Foto: Elmar Herrmann

KONZERTBERICHT: Joachim Witt + Support, 02.05.2014 Altes Theater Magdeburg

Ich sing ein Lied wo immer du bist, ein Lied von verlorenen Träumen“. Ja das tat er wirklich, der Joachim, der Witt. Dienstag in Berlin, vorgestern in Hannover, gestern in Erfurt und an diesem Freitag mit ziemlicher Sicherheit auch in Magdeburg: „Dein Lied“ aus dem aktuellen Album „Neumond“. Keine 48 Stunden war es her, dass ich die Gelegenheit bekam Joachim Witt auf seiner ersten Konzerttournee seit gefühlten Äonen zu sehen. Lässt man Festivalauftritte mal weg, datiert die bis neulich letzte Tourshow, die ich von ihm erlebte, exakt auf den 18. Februar 2001. Dreizehn verdammt lange Jahre! Doch auch für einen Witt ist es nie zu spät das Wasser neu einzulassen, den Raum zu fluten und wieder aufzustehen mit einem Fahnenmeer im Wind. Sich zu erheben – weil er eisern ist!

 Quasi noch voll im Flow erreichte ich an diesem Abend um kurz vor 19:00 Uhr zeitig das Alte Theater in Magdeburg. Eine sehr schöne Location übrigens, die mir als Auswärtigem erst vor kurzem während eines der besten Subway to Sally-Konzerte der vergangenen 10 Jahren unter die Fuchtel kam. Vorher hatte es sich irgendwie nie ergeben. Im Gegensatz zu Hannover gestaltet sich eine Anreise nach Magdeburg in der Regel sehr entspannt. Zum einen staune ich immer wieder, wie es eine gut ausgebaute Autobahnanbindung ermöglicht die knapp 140km in unter 80 Minuten zurück zulegen, während der 60km kurze Abstecher an die Leine vom Hauptquartier aus gerne mal eine Stunde in Anspruch nimmt. Faszinierend! Auch die Parkplatzsuche kann man als Konzertbesucher in Magdeburg überspringen. Egal ob an der altehrwürdigen Factory oder dem Alten Theater (um mal in der 1000er Kategorie zu bleiben), es gibt dort schlicht für jeden Konzertbesucher einen Platz um stressfrei wenn auch für ein Handgeld seinen Kübel abzustellen. Diesbezüglich herrscht bei Hannovers Clubs chronisch Nachholbedarf. Ob früher die FAUST oder heute das Musikzentrum…für Autofahrer ein Graus! Möglicherweise ist es auch eine Frage des Alters und zunehmender Bequemlichkeit, dass ich inzwischen auf solche Details achte. Wer lässt sich in seiner Freizeit schon gerne von einer fehlenden Parklücke unter Strom setzen?

Leichtmatrose.
Foto: Elmar Herrmann

Die Einlasskontrolle des Alten Theaters gekonnt passiert, stöpselte ich erst einmal meine 23,5 Joghurtbecher ineinander um mich auf die bevorstehende Bilderjagd vorzubereiten. Erst wenn man das länger nicht gemacht hat fällt einem auf, wie viel Geraffel man sich da eigentlich um den Hals schlingt. Behangen wie ein Weihnachtsbaum schwankte ich mit meinem Kleinwagen um den Hals am Merchstand vorbei in die Halle, wo sich prompt nette Gespräche mit netten Menschen ergaben. Ein Getränk war auch noch drin, als auch schon die Zeit für den LEICHTMATROSEN anbrach in See zu stechen.

Kurz zur Erinnerung: LEICHTMATROSE sind Andreas Stitz am Mikro sowie Thomas Fest „on Keys“. Dazu begleitete die beiden auch heute Abend Gitarrist Kai. Entdeckt, respektive gefördert werden LEICHTMATROSE schon seit geraumer Zeit von Joachim Witt. Insofern war die Wahl des Supports eine durchaus naheliegende, zumal seit 25. April unter dem affengeilen Titel „Jonny fand bei den Sternen sein Glück“ eine brandneue EP erhältlich ist. LEICHTMATROSE-Song mit 31 Buchstaben ohne Leerzeichen und Untertitel – wär doch mal was für ein Kreuzworträtsel…oder Scrabble?! Das rund 30minütige Konzert lieferte jedenfalls einen ersten Vorgeschmack auf den weiteren Verlauf des Abends an dem irgendwie nochmal ein anderer Spirit in der Luft lag. Gelöster, freier, lockerer…ja auch selbstbewusster. Was zwei Tage auf Tour so ausmachen…erstaunlich!

