Foto: Sony Music

FOXES – Glorious

Es passiert jedes Jahr erneut und das mehrmals: mit einigem Tamtam wird eine junge Künstlerin von der Plattenindustrie ins Rampenlicht geschoben, um das Bedürfnis der Musikkonsumenten nach weiblichen Pop-Stars weiterhin zu decken. Tatsächlich sind da manches Mal Künstlerinnen dabei, die auch wie genau eine solche wirken, authentisch und – egal ob mit Hilfe oder nicht – einen bleibenden Eindruck hinterlassend. Viele verschwinden genauso schnell wieder in der Versenkung, wie sie daraus hervor aufgetaucht sind, ein paar wenige schaffen es, das öffentliche Interesse hoch zu halten. Hiervon wiederum welche vor allem dadurch, dass sie die Klatschseiten diverser Zeitungen und Magazine füllen, andere durch musikalische Veröffentlichungen. In den herannahenden Sommer wird nun das Debütalbum „Glorious“ der britischen Sängerin FOXES geschoben. Ob sie gekommen ist, um zu bleiben, das wird Zeit zeigen. Vorher werfen wir mal einen Blick auf das Debütalbum. Irgendwie scheint man in diesen Tagen ja nicht drumherum zu kommen.

Louisa Rose Allen heißt die junge Frau, die vor 24 Jahren im südenglischen Southampton das Licht der Welt erblickte. Dafür, dass die Lady noch vergleichsweise jung an Jahren ist, stehen in ihrer Biografie bereits Dinge wie erste öffentliche Auftritte bei Open-Mic-Abenden und umjubelte Auftritte beispielsweise beim SXSW Festival. Es hätte nicht viel gefehlt, und Louisa wäre in der Kosmetikindustrie gelandet. Darüber, ihren Weg zu finden sagt sie: „Das machten alle und ich dachte mir: ‚ok, dann werde ich halt Kosmetikerin‘, man weiß ja, wie so was läuft. Aber Gott sei dank habe es nicht getan. Ich würde heute vermutlich irgendwelchen Frauen in Eastleigh den ganzen Tag Selbstbräuner aufsprühen“. Dabei war eigener Aussage nach der Weg in die Musik schon in frühem Kindesalter vorgezeichnet. „Ich war immer das Kind, das an Weihnachten auf dem Tisch stand und sang. Meiner ganzen Familie ging das ziemlich auf den Wecker. Ich sang ‚The Little Mermaid‘ und Celine Dion und alle lachten über mich“, erklärt sie. Und so landete sie nicht in der Kosmetikbranche sondern schrieb sich stattdessen an einer Musikschule in London ein. Vielleicht aus Trotz? Sie wohnte im Prinzip auf der Couch ihrer Schwester und hielt sich nebenbei mit Jobs in Bars über Wasser. Der Stoff aus dem Legenden sind. Und wer hier sich hier an die klassische Mär „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ erinnert fühlt – jupp, ich auch. Aber hey, so wird es überliefert. Im Laufe dieser Zeit traf sie auf ihren künftigen Produzenten Ghostwriter (ernsthaft Sony – „Ghostwriter“?!). Wer auch immer dieser Ghostwriter sein mag – er hat es verstanden, Songs zu basteln, die sich erfolgreich in den Charts positionieren. So landete „Let Go For The Night“ beispielsweise in Foxes’ Heimat, dem UK, Platz 7 der Singlecharts. Logisch, dass eine solche Entwicklung irgendwann ein komplettes Album nach sich zieht. Und da sind wir nun also.

