KONZERTBERICHT: Persephone & Lisa Morgenstern, 26.10.2013 Schloss Wernigerode

„PERSEPHONE?! DAS IST DOCH DIE ALTE AUS MATRIX!“
Mal ehrlich, Pop Kultur ist doch echt etwas Feines! Als Königin der fehlerhaften Kausalverknüpfung schafft sie es immer wieder spielend, die leichtgläubige Jugend mit knappen Kostümen und etwas Kung Fu davon zu überzeugen, es handele sich bei ihr um die untreue Gemahlin eines öligen Hackerlappens mit aufgesetzt-französischem Akzent, anstelle einer sagenumwobenen, zwischen Hades und Olymp umher gerissenen griechischen Götterfigur. Dabei wurde der Begriff „Quad-Kore“ längst nicht selten genug bemüht… ;)

Ganz gleich aus welcher Perspektive man es betrachtet: mit Persephone erlebt man stets großes Kino. Da bildet das gleichnamige, von Sonja Kraushofer und Martin Höfert federführend bestrittene Musikprojekt keine Ausnahme. Zweifellos schufen sich die studierte Musicalspezialistin und der als Cellist auftretende, klassisch versierte Komponist eine eigene kleine Welt, in der sie dank der tatkräftige Unterstützung ihrer langjährigen musikalischen Weggefährten Tim Warweg, Holger Wilhelmi und Franz Heinrich Lirsch die Grenzen zwischen klassischem Kammerensemble, romantischer Gothic-Attitüde und Musiktheater aufbrechen.

Blickt man allerdings ein wenig über den Tellerrand, gelangt man schnell zu der Erkenntnis, dass der Name „Persephone“ im Gegenwartskontext sehr treffend gewählt ist. Sind die Protagonisten inzwischen doch auf gewisse Weise selbst zu „Persephinen“ geworden, die in ihrer Musik dem Mythos einen höchst realen Anstrich. Klingt abgedreht, ist aber schnell erklärt. Also, liebe Matrixfreunde. Hier kommt extra für Euch eine schwarmintelligente Ration Kung-Fu – powered by Wikipedia der Bildzeitung zum selber schreiben:

Nachdem Persephone, ihres Zeichens Tochter des Zeus, der Erzählung nach mal kurz beim Blumenpflücken von Hades in die Unterwelt gezerrt wurde weil er es a) konnte und b) gerade Bock darauf hatte, zettelte ihre Mutter (Demeter) aus Protest über so eine Unverschämtheit kurzerhand eine Hungersnot an. Nach einer Weile muss Zeus das Gejammer der Griechen derart auf die Zwiebel gegangen sein, dass er sich kurzerhand die göttlichen Flip-Flops überstreifte und Hades vor den Kadi zerrte. Man einigt sich schließlich darauf, dass Persephone fortan stets ein halbes Jahr bei Mutti weilen darf und die andere Hälfte beim bö(h)sen Onkel abhängen muss – worauf sie natürlich mal so gar nicht kann! Widerwillig fügt sich Persephone in ihr Schicksal und existiert seither in zwei Welten. Davon ab ist Mutti immer noch stinksauer und erfindet Sommer und Winter, weshalb Persephone auch als Göttin der Vegetation angesehen wird. Und nun stellt Euch vor die Bild wäre im Stile Homers abgefasst!

Natürlich werdet ihr Euch jetzt fragen: was der Blödsinn bloß mit Musikern zu tun hat? Die Antwort liegt auf der Hand. Während Persephone den himmlischen Sphären der Kammermusik einen morbid-abgründige Anstrich verpassen, erleuchten sie in ähnlicher Zusammensetzung mit Coma Divine die düstere Unterwelt des Gothic-Rock. Als Wandler zwischen den Welten erschaffen sie gleichermaßen von Schatten erfülltes Licht wie lichtgeflutete Dunkelheit. Fehlt nur noch der Schichtbetrieb aus Sommer und Winter. Klar soweit?! Zeus sei dank, können wir nach diesem merkwürdigen Exkurs gefahrlos zur Realität übergehen:

Man muss sich bei dem Gedanken schon ein bisschen kneifen, dass Persephone bereits seit gut zwölf Jahren existieren – in den Köpfen gar noch etwas länger. „Wo ist nur die Zeit geblieben“, mag man sich fragen. Nun, begleitet von entsprechender Starthilfe der Janus Musiker Tobias Hahn und Dirk Riegert, erschien Anfang 2002 das Debütalbum „Home“, welches anschließend im Rahmen der gemeinsamen „Winterreise“ auf verschiedenen Burgen und Schlössern live vorgestellt wurde. Die Vorliebe für romantische Spieltorte blieb und führte das Ensemble 2004 erstmals nach Wernigerode.

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Es muss wohl Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, denn fortan fand das wunderbare Schloss im Harz nicht nur einen festen Platz im jährlichen Konzertkalender der Band auch entstand eine enge Freundschaft mit dem Schlossherren sowie dem philharmonischen Kammerorchester Wernigerode, welches 2006 nach einem gemeinsamen Abschlusskonzert der örtlichen Schlossfestspiele direkt die Orchesterarrangements für „Letters To A Stranger“ einspielte. So ist die 34000 Einwohner Stadt im Harz für die Deutsch-Österreichische Freundschaft zu einer Art dritten Heimat geworden. Vor allem die Schlosskapelle „St. Pantaleon & Anna“ wurde ein ums andere Mal zum Schauplatz großer Sternstunden der Formation. Da bildete auch der bislang letzte Besuch Persephones im Herbst 2011 keine Ausnahme, hatte Quintenschubser und Cellist Martin Höfert doch eigens für diesen Abend in nächtlicher Kleinarbeit spezielle Orchesterpartituren für die Freunde der Kammerphilharmoniker ausgetüftelt.
Nach knapp 2 Jahren, in denen mit „Coma Divine“ Persephones Hard & Heavy Nemesis das schummerige Licht der Unterwelt erblickte und gleich beim ersten großen Auftritt fast per Wasserfall ersäuft und per Elektrischem Schlag wiederbelebt wurde, befinden wir uns nun quasi in der Gegenwart. Alle Musiker sind wohlauf und aus Sonja´s energiegeladenem „Frank´N´Wienie“ kam wieder die dramatische Persephone zum Vorschein.

Knapp 6 Jahre nach „Letters to a Stranger“ ist es höchste Zeit, den Faden aufzunehmen und mit dem neuen Album „Perle“ die eingeschworene Fangemeinde mit neuem Material zu versorgen. Ursprünglich bereits für Herbst 2013 geplant, lehnt sich das neue Material dieses Mal thematisch an Alfred Kubins Fantasyroman „Die andere Seite“ an und wird nun 2014 in vollem Glanz erstrahlen. Von dieser Verzögerung unbeeindruckt, ließen Persephone es sich dennoch nicht nehmen am 26. Oktober trotzdem einen Teil der neuen Kompositionen einer Feuertaufe zu unterziehen. Und welcher Ort hätte für diese Welturaufführung geeigneter sein können, als Schloss Wernigerode.

Schon als ich an besagtem Nachmittag den Weg in Richtung Harz antrat, erfüllte mich eine gewisse Spannung. Die letzten zwei Konzerte in Wernigerode fielen beide in die Kategorie „unheimlich beeindruckend“. Wie könnte man da ohne entsprechende Erwartungshaltung an so ein Konzert herangehen. Oder besser: wie kann man das noch toppen? Muss man überhaupt etwas toppen oder ist es nicht ebenso clever etwas derart zauberhaftes auf gleichbleibendem Niveau neu zu verpacken? Finden wir es heraus…