LMT MD 2014 FINALS 015
Foto: Elmar Herrmann

Zunächst einmal begann die Show auf der vergleichsweise riesigen Bühne vollständig im Dustern. Lediglich die bunte Laterne am Bühnenrand trotzte mit diffus-romantischem Schimmer der stockenden Finsternis, hinter der sich schemenhaft die Protagonisten aus der Szenerie pellten. „Der einsamen Astronaut“ eröffnete den Reigen, es folgte „Dalai Lama“. Nachdem ich mich ja nun schon in meinem vorangegangenen Bericht über den bissigen Text von „Sexi ist tot“ ereiferte, vermochte mir heuer auch das Oberhaupt der Tibeter eine zuckende Augenbraue abzuringen. Irgendwas mit „du glaubst, das könnte lässig sein… ich steh nur da und denk ich hau dir deine Fresse ein“ oder so ähnlich erreichte, wie Stitz die Worte interpretierte, fast Farin Urlaub-Niveau. So ein lausbübischer Ton, gespickt mit deftigen Worten – herrlich! „You say hallo, I say goodbye…“, eine Hymne wider dem schleimigen Aufschneidertypen.

 Anschließend starb Sexi erneut im Morgenrot, während Stitz plötzlich den Tanz für sich entdeckte. Mit einem Mal wagte er sich aus der Deckung des Mikrostativs hervor und schubberte in einer Kreuzung aus Moonwalk und Springerstiefelballet über die Planken. Das Deck schrubben – wenn man so will. Das ist dann schon eher die Art Performance, die man live auf einer Bühne sehen möchte. Auch was den Gesang betraf erwischte der LEICHTMATROSE heute einen besseren Tag und steuerte „Ich hab dich bloß geliebt“ ohne zu kentern über die Scheitelwelle, was die Vermutung nahe legte, dass er sich neulich einfach bloß vertan hatte.

Wie anhand des Hannoveraner Beipackzettels schon zu vermuten war, kamen wir unter den wachsamen Augen eines stillen Magdeburger Publikums nun noch nicht zu Jonny mit den 32 Zähnen, sondern stattdessen zu „Reingelegt“. Was kam der Freudenspender anfangs auf weichen Puschen daher und was war das bitte für eine morbide Liebeserklärung an die Widerlichkeit. Ok, ein bisschen erinnerte mich das Ding zwar an Ottos Waalkes‘ Tanz um den Fahrstuhl („Ich bin die Leber, du bist die Wurst…“, ihr kennt das Spiel) aber der Charme und Einfallsreichtum mit dem Gemeinheiten wie „ich wär gern dein Cabrio um dich vor den Baum zu setzen“ oder „dein Chef um dir das Gehalt zu kürzen“ regelrecht auf der Bühne implodierten, hatten mindestens mehr als einen Schalk im Nacken. Supergestört und superversaut griff Stitz dann auch noch zum Megaphon, das ganze entsprechend um den Block zu posaunen. Na holla die Waldfee!

Leichtmatrose.
Foto: Elmar Herrmann

Weiter mit Jonny Goodfellow: „Jonny“ hat oft die Nase voll und auch der Rest von ihm ist selten nüchtern. Ein Song über welche die auszogen das Leben bei den Hörnern zu packen und einem dem die Ausschweifung das Genick brach. Nachdenklicher Hintergrund, starke Nummer! Wenn auch in Magdeburg nicht ganz mit der adäquaten Resonanz aus dem Publikum. Bewegung? Was ist das!? Nunja, sei´s drum… Dafür stößelten Sänger Andreas und Gitarrist Kai des öfteren in einem apparenten Anflug von Bühnenkoller miteinander herum, während Keyboarder Thomas sich das Spektakel lieber aus sicherer Entfernung reinzog.