Stolze 16 Songs versammelt Foxes auf der Deluxe Version (und somit unbeschnittenen Fassung) ihres Erstlingswerks. Das ist schon eine beachtliche Hausnummer, zumal in anderen Szenen die Zahl der Tracks pro Album auf 10 Stück festzementiert zu sein scheint. Doch was hilft es, wenn angesichts der Fülle der Spannungsbogen so gleichförmig ausfällt, wie die Oberfläche eines stehenden Gewässers an windstillen Tagen? Vielleicht würden mich die Songs von Foxes mehr kicken, wenn es weniger an der Zahl wären. In der Kürze liegt die Würze und wenn man sich derart in gleichförmiger, möglichst gefälliger Langeweile bewegt wie hier, wäre weniger womöglich mehr gewesen. Soweit die Theorie. Um die nur 11 Songs umfassende Standardfassung des Albums, bei der die eigentlichen Highlights dem Hörer einfach vorenthalten werden, ist es nicht besser bestellt. Kürzen gut und schön, aber bitte nur sinnvoll. Der Rotstift, der hier angesetzt wurde um unnötige unterschiedliche Fassungen des Albums anbieten zu können, ist für mich nicht nachvollziehbar.

Foto: Sony Music

Zurück zur Musik. Es lässt sich nicht mal sagen, dass Foxes in dieser oder jener Kategorie schlecht wäre. Gesanglich passt das schon, die Produktion ist erwartungsgemäß auch auf hohem Niveau. Ok, sie hätte noch etwas mehr Druck vertragen können, klingt dennoch aber angenehm sauber. Und die Songs selbst, mit ihrem melancholischen Touch („Ich schreibe immer traurige Songs, aber ich mag es eigentlich eher tragikomisch. Lieder, bei denen man am Anfang das Gefühl hat, dass alles Mist ist und am Ende stellt sich dann heraus, dass es ganz großartig ausgeht. Ich bin ein großer Fan von solchen Sachen und ich denke, dass auch mein Leben ein wenig so verläuft.“) kann man schon hören, ohne dass sich einem vor Entsetzen die Fußnägel aufrollen.

Leider will zumindest bei mir aber der Funke, der ein Album aus der Flut an Neuveröffentlichungen strahlend herausragen lässt, nicht überspringen. So überhaupt nicht, auch nach mehrmaligen Hördurchgängen. In meinen Ohren ist „Glorious“ zu sehr darauf gepimpt, eine möglichst große Hörerschaft zu bedienen, anstatt tatsächlich künstlerische Ansprüche zu verfolgen. So glatt, so sauber, so langweilig. Dass da grundsätzlich das Potential für mehr innewohnt, kommt in seltenen Momenten durch. Der Live-Mitschnitt der klaviergeschwängerten Ballade „Clarity“ ist ein Beispiel dafür. Hier wirkt die Stimme der vierundzwanzigjährigen sehnsüchtig, verletzlich und doch kräftig. Und dass der Song live auf einigen Schnickschnack verzichtet, kommt ihm nur zu Gute. Hier hat der ursprünglich beteiligte Produzent Zedd (u.a. Lady Gaga) ganze Arbeit geleistet. Das irgendwie naheliegende „Beauty Queen“, mit peppigen Beat und leicht exaltiertem Charakter versehen, zeigt ebenfalls, wohin die Reise hätte gehen können. Aber davon bekommt der Käufer der Standardversion ja nüscht mit. Narf.

Louisa sagt über ihren Werdegang unter anderem: „Ich bin bei vielen ‚Open Mic‘-Abenden aufgetreten, oft bestand das Publikum nur aus zwei Leuten, die so aussahen, als wenn sie gleich anfangen zu heulen“. Was angesichts ergreifender Balladen wie dieser gar nicht verwunderlich wäre. Leider jedoch ist das hier eher die Ausnahme. Über weite Strecken werden wir mit elektronisch-synthiepoppig angehauchten Songs „verwöhnt“, die genau so klingen wie etwas, das man zielführend Richtung Radio verfrachten möchte. Es wird eine Menge Leute geben, die an „Talking To Ghosts“ oder dem bereits von Erfolg gekrönten „Youth“ Gefallen finden werden. Dennoch: wenn es Alben gibt, die einem kulinarischen 12-Gänge-Menü entsprechen, ist „Glorious“ wenig mehr als Burger und Fritten. Schmeckt zwar, hält aber nicht lange vor.