Da Parkplätze direkt am Schloss chronisch Mangelware sind und eine halbstündige Elefantenrally den Berg hinauf für mich nicht in Frage kam, zog ich es vor mir an Ort und Stelle eine private Kutsche bis direkt vors Schlosstor herbei zu pfeifen. Wer hat der kann! Einmal per „Schwerlastexpress“ an der historischen Kulisse entlang, traf ich gegen kurz vor 18 Uhr an der Aussichtsterrasse ein, wo sich noch einige versprengte Ausflügler an dem herrlichen Landschaftspanorama, den historischen Kanonen und der imposanten Schlosskulisse erfreuten, während sie sich gegenseitig in ihre SmartPhones lächelten.
Grob umrissen, findet die ehemalige, heute vor allem als Museum fungierende Herrschaftsresidenz allem Anschein nach ihren Ursprung im ausgehenden 11. Jahrhundert. Zumindest geht die erste Geschichtliche Referenz an die damalige „Rodungssiedlung“ des Grafen zu Wernigerode auf das frühe 12. Jhd. zurück. Im Jahre 1209 wird anschließend erstmals eine Burg in den Aufzeichnungen erwähnt. Im Wandel der Zeit erfuhr die Festung zahlreiche Veränderungen. Nach dem Ende der Wernigeröder Herrschaftslinie übernahm die Grafschaft zu Stollberg die Residenz. Vom Ausbau im spätgotischen Stil (15. Jhd.) über deren Nutzung als Renaissance Bollwerk im 30jährigen Krieg und ihre vollkommene Verwüstung, bis hin zum Wiederaufbau als Residenzschloss im Barockstil gegen Ende des 17. Jhd. zählt das Bauwerk heute zu den bedeutendsten Historienbauten Norddeutschlands. Und auch als Objekt für dunkelromantische Halloween-Träumereien macht es aktuell eine rundum überzeugende Figur.

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Eine knappe Stunde lang genoss ich daher die frische Abendluft auf der Terrasse, bis um 19 Uhr der Einlass zum Konzert begann. Erstaunlicherweise blieb ich nach Schließung des Museums auf dem Plateau recht lange für mich. Ab zwanzig vor Sieben tröpfelten dann ganz allmählich die ersten vereinzelten Konzertgäste hinzu. Erst fünf Minuten vor Sieben, als hätten sie sich abgesprochen, ergoss sich eine mehr oder weniger atemlos die Steige herauf kommende Besuchermasse schwallartig vor der Schlosstür. Nundenn: „Walle, walle manche Strecke…“

Doch auch wer sich (wie meine Wenigkeit) bis hierhin erfolgreich um das Kreislauftraining herum gemogelt hatte, bekam jetzt sein Fett weg. Einmal Wendeltreppe to go bitte – laufen sie nicht über Los ohne vorher tief einzuatmen. Hach, was einem so ein erfrischender Treppenstieg doch die Abendröte ins Gesicht treibt…einfach herrlich!

Oben angelangt funkelte der Innenhof in geradezu weihnachtlichen Festbeleuchtung. Ohhhh nein! Ich werde jetzt nicht den Kaiser zitieren. Schließlich bliesen die hungrige Meute bereits zum Sturm auf die Bastille, wo die Bescherung lockte. Nachdem Schlossherr Dr. Juranek, übrigens fachgerecht mit funkelndem Totenkopf auf dem Rücken, sprichwörtlich die Gäste per Handschlag begrüßte, bildete sich hinter ihm in der Kapelle bereits ein kleiner Rückstau. Nachdem man zur Feier des Tages heute eine Vorgruppe eingeladen hatte, bedurfte es ausnahmsweise eines kurzen Soundchecks. Also einmal Kommando-Kirchenschiff: alle Mann von Bord und alles auf Anfang. Mit der Rückfahrkamera in den engen Kapell-Eingang geparkt. God bless the park distance control – demnächst auch mit Autopilot!

