EMIGRATE – Silent So Long

In Ordnung. Diesmal muss ich mich etwas sputen, da wir das vorliegende Album selbst auch erst mit VÖ erhalten haben. Daher versuche ich mich mal zur Abwechslung an einem kurzen Review – man soll ja immer was Neues ausprobieren… So wie das Album „Silent so long“ von Emigrate, welches sich hier zur Begutachtung in meinem Player wiederfindet. Selbiges ist nun schon seit etwa 14 Tagen im Handel erhältlich – genauer gesagt seit dem 14.11.2014 – und sodann auf Platz 28 der deutschen Album-Charts eingestiegen. Da ich ja prinzipiell der Neuen Deutschen Härte nicht abgeneigt bin, dachte sich unser Hausmeister hier, dass das doch bestimmt eine nette Arbeit für mich sei. Ist doch der Mit-Begründer von Emigrate, nämlich Richard Zven Kruspe, schon seit Anbeginn als Gitarrist bei Rammstein unterwegs und hat dort etliche Erfolge feiern dürfen. Aber Emigrate ist halt (glücklicherweise) nicht Rammstein. Aber dazu später mehr.

Im Jahre 2005, einer eher ruhigen Zeit bei den Mannen um Till Lindemann, hat Kruspe zusammen mit Arnaud Giroux (Bass) und Olsen Involtini (Gitarre) eine Idee in die Tat umgesetzt und sein neues (Herzens-)Projekt Wirklichkeit werden lassen – er wechselte ans Mikrofon. Die Rolle des Schlagzeugers wurde seitdem bereits mehrfach neu besetzt und zeigt aktuell Mikko Sirén, welcher sich bei Apocalyptica bereits einen Namen gemacht hatte, in der Verantwortung. Soviel zu den Randbedingungen. Was Kruspe bei der Arbeit mit Rammstein fehlte, soll hier einen würdigen Platz finden und den persönlichen Weg weiter bereichern. Und was man mit ganzen Herzen tut, wird meistens erst recht gut. So war das Debütalbum in 2007 sogleich sehr erfolgreich und schaffte es auf Platz 8 der deutschen Chartliste. Mit den nun bereits sieben vergangenen Jahren haben sich Emigrate echt Zeit gelassen, wieder auf der Bildfläche zu erscheinen. Hört man dann aber mal in das neueste Werk hinein, ist das Warten schnell vergessen. Die ursprüngliche Idee der Band war es ja, immer wieder Neues zu probieren, auch mal andere Gastmusiker mit ins Studio zu holen und damit sich selbst immer neu zu erfinden, anstelle der Wiedergabe von bereits Geschaffenem. Das haben sie im Gesamtwerk „Silent So Long“ mit seinen insgesamt elf Titeln jedenfalls erreicht und eine Einordnung in ein bestimmtes Genre fällt mir zumindest schwer.

Beim eingängigen Opener „Eat You Alive“ in dem der deutsche Raggae-Musiker Frank Dellé (Seeed) zusammen mit Kruspe ans Mikro kommt, schoss mir sofort der Begriff „groovy“ durch den Kopf – rockig, rhythmisch und Lust auf mehr machend. Dachte man sich im Hause Emigrate wohl auch, und so erschien dieses Stück auch bereits vorab als Singleauskopplung inklusive Videoproduktion. In „Get Down“, einen geschmeidig düsteren Elektrosong mit Drums und Gitarre, säuselt Peaches uns die Texte ins Ohr und auch hier geht das geht das Konzept eines Duetts vollends auf und der kundige Hörer vernimmt einmal mehr, dass Kruspe als Sänger in den Jahren der „Abwesenheit“ deutlich gereift ist. Das ist euch zu langweilig?

Nun denn, bitte sehr. In „Rock City“ werden uns die Drums zusammen mit schnellen Gitarrenriffs um die Ohren geballert und die rauhe Stimme des Motörhead-Chef Lemmy Kilmister am Mikro passt ohne sich verbiegen zu müssen. Rock’n’Roll halt. Kruspe hat ein Händchen als Songwriter bewiesen, ihm dieses Stück quasi auf den Leib zu schneidern und man spürt förmlich den Spaß, den die Produktion allen Beteiligten gebracht haben muss. Aber noch längst nicht genug mit der prominenten Gästeliste. In „Hypothetical“ läuft kein geringerer als Marilyn Manson zu Höchstformen auf, wie wir ihn schon lange nicht mehr gehört haben. Sollte jemandem die Gitarren Riffs irgendwie bekannt vorkommen, so möge man in Richtung Led Zeppelins „Kashmir“ aus dem Jahre 1975 schielen – hier nur mit deutlich mehr Wumms für das 21. Jahrhundert dahinter. Ich finde es toll, Inspirationen von anderen Bands oder Generationen zu holen und diese für das hier und jetzt zu interpretieren. Wieso auch das Rad ständig neu erfinden, wenn man aus Bekannten Überraschendes schaffen kann?

