nicht unterschreiben? Entsprechend wuchtig, schnell und metalisch kommt diese Nummer daher.

Ihr merkt es vielleicht schon – Abwechslung wird auf „We Love You“ verdammt groß geschrieben – und das trotz des Umstands, dass dieses Album dem Hörer wenig Gelegenheit zum Verschnaufen bietet. Sacken lassen kann man es erst hinterher, nachdem man durch ist. Und erst dann wird einem unbewusst klar, welch enorme Detailversessenheit den Songs innewohnt. Zwischen all dem vermeintlichen Krach verstecken sich so viele Spielereien, es ist sagenhaft. Es heitß, Andy LaPlegua habe die Songs nicht nur geschrieben, sondern auch im Alleingang eingespielt und produziert. Eine mehr als respektable Leistung. Für Andy hatte dies den Nebeneffekt, nicht auf Kompromisse wegen irgendwelcher Meinungen weiterer Combichristen eingehen zu müssen. Keiner der dazwischen quatscht, sondern einzig und alleine 100% Andy LaPlegua, 100% Combichrist. Und so klingt das Album unterm Strich dann auch: bombastisch und kompromisslos und härter als jemals zu vor. Zartbesaitete Feingeister, die lieber denken und über den Inhalt sinnieren anstatt zu schwitzen, werden an diesem Werk wenig gefallen finden. Aber die dürften auch kaum die Zielgruppe von Combichrist sein. Wie war das noch (sinngemäß) in dieser Werbung für irgendwelche Minzdropse? Ist es zu hart bist du zu schwach? Jopp. Combichrist in your face!

Fazit

Ich gebe zu: mein erster Eindruck von „We Love You“ war eher so meh. Gerade weil ich das letzte Combichrist Album für eines hielt, das den Namen nur trug, weil sich so mehr Käufer finden ließen. Und weil ich Combichrist und Metal irgendwie zunächst immer noch nicht in Einklang bringen konnte. Dieser Eindruck hat sich mit mehrmaligem Hören allerdings ganz gewaltig revidiert. Tatsächlich bin ich inzwischen so weit, „We Love You“ für das beste bisherige Combichrist Album zu halten. Diese unerhörte Mischung aus brachialen Industrialsounds und dem Metal-Inferno lässt die Konkurrenz Staub fressen. Mehr gewütet hat Andy bisher wohl noch nicht. Er streift hier gerne Mal die Grenze zu „nur noch Krach“, peppt die Songs aber mit maximaler, schweißtreibender Tanzbarkeit und so vielen Details auf – es ist wahrlich die Wucht in Tüten! Wahnsinn mit Methode und einer Eingägigkeit, die sich nicht nach dem ersten Hören erschließt. Während andere Krachkapellen der Düsterszene die totale Club-Domination nur propagieren, setzt Andy LaPlegua den Standard für das Jahr 2014, womöglich sogar noch weit darüber hinaus. Der reinste Nachtmahr für seine Mitbewerber!


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[su_tab title=“Cover“]weloveyou[/su_tab]
[su_tab title=“Infos“]

  • Medium: Audio CD (21. März 2014)
  • Label: Out of Line (rough trade)
  • Anzahl Tonträger: 1

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[su_tab title=“Trackliste“]

  1. We Were Made To Love You
  2. Every Day Is War
  3. Can’t Control
  4. Satans Propaganda
  5. Maggots At The Party
  6. Denial
  7. The Evil In Me
  8. Fuck Unicorns
  9. Love Is A Razorblade
  10. From My Cold Dead Hands
  11. We Rule The World, Motherfuckers
  12. Retreat Hell, Pt. 1
  13. Retreat Hell, Pt. 2

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[su_tab title=“Anspieltipps“]

  1. We Were Made To Love You
  2. Denial
  3. The Evil In Me
  4. Fuck Unicorns
  5. Love Is A Razorblade
  6. We Rule The World, Motherfuckers

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[su_tab title=“Spotify“]

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