Foto: Simone Wolters

LEICHTMATROSE – Jonny fand bei den Sternen sein Glück

Da das Review zu „Gestrandet“, dem Debütalbum des LEICHTMATROSEn, aktuell nicht verfügbar ist (und zudem seinerzeit eh noch unter einer anderen Flagge erschien), muss ich an dieser Stelle kurz eine Rückblende einbauen. Es war auf dem M’era Luna im Jahre 2009, als ich am frühen Vormittag über das öde Flughafengelände hetzte, um zu einer Band, deren Namen ich heute nicht mehr weiß, pünktlich im Hangar zu sein. Mein Weg führte mich an der Hauptbühne vorbei, wo gerade eine Band namens Leichtmatrose ihren Song „Studentenfutter“ zum Besten gab. Ich hatte in dem Moment keine Zeit, mich weiter damit zu beschäftigten. Termine, Termine, Termine! Ihr wisst schon. Dennoch: irgendwie ist es dem Leichtmatrosen Andreas Stitz gelungen, sich in meinem Hinterkopp zu verankern. Und zwar so tief, dass ich mich im Anschluss an das Festival näher mit dem Leichtmatrosen und seinem sensationellen Erstlingswerk beschäftigte. Ende vom Lied: ich war hochgradig angetan davon und kürte „Gestrandet“ zu einem meiner Lieblingsalben des Jahres 2009. Anstatt aber nun mit voller Fahrt weiterzumachen, wurde es leider sehr, sehr lange ruhig um den Leichtmatrosen. Am 25. April hatte diese elendige Warterei jedoch ein Ende. Mit „Jonny fand bei den Sternen sein Glück“ veröffentlichte Andreas Stitz sein erstes musikalisches Lebenszeichen seit gut fünf Jahren. Ganz klar – die Gespannung ist enorm. Leinen los? Leinen los!

Synthie- bzw. Electro-Pop, bei dem die Texte in deutscher Sprache vorgetragen werden, gibt es wie Sand am Meer. Will man wie ein Leuchtturm aus dem meergrauen Einerlei hervorstechen, muss man sich schon ein bisschen was einfallen lassen. Warum daher also nicht mal eine Prise Chanson beimengen? Von der Maßgabe dieses Genres, in einem überschaubaren Zeitfenster von etwa drei Minuten mit der inhaltlichen Aussage eines Songs zum Punkt zu kommen abgesehen, kennzeichnet den Chanson, so wie wir ihn oft wahrnehmen, der Wechsel aus (melodischem) Sprechsingsang, manchmal auch nur gesprochenen Passagen und richtigem Gesang. Nun, Andreas Stitz hat es getan, den Chanson in seine Songs eingebaut und sich so eine ganz eigene Nische geschaffen. Kein Wunder, dass Herbergsvater und goldener Reiter Joachim Witt seinerzeit auf die MySpace-Demos des Musikers aufmerksam wurde und dem Münsteraner zu einem Plattendeal verhalf.

An seiner funktionierenden Rezeptur hat Stitz zum Glück nichts geändert. Auch fünf Jahre nach dem Debütalbum liefert er eingängige, melodische Pop-Songs, die nach wie vor um zynische, ironische, melancholische und/oder kritische Texte herum gestrickt worden sind. Der Titelsong, „Jonny fand den Sternen sein Glück“, ist ein Paradebeispiel, direkt herausgefischt aus dem Klangmeer des Leichtmatrosen. Einmal mehr werden wir Zeuge davon, wie ein Mensch auf der Suche nach einem anderen Weg, einem besseren Leben oder einem neuen Sinn auf eben diesem Weg strauchelt und vom Leben überfahren wird. Es passt damit ganz hervorragend in die Reihe von Songs, die mit „Sexi ist tot“ oder „Junge von nebenan“ begonnen wurde. Der ebenfalls enthaltene „Ludie Mix“ des Titelsongs fällt weniger tanzbar, dafür ungleich melancholischer aus – und passt so fast besser zum Inhalt. Ein bisschen garstig und sehr schwarzhumorig wird es in „Reingelegt“. Dort heißt es unter anderem: Ich wäre gern dein Cabrio um dich gegen den Baum zu setzen / Ich wäre gern dein Frühstücksmesser um dich zu verletzen – Gedanken, die wohl jedem schon mal durch den Kopf gegangen sind, der gerade auf ein unschönes Beziehungsende blickt. Ja Mensch… da war die 2009er „Herztransplantation“ doch nicht so erfolgreich?