20 Minuten geselligen Feixens später öffnete sich die Pforte dann ganz offiziell. Weniger eine Reise nach Jerusalem als „einmal Goslar und zurück“, waren die Platzverhältnisse schnell geklärt und die Schlosskapelle binnen Minuten nahezu auf den letzten Stuhl gefüllt. Umso mehr freute ich mich über ein persönliches Platzschildchen vorn in der ersten Reihe: „Hier sitzt Herr Ritti“ stand darauf geschrieben, nebst (Benjamin) Blümchen. Was für ein Service – vielen Dank, Frau Blocksberg! ;)

Wo wir gerade bei Fantasiegestalten aus dem Kinderzimmer sind: bei besagter „Vorband“ handelte es sich um das Soloprojekt der Musikerin Lisa Morgenstern (u.a. auch durch ihre Zusammenarbeit mit Oswald Henke bekannt) und ihren Begleiter Benni Cellini von der Letzten Instanz! Eine durchaus interessante Kombination, die nach Dr. Juranek traditioneller Begrüßungsansprache lautlos vor das erwartungsvolle Publikum huschte. „Hui Buh!“ schoss es mir in den Kopf, als „das kleine Gespenst“ Lisa mit original Nachthemdchen hinter sein Instrument – ein E-Piano nebst Mikrofon – schwebte. Cellini, zum Erstaunen gerade heute mal NICHT Barfuß, sondern diskret auf Socken, pirschte sich auf die gegenüberliegende Seite der Kapelle, wo für ihn ein kleiner Verstärker, diverse Effektgeräte nebst Footboards und verschiedene Streichinstrumente drapiert waren.

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Knappe 30 Minuten lang stellte Lisa Morgenstern nun Auszüge aus ihrem am 22.11. erscheinenden Debütalbum „Amphibian“ vor, welches sie mit Hilfe einer Crowdfunding Kampagne realisieren konnte. Bisher vornehmlich in Kulturcafés und kleinen Clubs unterwegs, zeigte sich die Musikerin sichtlich beflügelt von der außergewöhnlichen Kulisse. „Oh ich bin wohl zu laut“ bemerkte sie. Ob es eventuell an der „besonderen Luft“ in diesem Raum lag? Jedenfalls bestätigte sie, sich noch ein wenig daran gewöhnen zu müssen mittlerweile „zu zweit“ zu sein. Eine anschließende Denkpause sorgte für leichtes Schmunzeln im Hörsaal der Hobbypsychologen… dabei sprach Lisa selbstverständlich von ihrem neuen Mitstreiter Benni, welcher der Live-Besetzung vor kurzem beitrat. Dabei besaß die Ansage, das Musikalische einbezogen, schon eine gewisse Doppeldeutigkeit. In einem Moment melancholisch und verträumt, im nächsten schon verdreht und getrieben vom Schmerz schreckte die Morgenstern nicht vor dramatischen Ausbrüchen zurück – bis hin zum völligen Nervenzusammenbruch. Ein Hauch von „Soap & Skin“ mit der dazu gehörenden Vollmeise! Die Aufmerksamkeit des Publikums war Lisa somit gewiss. Im Gegensatz zu Persephone durfte hier zwischendurch auch Applaus gespendet werden.

Benni Cellini, mit der Letzten Instanz vermutlich einer der wildesten Streichinstrumentalisten der Neuzeit, konnte man heute in einem völlig anderen Kontext erleben. Allerdings schien mir der verrückte Hund trotz audiophiler Räumlichkeit und der dadurch erforderlichen Präzision latent unterfordert. Sowohl musikalisch als auch moralisch agierte er heuer bestenfalls in begleitender Funktion. Hin und wieder saß er sogar nur still da. Wobei Stillsitzen in seinem Fall wohl durchaus auch als Herausforderung durchgeht. ;)

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Alles in allem erweckte der „kleine Spuk“ zur Abendstunde einen sehr gefälligen Eindruck. Ottfried Preußler hätte seine Freude gehabt. Als weitgehend unbekannte Vorband hat man es eh immer schwer, das Publikum für sich einzunehmen. Zweifellos erfordert diese sehr reduzierte, bisweilen auch theatralische Art von Musikalität mit Piano, Gesang und ein paar Streicherakzenten einen entsprechend intimen Rahmen, in dem man sich als Zuhörer voll auf die Darbietung einlassen kann. Von daher waren Lisa und Benni hier goldrichtig platziert.

