Man nehme: eine Portion kräftig nach vorne gehender Rockmusik mit gelegentlichen Metal-Anleihen. Einen anständig bummernden Elektro-Unterbau. Mitunter verfremdeten Gesang, möglicherweise auch mal mit Gebrüll. All diese Zutaten verrühre man in einem Kessel mit ordentlich Dampf darunter. Was erhält man dann? Naja. Jedenfalls keine bahnbrechende Neuheit, das ist sicher. Andererseits: Generationen halten sich an die vermeintlich gelingsicheren Rezepte aus Dr. Oetkers Grundkochbuch, das ja auch schon seit 1911 in stets neuen Auflagen erscheint. Die nachgekochten Rezepte bedienen sich logischerweise auch an den gleichen Zutaten und doch kommt immmer wieder ein leckeres Gericht mit persönlicher Note auf den Teller. Umgemünzt auf PROTAFIELD und deren Debütalbum „Nemesis“ gilt also: die Zutaten sind allesamt nicht neu, aber vielleicht schmeckt’s ja trotzdem.

Protafield mögen neue Köche in der großen Suppenküche des Industrial-Rock sein, zumindest aber ihr Frontmann Jayce Lewis ist es nicht. Seinen ersten Stern verdiente er sich 2009, als er die selbst produzierte Single „Icon“ veröffentlichte. Noch im gleichen Jahr unterzeichnete Lewis einen Vertrag über fünf Jahre mit EMI Records Europa und Asien. Sein Promoter war übrigens David Prowse. Diesen Satz liest der Star Wars Kenner sicher zweimal. Ja richtig, DER David Prowse. Jener Hüne, der in der klassischen Trilogie (also der guten…) Oberhalunke Darth Vader spielte. Wieso, weshalb und warum ist leider nicht überliefert. Ist aber auch eigentlich egal, als Aufmerksamkeitserreger reicht es allemal. Im Jahre 2010 veröffentlichte der Waliser sein Debütalbum, welches schlicht mit seinem Namen betitelt wurde. Lewis, der das Gitarrespielen im zarten Alter von zwölf Jahren erlernte, gibt als Einflüsse Brian May (Queen) und Igor Cavalera (Sepultura) an. Die Mucke seines Debütalbums wird als hoch energischer Rock, gemischt mit Electro und Stammestrommlereien bezeichnet. Klingt in jedem Fall nach einer abgefahrenen Mischung. Im Jahr 2011 traf Lewis auf Altmeister Gary Numan. Eine schicksalsträchtige Begegnung, so scheint es, schließlich wurde Jayce Lewis fürderhin der Hauptsupport bei 12 Shows durch das Vereinigte Königreich auf Numans Dead Son Rising Tour. Numan kam im Anschluss nicht so richtig aus der Schwärmerei für seinen Kollegen heraus. In Interviews deutete er eine Zusammenarbeit mit Lewis an und lud ihn 2012 ein, mit Numan durch die US of A zu touren. Im gleichen Jahr hörte man Jayce Lewis das erste Mal von einem zweiten Album reden. Einem Album, das er seinerzeit als „Riesenschritt vorwärts“ gegenüber des Erstlingwerkes bezeichnete. Danach wurde es still.

Wir schreiben 2014 und Jayce Lewis firmiert musikalisch unter dem Namen Protafield. Wieso, weshalb, warum – Ihr ahnt es bereits, auch dazu liegen keine Infos vor. Und auch hier ist es eigentlich ziemlich Bockwurst. Entscheidend ist das Album. „Nemesis“ heißt es. Und das kann ich Euch sagen: mögen die Zutaten aus Rock, Metal und Düsterelektro althergebracht sein – Jayce Lewis als chef de cuisine köchelt daraus dennoch ein Süppchen, das es in sich hat! „Hallo! Wach!“ wäre auch ein durchaus adäquater Name dafür gewesen. So, dann wollen wir doch mal probieren.