Andererseits: dem Zeitgeist entsprechend reicht es ja vielleicht, wenn nur kurze Aufmerksamkeitsspannen abgedeckt werden. Für fünf Minuten Ruhm wird es reichen. Louisa sagt: „Ich renne dem Ruhm nicht hinterher. Ich brauche diesen Teil überhaupt nicht, ich will einfach nur Musik machen. Und ich möchte diese Art von Musik für den Rest meines Lebens machen“. Ja nee, ist klar. Irgendjemand möchte aber durchaus, dass Foxes zu Ruhm kommt und Geld in die Kassen spült. Dafür war die betriebene Werbung zu aufdringlich, um nur mal der Musikwelt zu verkünden, dass jemand neues die Bühne betritt. Sollte sich Louisas Musik verkaufen – wovon auszugehen ist, schließlich kaufen die Leute ja auch Katy Perry – wird sie diese Musik wenn vielleicht auch nicht für den Rest ihres Lebens, aber noch sehr lange machen können. Danke für die Warnung, dann kann ich ja bereits an dieser Stelle wieder aussteigen.


Sony hat vermutlich eine ganze Menge Geld in die Hand genommen, um Foxes’ Erstlingswerk zum Erfolg zu verhelfen. Vielleicht wünschen sich die Entscheidungsträger des Musikgiganten den Erfolg für „Glorious“ mehr als die Urheberin. Es war ja in den letzten Wochen in gewissen sozialen Netzwerken schlicht unmöglich, nicht auf gesponsorte Beiträge mit dem Thema Foxes zu stoßen.Und das war nur mein Teil der Medienwelt. Könnte mir vorstellen, dass es in anderen Kanälen (Radio, TV, …) ähnlich aussah. Wenn ein solcher Aufwand betrieben wird, muss folglich auch geliefert werden. Tja, und genau da ist das Problem. Für mich ist Foxes „Glorious“ genauso nett wie belanglos. Es war nett anzuhören, ist aber so unendlich glatt und auf Kommerztauglichkeit getrimmt, dass es einfach nicht hängen bleiben will. Ich gehe jede Wette ein, dass ich einer Woche im Bezug auf „Glorious“ nur noch weiß, das ich darüber geschrieben habe, aber nicht mehr, wie es klingt. Wir haben uns hier in den vergangenen Monaten über Newcomerinnen unterhalten, die deutlich mehr Eindruck erzeugt haben, eben weil sie über eine viel unverwechselbarere, individuellere Note verfügen. Der Erfolg für „Glorious“ wird kommen, da bin ich mir sicher. Dafür wird Sony schon sorgen. Aber deswegen muss man es ja noch nicht mögen. Die Nächste, bitte.


Foxes_Glorious_Cover


Sony hat vermutlich eine ganze Menge Geld in die Hand genommen, um Foxes’ Erstlingswerk zum Erfolg zu verhelfen. Vielleicht wünschen sich die Entscheidungsträger des Musikgiganten den Erfolg für „Glorious“ mehr als die Urheberin. Es war ja in den letzten Wochen in gewissen sozialen Netzwerken schlicht unmöglich, nicht auf gesponsorte Beiträge mit dem Thema Foxes zu stoßen.Und das war nur mein Teil der Medienwelt. Könnte mir vorstellen, dass es in anderen Kanälen (Radio, TV, …) ähnlich aussah. Wenn ein solcher Aufwand betrieben wird, muss folglich auch geliefert werden. Tja, und genau da ist das Problem. Für mich ist Foxes „Glorious“ genauso nett wie belanglos. Es war nett anzuhören, ist aber so unendlich glatt und auf Kommerztauglichkeit getrimmt, dass es einfach nicht hängen bleiben will.
INHALT / KONZEPT.6
TEXTE.6
GESANG.7.5
PRODUKTION.7
UMFANG.7
GESAMTEINDRUCK.6.5
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Nett anzuhören, ...
NEGATIV.
... aber leider erschreckend belanglos
Die spannendsten Songs fehlen auf der Standard-Fassung des Albums
6.7
TOTAL.