 Anschließend kam der LEICHTMATROSE bereits zum letzten Stück: „Hier drüben im Graben“. Ob es vielleicht besser gewesen wäre nicht zu erwähnen, dass es sich dabei ursprünglich um ein Duett mit Mentor Witt handelt? Zumindest fand sich der Frontmann in der halbwegs unbefriedigenden Lage wieder dem Publikum schonend beibiegen zu dürfen, weshalb der prominente Gesangspartner sich nicht zum gemeinsamen Stelldichein auf die Bühne gesellte. „Aber der kommt ja später noch!“, unternahm Stitz einen mäßig erfolgreichen Anlauf das Thema unbemerkt im Ozean der Verdrängung zu verklappen. Dennoch bildete die Nummer auch aus der Egoshooterperspektive einen gelungenen Abschluss des Auftritts.

Wärmender Applaus verabschiedete das Trio schließlich von der Bühne und bescheinigte ihm einen sehr ordentlichen Support-Gig absolviert zu haben, zumal die Show wahrlich um einiges aufgeweckter daher kam als vorgestern. Mehr Platz, mehr Zeit, mehr Sicherheit! Wer sich für NDW Charme, Depeche Mode und dezent metrosexuelle Bandnamen begeistern kann, darf gerne mal ein Ohr für die neue LEICHTMATROSE EP riskieren. Eventuell gibt es da noch etwas zu entdecken…!

Leichtmatrose
Foto: Elmar Herrmann

Während des Changeovers, fiel mein Blick kurzzeitig auf das Witt Backdrop. Hatte der Zwirn im Musikzentrum noch den größten Teil der Bühne abgedeckt, wirkte er hier fast schon wie ein Fähnlein im Wind, auf der wie gewohnt das von Drummer Carsten Klick eingefangene Abbild Joachim Witts als Schutzengel über den Köpfen schwebte. Ergo lag es nun am Künstler den Pfad des Gerechten zu beschreiten und den entsprechenden Ausgleich zu liefern. Die zwei Stunden Volldampf konnte man dieses Mal jedenfalls wörtlich nehmen. Die Setliste, soviel sei verraten unterschied sich, mit Ausnahme des Berliner Konzertes, nicht von denen der anderen Shows. Trotzdem kam auch Magdeburg in den Genuss einer erfrischend eigenständigen Darbietung.

Ich habe nicht die leiseste Idee was Joachim Witt in den vergangenen 48 Stunden angestellte hat aber der Mann der nach dem „Neumond“-Intro geschmeidigen Schrittes vor sein Publikum trat, war ein anderer als jener, der sich vorgestern noch öfter mal hinter dem Mikroständer verschanzt und den Blick konzentriert nach Innen gerichtet hatte. Von Anfang an war Witt präsent, wie man ihn kennt und liebt: mal kontrolliert offensiv wie zu Rehagels besten Zeiten, mal wortgewaltig wie Goethes Faust und manchmal auf direktem Weg ins Kuckucksnest. Und Abfahrt….!

Joachim Witt.
Foto: Elmar Herrmann

Wenigstens versuchte Witt dem geneigten Auditorium zunächst schonend beizubringen, dass es ihm mit „Neumond“ schwer ernst sei und er daher bis auf weiteres ein paar Stücke aus dem neuen Album offerieren werde. „Ihr wisst ja wie das mit neuen Sachen so ist…“, von wegen was der Bauer nicht kennt und so. „Erst spiele ich Euch was Neues aber ich verspreche, nachher wird es dann besser…“. Eine kleine Atempause lang träumte Magdeburg schon von Goldenen Reitern, Fluten und Herbergsvätern, bis Witt süffisant hinzufügte, „…mit Neumond!“.

