IRRLICHT - Près Du Miroir

IRRLICHT – Près Du Miroir

Französisch als Sprache in Musiktiteln ist mir bisher prinzipiell nicht so häufig untergekommen. Und für unsere (deutschen) Ohren hört sich das schon ein Stück weit „exotisch“ an. In der Schweizerischen Eidgenossenschaft sieht das mit Sicherheit ganz anders aus – ist es dort doch eine der vier Amtssprachen. Und so kann ich auch nachvollziehen, dass es für das (mittlerweile nur noch) Trio IRRLICHT sehr nahe lag, sich darauf zu besinnen und nach wie vor auch französische Stücke auf ihren Alben zu veröffentlichen. Und da die Sängerin Daniela Dietz aus Stuttgart beruflich als Französischlehrerin unterwegs ist, gab es diesbezüglich bestimmt auch nie Probleme. Wenn nun in Kürze, nämlich am 17.Oktober 2014, das neue Album „Près du miroir“ veröffentlicht wird, so ist es bereits das neunte Studio-Album der schweizerisch-deutschen Band, welches neben deutschen und englischen Lyrik, auch französische Titel einbaut und uns wieder aufs Neue ein bisschen Exotik in die schwarze Musik bringt.

Als sich die Bandmitglieder um Mastermind Markus Nauli im Jahr 1996 zusammengefunden hatten, fühlten sie sich noch im Umfeld der Neuen Deutschen Todeskunst heimisch und setzten sich zum Ziel, literarische Texte und Gedichte zu vertonen. Ein Einfluss, der sie wohl nie so ganz verlassen wird. Da wundert es mich nicht, dass man sich auch jetzt noch das ein oder andere Mal an Kollegen wie Das Ich, Goethes Erben oder auch Oberer Totpunkt erinnert fühlt, auch wenn die Hauptrichtung mittlerweile wohl eher im Bereich des Darkwave oder auch Elektropop angesiedelt ist. Mit dem Ausstieg des Gründungsmitgliedes Markus Meier im Jahr 2006 und damit dem Fehlen des bis dato charakteristischen Sprechgesanges, mussten sich die Irrlichter einmal mehr neu erfinden. Daniela, welche bereits 2003 dazu gestoßen war, rückte als nunmehr alleinige Sängerin mit Ihrer klassisch ausgebildeten Stimme mehr in den Vordergrund und auch das gesamte Musikgefüge veränderte sich. Die Songs wurden melodiöser, aber auch immer mal wieder tanzbarer, so dass diese für hiesige Clubs längst kein Geheimtipp mehr sind.

Für das nun vorliegende Werk Près Du Miroir (dt. „Neben dem Spiegel“) haben sich Irrlicht über zwei Jahre Zeit für intensive Studioarbeit gelassen und präsentieren uns 14 Stücke in französischer und deutscher Sprache, die unterschiedlicher nicht sein können. Thematisch geht es in diesem Album (wer hätte es geahnt, wenn der Titel von einem Spiegel spricht ?) um Reflexionen. Wobei es hierbei nicht um eine neutrale, von außen betrachtete und damit objektive Wiedergabe von Tatsachen geht, sondern es werden persönliche und gesellschaftliche Themen, welche die Band während der Produktionszeit beschäftigt und berührt haben, ganz bewusst mit den eigenen Emotionen der Mitglieder verwoben. Die Band selbst spricht von Verarbeitungsprozessen von Lebenseinschnitten der letzten Monate und das wird auch in dem einen oder anderen Stück definitiv deutlich. Bitte seht mir nach, dass ich diesmal nicht jeden einzelnen Titel betrachte, aber meine französischen Sprachkenntnisse sind etwas eingerostet, wie sich auch jüngst in meinem diesjährigen Sommerurlaub schmachvoll zeigte. Aber auch ohne alle der – teils gesprochenen, teils gesungenen – Texte inhaltlich zu verstehen, wird das Gefühl der Melancholie, der Enttäuschung und der Trauer gut transportiert.
Ja, dabei ist Trennungsschmerz zum Beispiel ein großes Thema, welches sich gleich in mehreren Stücken wiederfindet. Mit Zeilen wie „Keine Hoffnung, keine Liebe, nichts als Wut“ oder auch die „Blicke aus erloschenen Augen“ aus dem Titel Abschied wird jeder vielleicht allzu deutlich an die letzte Trennung erinnert, die man zu Beginn beim „Blick, der uns entfachen“ ließ, nie geahnt hätte. Auch wenn dem Ganzen erst die eigenen Erkenntnisse, dass man „geblendet war von dem Glück, das uns erstarren lässt“, obwohl man den Abgrund schon gesehen hatte (aus „Projekt: Abgrund“), und sich erst befreien, ja umkehren musste, um nicht buchstäblich wie der Panther hinter Gitterstäben zu sein, welcher mit Rainer Maria Rilkes gleichnamigen Gedicht auszugsweise zu Beginn des Titels „La course des rats“ zitiert wird, zu enden. Weh tut es trotzdem, auch wenn man selbst den Schritt zu einer Veränderung gegangen ist.
Vielleicht hatte man sich auch falschen Hoffnungen hingegeben, wie in dem Stück „Wenn du das bist“. Hier singt Daniela von dem „Kuss, der befreit, zerstört, sticht und betört“, von der Sehnsucht nach dem anderen, weil dann vermeintlich alles anders wird, denn dann „weiß ich, wer ich bin“, dann „schenkst du mir Kraft“ oder dann „bin ich nicht mehr allein“. Und dann ist das Objekt der Sehnsucht endlich da und man stellt mit Ernüchterung fest, dass es wohl doch nur ein „falscher Traum“ war, man den Partner nicht mehr spürt und der „Pfad zu zweit zerstört“ ist – naja, eigentlich wohl doch „nie uns gehört hatte“. Dann war es wohl doch „die falsche Zeit“ oder „der falsche Ort“. Diese Texte können einen wirklich schwermütig machen, wenn man sich darauf einlässt und sie vollends auf sich wirken lässt, sag ich euch!