Es heißt ja der erste Eindruck ist oft der Entscheidende. Was den betrifft hinterließ Lisa Morgenstern einen charmanten Mix aus Zerbrechlichkeit und ungezügelten Emotionen. Ein solides Kammerspiel, dem der entsprechende Nachdruck mit der Zeit sicher noch folgen wird. Allerdings würde ich mir, sollte es irgendwann zu einem Wiedersehen in Wernigerode kommen, wünschen, dass auch Lisa und Benni die technischen Hilfsmittel bei Seite und die phantastische Raumakustik für sich wirken lassen. Gefiltert durch die Box des kleinen Verstärkers im Hintergrund ging der ursprüngliche Charakter ein wenig verloren, der Konzerte in der „Sankt Panta“ auszeichnet.

Die anschließenden 20 Minuten Pause boten allen Beteiligten Gelegenheit im Schlosscafé eine kleine Erfrischung einzunehmen. Außerdem war es für uns Fotografen der perfekte Moment um unter Kollegen eine kurze Lagebesprechung durchzuführen. Dabei galt die Aufmerksamkeit weniger dem bevorstehenden Konzert als vielmehr dem verletzungsbedingten Persephone-Zwangsreservisten Benedikt Kuhn bei der Bedienung seiner Kamera unter die Arme zu greifen. Aufgrund einer Sehnenscheidenentzündung konnte der Pianist heute nicht selber in die Tasten greifen, ließ es sich allerdings nicht nehmen, seine Ensemblekollegen trotzdem als (kraus)höfischer Lichtmaler und Schlachtenbummler zu begleiten. Nur hatte er sich, aus unserer Expertensicht, damit wohl einiges vorgenommen. Seine Kamera, passenderweise ein feuerrotes Modell, sorgte nämlich mit jeder Auslösung für die entsprechenden „Special Effects“. Neben dem typischen Auslöse-Klacken, für das selbst wir „Profis“ uns schon jedes mal am liebsten unter einer zentimeterdicken Wolldecke verkriechen würden, entwickelte „der Gerät“ eine natürliche Vorliebe für Blitzfontänen und Pieptöne, welche dem armen Benedikt neben entsprechenden Blicken seiner Platznachbarn auch einen äußerst rosigen Teint bescherte. Getreu dem Motto: jeden Tag eine gute Tat schnappte sich „Nostalgianostra“-Pater Jan sogleich das Corpus Delicti und exorzierte es mit ein paar geschulten Handgriffen von seinen überflüssigen Dämonen. Schließlich warten wir hier nicht auf „Sunny and the Persephonics“. Wenn die Chefin singt, herrscht Ruhe im Karton! Obwohl sich bei Bedarf mit Franz Heinrich Lirsch am Kontrabass sogar ein nachgewiesener Rockabilly am Start befunden hätte. ;)

Auf leisen Sohlen erschienen schließlich die Musiker des Ensembles. Martin Höfert und Holger Wilhelmi griffen als zwei der dienstältesten Mitglieder zum Cello, Percussionist Tim verschanzte sich inmitten zahlreicher exotischer Utensilien, Herr Lirsch übernahm, mal gestrichen, mal gezupft den mannshohen Bass und am Electroklavizimbel nahm an Stelle von Benedikt ein leider nicht namentlich erwähnter Austauschpianist Platz.

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In bester „Hägar der Schreckliche“-Manier waren Persephone noch nie sonderlich bekannt dafür, den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen. Im Gegenteil – je anspruchsvoller desto reizvoller die Herausforderung – viel Feind, viel Ehr! Anstatt sich also mit ein paar erprobten Songs in einen Rhythmus zu spielen, packten sie den Stier auch dieses mal wieder frontal bei den Hörnern und eröffneten den als Releasekonzert deklarierten Abend mit einer für ihre Verhältnisse auffallend eingängigen Weltpremiere.