 Nachdem Magdeburg beim allabendlichen „Aufstehen“ sein Tanzbein behende aus dem Bett geschwungen hatte, galt es diesem Umstand Dank zu bekunden, was Witt auch überschwänglichst tat, bevor er mit dem nächsten Song die Erde in Brand setzte. Geht das nur mir so oder fliegt da tatsächlich ein Condor durch Apoptygma Berzerks Ende der Welt? In jedem Fall sorgte Witt nach „Mein Herz“ für reichlich Löschwasser. „Es regnet in mir“, kommentierte er dabei in einem Anfall britischen Understatements mit der Feststellung inzwischen auch über 25 zu sein und das ein oder andere unerfreuliche Erlebnis in dem Stück verarbeitet zu haben. Guten Morgen liebe Sorgen – ganz schön depri! „Ich hoffe ihr seid nicht so depri wie ich“, gab Witt ob der betretenen Gesichter den Fürsorglichen. „Ihr seht ja wie depri ICH bin?!“. Die perfekte Überleitung zum deprimiertesten Beitrag des neuen Albums: „Ohne Dich“. Bekam Witt schon letztes mal nicht genug von der Nummer, lachte er sich voller Vorfreude den Ast und gab dabei mächtig Hackengas. Das ganze war sehr exemplarisch für diesen Abend, an dem Joachim Witt sich auf der großen Bühne offensichtlich sauwohl fühlte und regelrecht euphorisch kreuz und quer ins Kraut schoss. Wie auch immer der das geschafft hat in zwei Tagen die Lebensuhr um 5 Jahre zurück zu drehen, es verfehlte seine Wirkung nicht. Es herrschte eine Gelassenheit in und um ihn, dass es eine helle Freude war dem Schauspiel zuzusehen!

Ich will euch ja nicht mit Geschichten aus meinem Leben langweilen aber da gab es schon so manche Station, an der ich nach dem passenden Eingang gesucht hab. So ein Eingang hinter dem ich meine Träume zumindest ein kleines Stück ausleben kann“, moderierte Witt schließlich weiter und spielte offen auf das wechselhafte Glück seiner rund 40-jährigen Musikerkarriere an. Letzten Endes habe er gelernt dass es nie zu „SPÄT“ sei, den Zeiger nochmal auf Null zu stellen, selbst wenn sein Arzt da gelegentlich den Finger erheben würde. „Wir haben uns übrigens seit 5 Jahren nicht gesehen“, stellte Witt demonstrativ klar, „aber der sagt immer zu mir (in einem spontanen Anflug von Mangerei): Joachim…Joachim, hömma! Du muss auf dieeech aufpassen! Und immer ganz viel trieeenken! So zwei bies drei Lieeeter annen Tach!“. Feuchte Ansage – trocken kombiniert: „Und was trink ich dann Nachts?“. Die Antwort blieb der Patient zwar schuldig, dafür spielte er einen weiteren Muntermacher aus dem Kapsel-Sortiment. Koffein für die Seele – „Dein Lied“! Ich hatte ja schon in meinem vorangegangenen Bericht eine Lanze für den Song gebrochen und auch in Magdeburg kam die Nummer zum Abschluss des „Neumond“-Sets höchst eindrucksvoll aus dem Strumpf. Ansatzloser straighter Beat, knackige Gitarren und ein Schuss elektronisch erzeugter Wehmut gebündelt in einem markanten Sing-a-Long Refrain. Wobei Klick und Witt sich im Eifer mal kurzzeitig ins Gehege kamen. Zwar nur ein Sekundenbruchteil, der aber ausreichte um Klick ein hastiges Snarefill zu entlocken und Witt erschrocken aus der Spur zu bugsieren. Lackaustausch, würde man im Rennsport sagen. Kurz vor dem Boxenstopp menschelte es auf der Bühne – that´s live und episch! Zumal das Ende des Songs live als dramatischer Höhepunkt des ersten Stints zelebriert wurde, als der Wittmeister, begleitet von wuchtigem Sound, fast unbemerkt von den Kameras in die Pitlane abbog, während seine Crew anstelle der harten nun die weichen Reifen aufzog.