Als Vorspeise serviert uns Protafield „God-Forced“ – und zeigt gleich mal, was vom Rest des Albums zu erwarten ist: ordentlich Tempo, Doublebasses, normaler Gesang, Gebrülle (das manchmal mitunter in das Gegrunze aus dem Metal Bereich abdriftet), diverse Elektronika als aromatische Würze. Der Ersteindruck, der den Hörer hier platt walzt, ist mit „brachial“ ganz gut umschrieben. Und so bleibt es dann auch bei diesem deftigen 12-Gänge-Menü. Es heißt, „Nemesis“ wäre unter der Mithilfe von vier Gastköchen angerichtet worden: Roger Taylor (Achtung, Wortspiel: Drummer(Queen)), Mattias Eklundh (Freak Kitchen ist seine eigene Band, ansonsten spielte er bei drei Soilwork Alben Gitarre), Lance Henriksen (bekannt vor allem durch seine Rolle als Bishop aus den „Alien“ Filmen. Was der hier geleistet haben mag, hat sich mir allerdings nicht erschlossen.) und Gary Numan. Dass der Numan seine Finger mit im Eintopf hat, liegt nach der Vorgeschichte nahe. Es würde mich keineswegs überraschen, wenn das elektronisch geschwängerte, schön treibende Stück „Pure“ nicht Teil der einst angegedeuteten Zusammenarbeit Numans mit Lewis ist. Es stünde dem Numan jedenfalls auch gut zu Gesicht. Kurzer Zwischensnack zwischen all deftigen Gängen ist das kurze Zwischenspiel „Acrylic“. Da jault sie, die Gitarre, während umfassende Synthieteppiche so vor sich hin wabern. Ein Bäuerchen, mehr nicht. Trotzdem eine gelungene Überleitung in das ebenfalls wieder erfrischend stark elektronische Brett „Make Believe“. Beinahe wie klassische Rockmusik härterer Gangart wirkt „Mass Effect“, das im Tempo gedrosselt serviert wird und viel Zeit für herkömlichen Gesang erübrigt, mit ausufernden Gitarrensoli aber auf ein fettes Finale hinarbeitet. Der Nachtisch „Revolution“, einmal mehr rein instrumental, zeigt mit atmosphärischen Sounds, dass Lewis und Kollegen im Bezug auf Klangspielereien ebenfalls reine Feinschmecker sind.

Zurück zur Ausgangslage und dem Grundkochbuch, das es seit über 100 Jahren gibt. Sicherlich kannste den Eintopf stets genauso so kochen, wie er in diesem Büchlein niedergeschrieben steht. Damit verhungerst du vielleicht nicht, ein Sterne-Koch wirst du damit aber auch nicht. Du kannst aber auch das Grundrezept nehmen und mal den Arsch in der Hose haben, anstatt stets der Fertigmischung von Maggi das Zeug selbst zusammenzumischen. Anstatt der gewohnten und erwarteten Zutaten vielleicht doch noch mal in den Feinkostladen wackeln und dich nach Alternativen umzugucken. Dann könnte es nämlich gut sein, dass durch die individuelle Mischung ein neuer Stern entsteht. So wie im Falle Protafields am Industrial-Rock Himmel. So manch gestandenem Künstler dürften dank dieser Veröffentlichung die Ohren klingeln. Gut so!

Fazit

Ich wurde während der durchaus unterhaltsamen 49 Minuten Spielzeit, die diese „Nemesis“ auf die Waage bringt, immer wieder das Gefühl nicht los, Jayce Lewis und Kollegen hätten damals eine ordentliche Prise Rob Zombie, KMFDM oder halt Gary Numan mit in die Kochschule genommen. Das macht allerdings so rein gar nüscht. Wem so was schmeckt, der sollte sich diesen Dampfhammer eines Albums guten Gewissens ins Regal stellen. Und ich meine damit: unbedingt! Ich für meinen Teil bin gespannt auf die Live Performance dieser Truppe. Wenn sie die gleiche Leidenschaft auch auf der Bühne rüberbringen, dann könnte der Weg durchaus weit nach oben führen. Aber Gary Numan sagt ja, es handele sich bei Jayce Lewis um einen der besten Support Künstler, mit denen er jemals auf Tour war. Warum sollte das bei Protafield anders sein? Gespannung liegt in der Luft. Und jetzt: Mahlzeit!


[su_tabs][su_tab title=“Cover“]protafieldnemesis[/su_tab]
[su_tab title=“Infos“]

  • Medium: Audio CD (23. Mai 2014)
  • Anzahl Tonträger: 1
  • Label: Caroline (Universal Music)

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[su_tab title=“Trackliste“]

  1. God-Forced
  2. Svere Sever
  3. = Pure
  4. Perfect Defect
  5. Wrath
  6. Acrylic
  7. Make Believe
  8. Sinner
  9. Redesign
  10. Nemesis
  11. Mass Effect
  12. Revolution

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[su_tab title=“Anspieltipps“]

  1. God-Forced
  2. = Pure
  3. Sinner
  4. Nemesis
  5. Mass Effect

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[su_tab title=“Spotify“]

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[su_tab title=“Videos“]

Protafield 2014 (Trailer)

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