Beflügelt durch den gelungenen Einstand griff Killer Queen Sonja Kraushofer direkt den Faden auf. Für alle die noch kein Persephone Konzert erlebten haben: begreift es als akustischen Kontaktsport! „Friss mich, Schwarze Witwe!“ heißt es in einem Song der Band Eisbrecher. Nun, Sonja fackelte diesbezüglich nicht lange und vernaschte das Publikum Stande pe mit ihrer Stimmgewalt, während sie zum Teil einen gar halben Meter (oder näher) vor den Zuhörern auftauchte und beherzt vom Leder zog. „Bam! In your face!“

In puncto Performance spielt die Sängerin ihren Musical- und Theaterbackground mittlerweile voll aus. Mal leidend, mal kämpferisch, mal putzig verbimmelt, dann wieder giftig und auf großem Fuß zog sie alle Register und kämpfte, ganz in schwarz, buchstäblich bis zum Umfallen – was sie auch des Öfteren tat! Allerdings nur um sich sogleich wieder aufzuraffen und sich die nächste Eruption zurecht zu legen, von denen es wie gewohnt einige gab. Als Gratisbeigabe begleiteten immer wieder kleine Actiongeräusche das resolute Treiben, welche in der höchstgradigst hellhörigen Schlosskapelle natürlich schwer zu ignorieren waren. Getreu dem Motto: „es ist kein Persephone Konzert, was nicht ein bisschen *klopp*klatsch*patsch*fump*rumms* und *bumm* macht“, könnte man aus dem Fundus der „Soundeffekte“ munter eine Batman Episode aus den 60ern synchronisieren.

Derlei Aktionsradius konnte sie sich natürlich nur erlauben, da sie sich nicht um ein Mikrofon und dessen Position zu kümmern brauchte. Voll in Fahrt, hätte es Sonja im Eifer des Gefechts anfangs sogar fast darnieder gestreckt, als die bekennende Barfuß-Persephonistin mit einem beherzten Hecht nach vorn auf den Saum Ihres Kleids geriet und einen Powerslide über dem Steinboden gerade noch abwenden konnte. Um an dieser Stelle mal Otto Waalkes zu zitieren: „Wer schonmal den Bast zersägt, weiß dass das keine Hast verträgt. So hat sich´s im Morast geregt, das hat dann wohl den Ast bewegt. Und wie der Mast aufs Pflaster schlägt, da hat er wohl den Gast erlegt“. Nur so ein Gedanke… ;)

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Mit Fortschreiten der Stunde trieb das Ensemble sein Klangelixir aus klassischer Kammermusik und dunkel-romantischer Dramatik auf die Spitze. Die Instrumentalisten agierten dabei gewohnt diskret im Hintergrund als Gegenpol zur umtriebigen Frau Kraushofer. Besonders erwähnenswert ist hier erneut Tim Warweg, der als Percussionist und Schlagzeuger hier gekonnt wider die Natur seiner Artgenossen agierte. Frei nach Martin Rütter: „Der haut nicht, der will nur spielen“, bestand seine Herausforderung darin, gelegentlich leise am Windspiel klingelnd, mal mit einer großen Schale voller Wellenrauschen in den Händen, vor allem Cajon, Djembe und Becken möglichst filigrane Töne zu entlocken. Was bei einer Akustik wie hier in Wernigerode durchaus zur Wissenschaft für sich eskalieren kann.

Inhaltlich bot der Abend einen bunt gemischten Teller. Alle bisherigen Alben fanden mit ihren jeweiligen Highlights Berücksichtigung und das neue Material fügte sich auf Anhieb nahtlos ins Programm ein. Auf ihre Art klangen die neuen Stücke sogar seltsam vertraut. Wobei jeder Song eine andere Facette des Ensembles in den Vordergrund rückte und konsequent auf die Spitze trieb. Eine gewisse Vorfreude auf die „Perle“ ist somit mehr als berechtigt. Soviel sei verraten!