Joachim Witt.
Foto: Elmar Herrmann

Gerade noch zu deftigen Riffs abgemosht, standen nun ein Hocker und filigrane Töne im Mittelpunkt. Gitarrist Sascha griff kurzerhand zum Akustikbrett, das Daniel Hassbecker und Drummer Carsten adäquat ergänzten. Klick, schnappte die Radarfalle zu und binnen Sekunden wich der brausende Orkan einem Meer der Ruhe. Geradezu unverschämt effektiv schälte sich dabei das Thema von „Gloria“ aus den diversen Variationen. Stolz kehrte der goldene Schimmelreiter zurück in den Sattel, ließ sich auf der Wellenlänge treiben und trat den Beweis an, dass er nicht nur herrlich poltern, sondern auch Gefühle kann. Geradezu grotesk erscheint es angesichts solcher Töne, dass ihm wegen genau dieses Titels vor nicht allzu ferner Zeit nicht wenige ans Leder wollten. Wie Bilder doch manipulieren können, obschon die Töne etwas anderes sagen…denkt mal drüber nach! Ein verkackter Lynchmob!

Mit „Königreich“ folgte eine weitere Nummer aus „DOM“. Ein Album, das, wie ich finde, einen perfekten Vorläufer zu „Neumond“ darstellt und 2012 im Säbelrasseln der Hobbygeneräle bereits den Weg vorzeichnete, den Joachim Witt heuer sehr passend einschlug. Der Fülle seines Repertoires sei es geschuldet, dass einige der herausragenden Nummern auf „DOM“ leider weiter auf ihren Live Einsatz warten. Bisher war jedenfalls keiner so leichtsinnig mit Joachim den Tango zu wagen oder ein letztes Licht im Ozean zu entzünden. Hat gar alle der Mut des Kriegers verlassen? Bebend soll so eine Welt untergehen! Und ich sage Euch Leute, „Das geht tief!“. Unversehrt im „Bayreuth„-Zyklus angekommen war Magdeburg wieder voll am Start. Witt wetterte wie ein Rohrspatz, tigerte, fuchtelte, grollte, ließ keinen Zweifel aufkommen:. „Achim hat Beef und zwar tief“. Verwundete Tiere sind ja bekanntlich die gefährlichsten und so stimmte Magdeburg dem sicherheitshalber mit ein. Gut gebrüllt Löwe!

JOWI MD 2014 FINALS 034
Foto: Elmar Herrmann

Bataillon D´Amour“ nahm der König der Savanne auch dieses Mal zum Anlass seine tierischen Artgenossen vorzustellen. Nachdem es im Vorfeld der Tour ein paar Verwirrungen um das Line-Up der Band gegeben hatte, konnte sich Joachim Witt auf die musikalische Begleitung zweier langjähriger Begleiter verlassen. Zur seiner Rechten besagten Daniel Hassbecker, viel beschäftigt als „musikalischer Direktor“ hinter diversen Keyboards und Pedalen, im Rücken Carsten Klick an den Trommeln und zur linken Sascha, ein guter Freund von Klick an allem was 6 Saiten und einen Hals zum Packen hat. Außerdem bediente der Herr mit putzigen Kopfhörern (anstelle eines intakten In-Ear Systems) noch ein weiteres Keyboard und sang diverse Backings durch den Stimmverzerrer ein. „Ein feiner Kerl“, wie Witt der Meute glaubwürdig versicherte, ohne nochmal wie vorgestern den Gag mit dem Künstlernamen zu bringen. Mich dagegen hatte das lose Ende aus Hannover irgendwie gefuchst, weshalb ich nach dem Konzert der Sache auf den Grund ging. Es stellte sich heraus, dass der Gute Mann wirklich anders heißt. Weil sich das aber kaum jemand merken könne (mich eingeschlossen) ist er eben der Sascha! Passt wackelt und hat Luft. Achja und ein feiner Kerl isser tatsächlich! Übrigens hätte er, ebenso wie Daniel Hassbecker und der seit sage und schreibe 13 Jahren für Witt trommelnde Carsten Klick schon auf der DOM-Tour spielen sollen, wie der Routinier verriet. Schade dass es nie dazu kam. Aber wie man sieht: aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Was es mit der Ankündigung von Harms und Engler für die Tour auf sich hatte, lässt sich nur spekulieren. Das ist offensichtlich eine andere Geschichte und sollte dort bleiben, wo sie hingehört. Im Kämmerlein hinter den Kulissen. Ich kann nur noch einmal betonen, dass ich die Jungs mag aber die Konstellation, so wie sie hier auf der Bühne stand als sehr stimmig erachte. Die geneigten Konzertbesucher werden mir da sicher beipflichten. Obwohl insbesondere Martin Engler großes Lob gebührt für das Fingerspitzengefühl mit dem er „Neumond“ zu einem erfrischenden Witt Re-Boot machte, kam das Stehaufmännchen bestens alleine zurecht. Abgehen wie Schmidts Katze ist immer noch eine Paradedisziplin des Bühnenveterans Witt. Doch halt, ich schweife ab! Wo waren wir stehengeblieben? Achja, genau, „Bataillon D´Amour„! Hier zeigte sich Gevattah Joachim direkt weiter in Gönnerlaune und lobte nach seiner Band als nächstes Backliner Paul, der ihm bereitwillig einen Hocker herbei holte. Generell mache die Technik einen hervorragenden Job und wenn mal etwas in die Hose ginge läge es grundsätzlich an den Künstlern. Gute Einstellung! Danach spannte auch Witt den Bogen zum Blattschuss und kam auf seine ehemaligen Mitstreiter aus dem Hause SILLY zu sprechen. „Ich hab die Jungs einfach um Erlaubnis gefragt: „Hey Uwe, Richie, Jackie? Was haltet ihr davon wenn ich eure Nummer cover?!“ – „Ja mach doch aber bau bloß keinen Scheiß“, haben sie gesagt“, rekapitulierte Witt szenisch, bevor er das Wort an sein Publikum richtete. „Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten…“, rhetorische Pause, „…aber ich finds geil!“. So denn, andante Herr Kapellmeister!