Kommen wir noch mal zurück zu Joachim Witt. Der Mann veröffentlichte ebenfalls am 25. April sein jüngstes Album „Neumond“ (unserer Zauberer Paco hat sich an anderer Stelle dazu geäußert). Angesichts der bevorstehenden Tour, bei der Leichtmatrose als Support gebucht ist, der Tatsache, dass Witt der Entdecker des Matrosen ist und nicht zuletzt, weil sie es eh schon mal so ein bissen zusammen gemacht haben damals („Himmelfahrt“ vom Debütalbum) ist es nur konsequent, dass Witt und Stitz mit „Hier drüben im Graben“ ein richtiges Duett abliefern. Oh und was für eines! „Hier drüben im Graben“ überrollt den Hörer mit einer solchen bittersüßen, dramatischen Schwere, es ist eine Wucht! Ich würde sogar soweit gehen wollen zu behaupten, es hier sowohl mit dem bisherigen Meisterstück des Matrosen sowie einem der besten Duette Joachim Witts überhaupt zu tun haben. Die Fragen, die der vielseitig interpretierbare Text  über Kriegsopfer dem Hörer in den Kopf hämmert, hallen lange nach. So wie überhaupt diese ganze, höchst schnuckelige EP. Gute Arbeit, Matrose!


Musikalisch nimmt der Leichtmatrose exakt an der Stelle wieder volle Fahrt auf, wo er seine Hörer 2009 „Gestrandet“ zurückgelassen hatte. Will sagen: erneut bekommen wir pfiffige, chansonartige Elektro-Pop Songs zu hören. Sie beziehen ihre Faszination einmal mehr aus überspitzt ironischen bzw. kritischen Texten und dem tollen Gespür ihres Urhebers, zusätzlich auch noch die Melodien und Arrangements mit einer ganz eigenen Handschrift zu versehen. Das Duett mit seinem Herbergsvater … ähem … Mentor Joachim Witt ist bei alledem die Süßkirsche auf der Sahnehaube. Für mich stellt „Hier drüben im Graben“ die schönste Duettbeteiligung Witts dar, seit er sich Ende der 90er Jahre mit Peter Heppner Gedanken darüber machte, wann denn wohl „Die Flut“ käme. Für diese Rückmeldung des Leichtmatrosen zurück zum Dienst gibt es von mir eine ganz dicke Empfehlung. Und während Ihr nun hoffentlich den mp3-Dealer Eures Vertrauens ansteuert, bleibt mir nur noch eine Frage: Mein lieber Herr Stitz – wann gibt es endlich Nachschub in Form eines neuen Albums?


leichtmatrosejonny


Musikalisch nimmt der Leichtmatrose exakt an der Stelle wieder volle Fahrt auf, wo er seine Hörer 2009 „Gestrandet“ zurückgelassen hatte. Will sagen: erneut bekommen wir pfiffige, chansonartige Elektro-Pop Songs zu hören. Sie beziehen ihre Faszination einmal mehr aus überspitzt ironischen bzw. kritischen Texten und dem tollen Gespür ihres Urhebers, zusätzlich auch noch die Melodien und Arrangements mit einer ganz eigenen Handschrift zu versehen. Das Duett mit seinem Herbergsvater … ähem … Mentor Joachim Witt ist bei alledem die Süßkirsche auf der Sahnehaube. Für mich stellt „Hier drüben im Graben“ die schönste Duettbeteiligung Witts dar, seit er sich Ende der 90er Jahre mit Peter Heppner Gedanken darüber machte, wann denn wohl „Die Flut“ käme. Für diese Rückmeldung des Leichtmatrosen zurück zum Dienst gibt es von mir eine ganz dicke Empfehlung.
INHALT / KONZEPT.7.5
TEXTE.8
GESANG.7.5
PRODUKTION.7.5
UMFANG.7.5
GESAMTEINDRUCK.8
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Deutlich gereifter, selbst geschaffener Elektro-Chanson
Großartiges Duett mit Joachim Witt
Weckt die Vorfreude auf ein neues Album
7.7
TOTAL.