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Der folgende Titel „Rainbow“ kommt ausnahmsweise ohne Gast aus und zeigt eher poppige Einflüsse auf. Nichtsdestotrotz könnte er sich zum Clubhit entwickeln und zukünftig die Tanzflächen füllen. Und schon geht’s weiter mit „Born On My Own“ und „Giving Up“, Stücken in denen Kruspe den Spagat zwischen leisem, ruhigem Gesang und lautem, kraftvollen Refrains mit Bravour vollzieht und seine stimmliche Entwicklung beweist. Meiner Meinung nach erinnert „My Pleasure“ noch am ehesten an die Herkunft des Bandbegründers. Auch wenn bei Emigrate alle Titel dieses Albums auf Englisch eingesungen worden sind, fühlte ich mich hier doch mal -ganz latent- an Rammstein erinnert.

Zwei Gäste haben wir noch auf diesem Silberling. Da ist zum ersten Margaux Bossieux, die in „Happy Times“ zusammen mit Kruspe das Duett bildet. Entgegen der Vermutungen, die die Titelwahl zwangsläufig aufdrängen, ist dieses Stück alles andere als lustig, sondern vielmehr düster-tragend. Beim Hören kamen mir die Songs aus dem Soundtrack zum Film „The Crow“ in den Sinn. Hätte durchaus auch gepasst. Bevor der zweite, noch fehlende Gast an das Mikrofon gelassen wird und wir das Review abschließen, kommt Richard Kruspe mit „Faust“ noch einmal mit einem Kracher um die Ecke. Es ist wieder Rock angesagt und die Beine beginnen im Takt zu wippen. Der Refrain blieb mir noch lang im Kopf „Now I just can’t get away. No you don’t, no you don’t. … I’ll wait for you until we have forever.“

Und damit sind wir am Ende angelangt. Der längste Titel ist auch der namensgebende des Longplayers „Silent So Long“, diesmal mit Jonathan Davis (Korn). Und auch dieses Stück hätte sich gut bei „The Crow“ wiederfinden können. Obwohl rockig und gitarrenbetont, aber auch melodisch daherkommend, bringt der letzte Song irgendwie eine mystisch-melancholische Stimmung mit sich.

Durch die verschiedenen Kooperationen klingt das Album sehr frisch und abwechslungsreich. Industrial-Einflüsse und harte Rocker stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Fazit

Naja gut, kurz ging auch diesmal wieder nicht bei mir. Sorry! War aber auch zu spannend das Album. Mit der Überzeugung von etlichen hochkarätigen Gastkünstlern hat sich die Stammbelegschaft Sänger ins Haus geholt, die verschiedener nicht sein könnten. Ein Neider könnte meinen, dass Kruspe selbst nichts zu bieten hätte, aber weit gefehlt! Der Ansatz, mit befreundeten Künstlern zusammen zu arbeiten, geht auf. Es ist ein Album entstanden, in welchem sich jener rote Faden, die berühmte eigene Handschrift oder der Stempel, der immer wieder mal mehr und mal weniger stark von Kruspe aufgedrückt wird, kontinuierlich wiederfindet. Das Baby ist gereift und hat den nächsten künstlerischen Level erreicht – weg von irgendwelchen Rammstein-Assoziationen, die sich bisher mit diesem Namen verbanden. Aber Emigrate ist definitiv nicht Rammstein! Auch nicht mal annähernd. Und das ist auch gut so, denn mit dem zweiten Album hat Kruspe die Band definitiv aus den Kinderschuhen raus geholfen und einen Schritt zum eigenen Charakter der Band gehen lassen. Dafür allein gebührt schon meine Hochachtung. Sie in irgendwelche Schubladen zu packen, würde der Vielfältigkeit und der Flexibilität der Band nicht gerecht werden. Wie Kruspe selbst 2007 in einem Interview für ultimate-guitar.com (von mir hier mal frei übersetzt) sagte, sei es eine recht egoistische Angelegenheit Musik zu machen und man sein eigenes Ding machen müsse, unabhängig davon, was andere denken könnten. Man sollte nur sich selbst glücklich machen und auch mal den unsicheren Weg gehen. Welch‘ weise Worte zum Abschluss. Ich bin mir sicher, dass dieses Album noch viele weitere Fans für sich gewinnen wird und würde mich nicht wundern, wenn Kruspe, Giroux, Involtini und Sirén sich für das nächste Album nicht mehr soviel Zeit lassen würden, sondern (kreatives) Blut geleckt haben. Ich bin gespannt und werde es weiter verfolgen.


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