Joachim Witt.
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Über die „Flut“ braucht man wohl keine großen Worte mehr verlieren. Eher schon über „Supergestört & Superversaut“. Zu „Eisenherz„-Zeiten spaltete der Song die Fangemeinde wie Gott das Meer. Zuviel Klamauk! Motzen die Kritiker. Ein Lied über Hans Dampf das damals seiner Zeit voraus war, heute wiederum vor bitterer Aktualität nur so trieft! Eine kleine Finanz- und Eurokrise später lacht keiner mehr über Mr. Designerschlüpper, der in seine Marmortoilette scheißt. Patrick Bateman hat einen Freund bekommen, nur einen? Ach was, mehrere! Ein ganzer Mob stand da, mit Heugabeln und wollte ihm an den Wams aus Überfluss, Vielweiberei und Arroganz. Das ganze hübsch auf Classic-Rock getrimmt kam super an. Gleiches gilt für „Eisenherz“, zu dem Witt wieder eine kleine Anekdote zum besten gab. „Da erzählt mir doch gestern in Erfurt einer nach dem Konzert er habe vor kurzem geheiratet“, verhaltenes Kichern im Volk! „An sich ist daran ja nichts Schlimmes! Also hab ich gratuliert. Da erzählt der mir doch er habe zu seiner Hochzeit allen Ernstes Eisenherz gespielt“. Ein Raunen ging durch den Saal. „Na das ist dann doch mal eine etwas härtere Nummer!“, brachte Witt seine Räuberpistole zum Abschuss: „Ob der sich den Text vorher mal durchgelesen hat? Da weiß man zumindest was einen erwartet!“.

Wenn es am schönsten ist, soll man ja bekanntlich aufhören. So näherten wir uns bereits wieder dem Ende entgegen mit dem letzten Stück aus der fernen Zeit des Jahres 1981. „Ich schnall mir kurz meine total alternative Gitarre um. Dann zeig ich euch auch mal was ich nicht kann!“, kloppte sich der Jeck selbst als Omlett in die Pfanne. Irgendwie entwickelte sich dann ein merkwürdiger Dialog über G-Moll Akkorde, einen Song den vielleicht noch jemand kennt und schließlich das Thema Alter. „Wie alt bist´n Du?!“ rief ein Lebensmüder (der erste heute!). Witt grantig zurück: „1981!“ – tränendes Gegacker im Rund! „Jetzt mal ehrlich, ich verrate DIR doch nicht mein Alter! Außerdem kannst Du das überall nachlesen in entsprechenden Medien“, gewährte der Meister Hilfe zur Selbsthilfe. Nur war Magdeburg nicht mehr zu helfen – es lechzte nach mehr! Als das Trömmelsche ging flogen alle Hände hoch. Einen Schritt weiter und sie hätten noch die Löcher AUS dem Käse gepult, statt hinein. Verrückt – die ganze Hammelhorde! Wenn auch etwas später und leiser als das Leinevolk. Manch einer traute sich wohl nicht so recht aber es war immer noch eine verdammt geile Party. Zumal auf der Bühne die letzten Schranken über Bord flogen. Beeindruckend für einen 1981-jährigen.

