PET SHOP BOYS – Electric

Fleißig, fleißig: nicht einmal ein Jahr ist es her, seit uns die Pet Shop Boys zuletzt mit einem Album versorgten. „Elysium“ nannte sich das Machwerk, das seinerzeit einen prima Valiumersatz abgegeben hätte. Möglicherweise waren Neil Tennant und Chris Lowe mit dem an belangloser Langeweile unmöglich zu überbietenden Album selbst nicht zufrieden. Oder sie haben einfach Hummeln im Hintern. Wer weiß. Jedenfalls ist heute, gerade Mal 10 Monate später, das nächste Album in den Handel gekommen. „Electric“ heißt es und vermittelt vom Namen her schon mal mehr Action als zuletzt. Na mal kieken, was es so kann.

„Elysium“ erschien im letzten Jahr noch bei Parlaphone Records. In den 10 Monaten, die seitdem ins Land gezogen sind, haben die Pet Shop Boys die Zusammenarbeit nach immerhin 28 Jahren beendet. Inzwischen zieht das erfolgreichste Pop-Duo in Geschichte Großbritanniens es vor, den eigenen Kram mittels des eigenen Labels x2 zu veröffentlichen. Um den Vertrieb kümmern sich nun bekanntlich Kobalt Label Services. Rückblickend könnte man den Herren also unterstellen, bei „Elysium“ einfach keinen Bock mehr gehabt zu haben. Das eine Ding noch durchziehen und dann ab in die Freiheit. Zumindest ist dies ein Erklärungsversuch, warum die Pet Shop Boys mit „Electric“ plötzlich wieder richtig Pfeffer im Sound haben. Denkbar, dass der Weggang von Parlaphone ein Befreiungsschlag und eine Frischzellenkur gleichermaßen war. Mit „Electric“ definieren die Pet Shop Boys ihren typischen Sound neu, beschreiten in gewisser Weise für ihre Verhältnisse experimentellere Wege – und klingen doch noch immer unverkennbar nach Pet Shop Boys. Dass das sicherlich auch zu großen Teilen an Neil Tennants nach wie vor bemerkenswerter Stimme liegt, ist außer Frage.

Dass sie sich aber nicht alleine darauf ausruhen wollen, zeigen die Herren gleich beim ersten Song „Axis“, der ja vorab schon vorgestellt wurde. Eine weitestgehend instrumentale Tanznummer mit schwerem 80er Jahre Einschlag, die auch prima als Titelmelodie für eine Fernsehserie aus jenem Jahrzehnt herhalten könnte. Hätte auch beim Musikerkollegen Kavinsky gut reingepasst. Ein schönes Beispiel für den neuen bzw. modifizierten Sound der Jungs aus dem Zooladen ist das nachfolgende Stück „Bolschy“, das geschmeidig loungig vor sich hin grooved. Spurenelemente von House mit inbegriffen. „Love Is A Bourgeois Construct“ schlägt die Brücke zu früheren Veröffentlichungen inklusive einem an „Go West“ erinnernden Männerchor im Hintergrund. Beim ersten Hören wäre es mir fast eine Spur zuuuuu sehr Euro Dance gewesen. Aber eben nur fast, zum Ende hin streuen die Pet Shop Boys dann doch noch Spielereien ein, an denen das Ohr hängen bleibt. Und die letzten Sekunden dieses Tracks erinnern doch ein wenig an „It’s A Sin“, oder nicht? Auch fetzig: „Fluorescent“, das abermals mit einem anständigen Hauch House versehen wurde, bei dem man als Hörer unter den extrem breiten Synthieteppichen förmlich begraben wird. Entsprechend Wumms in der eigenen Anlagage vorausgesetzt. Richtig schick ist auch „The Last To Die“, dessen Ursprung bei Bruce Springsteen zu finden ist. Wieder so ein hymnischer Song, wie ihn die Pet Shop Boys in ihrem typischen Sound dann und wann in die Welt setzen. Das Original findet Ihr übrigens auf Springsteens 2007er Album „Magic“ und ist nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders. Und dann ist da noch „Shouting In The Evening“, das zu großen Teilen stampfend und treibend vorwärts geht, zwischendrin zusätzlich mit träumerisch schönen Melodiebögen glänzt. Und auch hier ist Tennants Stimme allenfalls eine Randerscheinung.

Wenn „Elysium“ also die Schlaftablette war, dann ist „Electric“ der Wachmacher, der seinen Namen verdient und berechtigt trägt. Wo andere Bands, die ähnlich lange im Geschäft sind, ähnlich viele Platten verkauft haben und über eine Fangemeinde verfügen, deren Folgsamkeit manchmal schon die Grenzen des Fanatismus streift, mit einem Album glänzen, das auch nach dem 101. Hören einfach nicht besser wird, zeigen die Pet Shop Boys, das es auch anders geht. [highlight highlight-color=“eg. #F96E5B“ font-color=“eg. #f8f8f8″]“Electric“ ist ein Weltklasse Album, das viele Spurenelemente vergangener Tage in sich trägt, dennoch aber den Esprit und Elan eines Debütalbums versprüht. Aber das haben sie selbst ganz wunderbar zusammengefasst: „„Electric“ zielt sehr auf den Dancefloor ab. Unsere Alben entwickeln sich oft als Antwort auf den jeweiligen Vorgänger. Während „Elysium“ recht reflektiv war, ist „Electric ziemlich auf die 12!„[/highlight]

Fazit

„Electric“ ist wie eine Frischzellenkur, nicht nur für die Pet Shop Boys, sondern auch und ganz besonders für die eigenen Erwartungen im Bezug auf die Band. Ich bin sehr angetan davon, wie die Pet Shop Boys ihren Sound neu definiert haben und dem Titel entsprechend elektronischer, treibender und wieder tanzbarer geworden sind. Die Pet Shop Boys liefern hier eine tolle Disco-Platte ab, die frisch, unverbraucht und neu klingt. Und dabei eben doch unverkennbar nach Pet Shop Boys. Für mich der Beweis, dass sich Künstler auch dann noch vorwärts bewegen können, selbst wenn sie schon seit gefühlten 100 Jahren im Geschäft sind. Und dass man sich das Ergebnis nicht erst schönsaufen muss. Nee, ehrlich: „Electric“ fetzt.


[tabs tab1=“Cover“ tab2=“Infos“ tab3=“Titelliste“ tab4=“Anspieltipps“ tab5=“Spotify“ tab6=“Video“]

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  • Medium: Audio CD (12. Juli 2012)
  • Label: X2 Recordings Ltd (rough trade)
  • Anzahl Tonträger: 1

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  1. Axis
  2. Bolshy
  3. Love Is A Bourgeois Construct
  4. Fluorescent
  5. Inside A Dream
  6. The Last To Die
  7. Shouting In The Evening
  8. Thursday
  9. Vocal

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  1. Axis
  2. Love Is A Bourgeois Construct
  3. Fluorescent
  4. The Last To Die
  5. Vocal

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