Natürlich setzte es auch wieder beliebte Klassiker, wie „Guardian Angel“, „Merciless“ oder das völlig durchgeknallte „Black Widow“. Ein ums andere Mal flanierte la K. durch die Reihen, verschwand auch mal kurz komplett vom Radar, nur um den Laden einen Augenblick später wieder Kubikmeterweise mit gesanglichem Sperrfeuer zu flambieren. Stimmlich stand das Rotkehlchen gewohnt gut im Strumpf und zelebrierte auch das großspurige „Mean“ genüssliches in allen Farben. Zumal die Nummer ein schönes Beispiel dafür lieferte, wie Sonja schon das gesamte Konzert über den Stücken mit kleinen Twists und Variationen einen individuellen Dreh verlieh. Zum Vergleich bietet sich die exponierte Zeile „You make me sick!“ an. Vor zweieinhalb Jahren noch voller giftiger Verachtung in die Menge geschleudert, zog sie in diesem Moment die entgegengesetzte Karte: „You make me sick!?!?“ flüsterte sie regelrecht verunsichert, also wolle sie sagen: „Ups, darf ich das?!“. Derartige Gimmicks gab es zuhauf und sie füllten den Abend zusätzlich mit Spannung, in freudiger Erwartung, was wohl als nächstes passieren würde.

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Irgendwann im Laufe der letzten halben Stunde zog das Ensemble noch eine weitere Trumpfkarte aus dem Ärmel. Ob bewusst oder unbewusst entwickelte sich zwischen Publikum und Musikern ein regelrechtes Katz und Maus Spiel darum, wer sich in den dramatischen Pausen zuerst bewegt. Man nehme dazu eine bewegungslos auf dem Boden gestreckte Sängerin, Fünf Musiker die nicht den Hauch einer Regung zeigen und 100 ergriffene Publikümmer. Vollkommene Stille im Raum, nur das leise Aufziehen der Bogenspannung liegt in der Luft. Es beginnt zu knistern. Du denkst: „Warum bewegt sich hier niemand? Hallo?! Tut doch irgend etwas! Was mach ich nur… ich muss doch irgendwas tun… nur was? Soll ich etwas tun! Vorangehen? Klatschen? Die Stille zerreissen? Nein!? Das gehört sich nicht! Nicht so! Nein! Kein Applaus… nein nein…. kein Applau..kei…n..App….la…u“ und *klapp klapp klapp klapp* war wieder einer in die Falle gegangen.

Irgendjemand knickte immer ein und löste tosenden Beifall aus, brauchte sich allerdings nicht dafür zu schämen. Er hatte eh nie wirklich eine Wahl! ;) Dafür quittierte Sonja die nächtliche Ruhestörung jedes Mal mit einem schmetternden subito forte, als wäre der Dämon aus Benedikts Kamera in sie gefahren.

Aber auch auf Seiten der Musiker brach kurz vor der Ziellinie noch einer aus der Phallanx. Ausgerechnet beim Letzten der neuen Songs, fuhr der Pannenteufel ins Piano, wollte der Part des Ersatzmannes nicht so recht zum Rest der Komposition passen. Während Franz leicht stirnrunzelnd herüber schaute, brach Martin in einem Anflug von Aktionismus direkt ab und bemühte sich den ausgebüxten Mitstreiter so diskret wie möglich wieder einzusammeln. „Child….Child…“ flüsterte er im „HushHush“-Stil Richtung Predigtkanzel . Die Mühe hätte er sich indes sparen können, da das Gekicher im Auditorium bereits eingesetzt hatte. UND ES WURDE LAUTER!

Eigentlich ist es ja schon eine leicht arschige Nummer, sich über den kleinen Blackout direkt lustig zu machen. Schließlich hatte der Substitut bis hierhin einen tadellosen Job abgeliefert. So galt es nun auf der Zielgeraden noch einmal volle Konzentration aufzunehmen. Jetzt erst recht, dürfte der Titel trotz der kleinen Panne, auf dem kommenden Album sicher eine exponierte Stellung einnehmen. Verdammte Axt,was war das live für ein Knaller!