Daher ließ sich der „Herbergsvater“ dieses mal keine 5 Minuten Zeit in Rampenlicht zurück zukehren. Die Band groovte schon wieder gehörig ab als Witt, sein Jacket unauffällig zurecht zupfend, sich wie Schmidtchen Schleicher an der Bühnenkante auf und ab schob. „Hey lasst das sein Kinder“ wiederholte er gebetsmühlenartig mit erhobenem Zeigefinger und brüllte „Ihr seid ja ganz versessen“, als würde Zeus persönlich aus dem Olymp Blitze schleudern. Donnerwitter! Und zwar mit Nachhall! Kaum hatte sich der Souverän in Luft aufgelöst erhoben sich die Instrumente zu einem alles zerschmetternden Furioso. Hassbecker drosch auf die Orgel ein, die Drums bollerten los, die Gitarre fräste sich durch die Trommelfelle und dann AUS! Hörsturz?! Nein…da…ahhh… Applaus…der Jubel…*puh*…alles ist gut!

Joachim Witt.
Foto: Elmar Herrmann

Einmal tief durchgeatmet, hieß es nun Abschied nehmen. Ein Großteil der Konzertbesucher trat auch direkt den Heimweg an. Wer etwas mehr Geduld aufbrachte, bekam dagegen die Gelegenheit nicht nur die Jungs vom Leichtmatrosen noch im Räuberzivil zu erhaschen, auch Gitarrist Sascha und schließlich the man himself fanden sich keine 15 Minuten nach Konzertende im Foyer des Alten Theaters für Autogramme und Smalltalk ein. So soll es sein! Die anderen beiden habe ich nicht bewusst wahrgenommen kann aber durchaus sein, dass sie sich ebenfalls noch unters Volk mischten. Kurz überlegte ich, wie wohl die Chancen standen an meine Ausgabe der „Neumond“ zu gelangen, die draußen im Auto lag und beschloss es einfach darauf ankommen zu lassen. Raus-Rein schwante mir ob der entsprechenden Schlange am Merchandise Übles, sodass ich vorerst die Gelegenheit ergriff Sascha anzusprechen, um mir das Geheimnis um seinen Namen aus erster Hand erklären zu lassen. Es kam wie es kommen musste. Wir verquatschten uns irgendwie in Gefachsimpel, was mich letzten Endes davor bewahrte mich als Unsinn stammelnde Ehrfurcht vor dem Goldenen Reiter aufzuhäufen. Denn unter uns, so Auge in Auge, da ging mir bei aller Maulhelderei doch gehörig der Kackstift. Aber was nicht war sollte noch werden – eine Woche später in Leipzig.

In Magdeburg war die Messe gelesen und wenn ich es rückblickend betrachtet, erlebte das Bördeland an diesem Freitag einen großartig aufgelegten Joachim Witt, der von Beginn an fest im Sattel saß und zusammen mit seiner Band heute das eindeutig rundere Konzert abgeliefert hatte. Die Tour tut ihm sichtlich gut! Alles griff heuer geschmeidiger ineinander, die Denkerpose war Laufschritt und bedeutsamem Minenspiel gewichen, die Pointen saßen und auch der Leichtmatrose im Vorprogramm machte deutlich bessere Fahrt als vorgestern. Wenn das so weiter geht, bin ich sehr gespannt wohin das noch führen wird! Rekordversuch, Weltumsegelung oder einfach nur das nächste GeWITTer? Man wird sehen… Mars macht mobil, „Neumond“ aber auch!
In diesem Sinne, guten Appetit!