Aber nicht nur das. Die Irrlichter zeigen mit diesem Album, dass sie viele Variationen von Musikrichtungen beherrschen. Vom Sprechgesang der Neuen Deutschen Todeskunst, über Darkwave bis hin zu Elektropop ist alles dabei. Da frage ich mich allerdings auch, wieso man von zwei Titeln, nämlich La course des rats und Dans ce miroir unbedingt noch einen Clubmix produzieren musste. Mit dem sehr plumpen Backing wirkt Danielas Stimme an manchen Stellen etwas dünn und mitreißen konnten mich diese Versionen auch nicht wirklich. Bleibt mir zu hoffen, dass sich Daniela Dietz, Markus Nauli und Renato Kienberger ihren Weg noch klarer finden und diesen – und damit sich selbst – treu bleiben, um sich stets weiter zu entwickeln und nicht ständig Neues auszuprobieren.

Aber um die Hörer nicht in ihrer Melancholie zurückzulassen, beenden Irrlicht ihr Album dann noch mit dem „Höhenflug“, welcher ein textlich nicht wirklich ernstzunehmendes Stück darstellt. Ich sage nur: „Captain Kirk und seine Crew“ versprechen „Entspannung pur beim Höhenflug.“ :) Nun denn… lustig ist der Titel allemal.

Fazit

Auch wenn mir scheint, dass sich Irrlicht an manchen Stellen noch nicht so ganz auf ihrem zukünftigen Weg eingefunden zu haben, so ist es durchaus eine Band, die man weiter im Auge behalten sollte. Dass das Trio sehr vielschichtig unterwegs sein kann, und doch immer weiter Wert auf ihre textlichen Inhalte legt, hat es einmal mehr mit „Prés de miroir“ bewiesen. Ich bin gespannt wohin die Reise führen wird.


[su_tabs|][su_tab title=“Cover“]irrlichtcover[/su_tab]
[su_tab title=“Infos“]

  • Medium: Audio CD (17. Oktober 2014)
  • Anzahl Tonträger: 1
  • Label: Danse Macabre (Alive)

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[su_tab title=“Trackliste“]

  1. P
  2. Projekt: Abgrund
  3. La Course Des Rats
  4. Abschied
  5. En Fibre De Verre
  6. Anderswelt
  7. Monocave (OTS)
  8. Licht & Zeit
  9. Wenn Du da bist
  10. Dans Ce Miroir
  11. Outro
  12. La Course Des Rats (Clubmix)
  13. Dans Ce Miroir (NTL Clubmix)
  14. Höhenflug

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[su_tab title=“Anspieltipps“]

  1. Abschied
  2. Wenn Du da bist
  3. Höhenflug

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[su_tab title=“Video“]

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