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Obwohl verletzungsbedingt auf die Tribüne verbannt, ließ sich auch Stamm-Pianist Benedikt die Laune nicht verhageln, sondern ging gänzlich in seiner seiner Rolle als Knipser und Vortrommler auf. „Zugabe, Zugabe“ rief er demonstrativ in den brandenden Beifall hinein, um seine Kollegen damit ein wenig zu foppen, die gerade artig in einer Reihe Aufstellung bezogen hatten. Sonja erspähte prompt den gefallenen Krieger, spurtete vor, schleifte ihn demonstrativ am Schlafittchen vor die Menge: „SO! Und du feierst jetzt gefälligst mit – Basta!!“ flachst sie ihm mit entsprechenden Blicken zu. Mitgefangen, mit gehangen. Das Publikum tobte! Die Freunde lachten.

Folgerichtig ließ Wernigerode seine Lieblings-Kammergrüftchen noch nicht vom Haken. Erst wollte noch das obligatorische Ende der Welt besungen werden. Vor lauter Schreck ging der Ersatz-Pianist hinter seinem Instrument in Deckung, während die anderen 5 in der Mitte irritiert ihren Verlust bemerkten. Vielleicht hatte er die Zugabenrufe ein wenig zu wörtlich genommen. Einmal falsch abgebogen, geleitete Sonja den Streuner schließlich mit einem charmanten Schmunzeln auf den Lippen vor die Menge. That´s „live“ but not „The End Of The World“.

Mit stehenden Ovationen endete der offizielle Teil dieses zauberhaften Abends. Woraufhin das Publikum nun mehrheitlich den Heimweg antrat bzw. in Richtung Kreuzmühle entschwand, wo es neben einem Wiedersehen mit Lisa Morgenstern hinter dem Plattenteller auch einen großen „Samhain Maskenball zwischen Horror und Rokoko“ mit entsprechender Verköstigung zu erleben gab.

Für mich als absolutem Party-Rohrkrepierer kam ein solcher Abstecher nicht in Betracht. Eher schon ein freundlicher After-Show Plausch.Wenn einem in solchen Momenten bloß mal etwas gescheites einfallen würde. Aber nö: Speicher voll, Rübe leer. Und plötzlich redet man irgendwelchen Dünnpfiff her. Danke nur an Herbert für die Worte die mir fehlen: „Was (zur Hölle) soll das?!“

Summa summarum war Wernigerode die Reise mal wieder uneingeschränkt Wert. Einerseits darf man nun sehr gespannt sein auf die neue „Persephonie“. Zum anderen Gelang es dem Ensemble wieder mal einen nahtlosen Spannungsbogen zu erzeugen. Aktivposten Sonja sorgte mit ihrem nochmals verfeinerten Spiel, vielen kleinen Details und Variationen für Abwechslung, während sie sich die spezielle Klangdynamik der Schlosskapelle zu eigen machte und den Raum mit ihrer Stimme flutete. Letztlich muss man die Atmosphäre aber selbst erleben. Kein Kameraobjektiv und kein Mikrofon der Welt wird auf absehbare Zeit in der Lage sein diese besondere Stimmung einfangen, geschweige denn ihre Magie transportieren zu können. Lisa Morgenstern zur Einstimmung war passend gewählt und so bleibt abschließend festzustellen, dass mit Persephone 2014 definitiv zu rechnen sein wird, sei es mit einer „Perle“ im Plattenschrank oder live auf der Bühne.

Wer die Gelegenheit hat das Ensemble live zu erleben sollte sich das nicht entgehen lassen. Abseits von Metalriffs und Dampfwalzenelectro erreichen seine Auftritte eine Intensität, für die 160 Beats per Minute verdammt lang Hämmern müssen. Oder für die Matrixfreunde unter Euch: „Neo-Klassik“ kann auch Kung Fu!

In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal!
Haut rein, es war mir eine Ehre!

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