SCHANDMAUL – Unendlich

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Nachdem sie im letzten Jahr mittels der Best-Of Doppel-CD „So weit, so gut“ einen Überblick über ihr nunmehr fünfzehnjähriges Schaffen geboten haben, schauen SCHANDMAUL jetzt wieder nach vorne. Einen ersten Eindruck über ihr Musikjahr 2014 verschafften sie dem geneigten Hörer mit der kürzlich veröffentlichten Trauerballade „Euch zum Geleit“. Mit „Unendlich“ legen Thomas Lindner und die restlichen fünf Schandmäuler nun nach. Für Fans von Folk- und Mittelalter-Rock ein Grund zum Jauchzen und Frohlocken? Oh aber ja doch! Die musikalische Märchenstunde aus München hat noch immer funktioniert – und, so viel kann vorab verraten werden, sie tut es auch auf Studioalbum Nummer 8.

Ich erzähle Euch nichts Neues wenn ich schreibe: Schandmaul sind Geschichtenerzähler. In diesem populären Genre, wo moderner Rock oder akustisches Spiel mit Elementen aus Mittelalter und Folk kombiniert wird und in dem es so einige Bands gibt, die denken, sie hätten die Spielmannskrone auf, gehören Schandmaul zweifelsohne zu den Besten ihres Fachs. Sie haben ein sicheres Händchen dafür, Erzählungen in Lieder zu verpacken, denen man einfach gerne folgt. Konsequent fügen Schandmaul beispielsweise ihrer bisherigen Trilogie zur Nibelungensage mit „Baum des Lebens“ einen weiteren Teil hinzu. Die Vorgeschichte quasi, die sich mit Siegfrieds Vater und einem Zauberschwert befasst. Es verwundert nicht, dass die Nibelungen Schandmaul nach wie vor beschäftigen. Schließlich halten sie es für „das größte Epos, das wir haben“. Zitat Thomas Lindner. Gespannt lauscht man auch der Erzählung „Kaspar“, in welcher der Besungene vom Tod fünfzehn weitere Jahre Lebenszeit ergaunert. Kartentricks und entsprechende Fingerfertigkeit helfen manchmal wunder. Da ist es also wieder, das inhaltliche Motiv von „Spitzbuben und anderen Halunken“, das sich immer wieder in den Songs Schandmauls wiederfindet.

In all den Jahren ihres Bestehens haben Schandmaul ein ums andere Mal bewiesen, dass sie sich hervorragend darauf verstehen, Balladen zu schreiben, die dem Hörer mindestens einen Kloß im Hals bescheren. Manchmal, weil es sich dabei um eine herzerwärmende Liebeserklärung handelte, auf die man womöglich selbst gern gekommen wäre. Manchmal aber auch, weil es sich um ein bitteren Abschied handelt. Der Tod lässt sich eben viel zu oft nicht überlisten, auch nicht mit Kartentricks. Auf „Unendlich“ kommt die Tränennummer in Form der vorab veröffentlichten Single „Euch zum Geleit“ daher. Es klingt wie ein Song, der auf Beerdigungen gespielt werden könnte – und tatsächlich: nach Aussage des Gitarristen Martin Duckstein behandelt dieser Song die Beerdigung einer alten Freundin. Auf ihren Wunsch hin las der Pfarrer ihren letzten Brief vor, der den Trauernden sagte: macht euch keinen Kopf, weint nicht, das Leben war schön.

Mitunter geht es aber auch augenzwinkernd zu im Hause Schandmaul. „Der Teufel…“ beispielsweise empfiehlt sich als legitimer Nachfolge des Klassikers „Was wollen wir trinken“ wenn es heißt: „Humpen her / hipp hipp Hurra / wir saufen und wir sind noch da“. Selbstverständlich handelt es sich hierbei um ein völlig ernst gemeintes Lied, das die Folgen des Alkoholkonsums thematisiert und auf gar keinen Fall, unter keinen Umständen und niemals im Leben um eine extra geile Partyhymne, die man bei einem Wintermarsch, Herrentagsausflügen, einer Grünkohlwanderung, auf Festivals oder generell bei feuchtfröhlichen Gelagen spielen kann. Warum ich bei jedem Hören spontan Lust habe, ein Bier zu trinken – höchstens zwei oder sieben – weiß ich auch nicht.

Sich ihrer Popularität durchaus bewusst, nutzen die Schandmäuler ihre Reichweite, um auch ernsthafte Themen des aktuellen Zeitgeschehens abzuhandeln. „Bunt und nicht braun“ macht schon allein vom Titel her klar, um was es sich hierbei handelt: eine musikalisch typische Schandmaul-Hymne für Akzeptanz und Toleranz, egal welcher Herkunft, sexueller Orientierung oder was auch immer in unserer heutigen Zeit von Doofköppen (vor-)verurteilt wird.

Musikalisch verlassen sich Schandmaul bei Album Nummero acht auf bewährte Mittelchen. Manchmal wird gerockt mit schnellen, treibenden Gitarrenriffs. Manchmal geht es eher akustisch, klaviergeschwängert und demnach besinnlich zur Sache. Und zu alledem gesellen sich immer wieder die Violinen, die Flöten, Schalmeien und was weiß sonst noch an mittelalterlich anmutendem Klangwerkzeug, der den bekannten und geschätzten Sound Schandmauls auszeichnet. Sieht man einmal von den einleitenden Klängen von „In Deinem Namen“ ab, das wohl Bachs „Toccata und Fuge in d-Moll“ entliehen wurde, bieten sie wenig überraschendes. Schandmaul sind nicht die ersten Musiker ihres Genres, die sich an diesem Weltklassiker bedienen. Auch Tanzwut beispielsweise wussten schon vor Jahren um den Reiz dieses Meisterstücks. Dass sich Schandmaul ansonsten sehr auf bewährte Zutaten verlassen, ist übrigens kein Makel. Schließlich gibt es nach 15 Jahren Schandmaul klare Erwartungshaltungen an die Band innerhalb der Hörerschaft. Anstatt nun also irgendwelche Experimente zu wagen, die womöglich nur nach hinten losgehen, beeindrucken die Münchener durch eine herausragende Produktion. Die fünfzehn Songs sind derart liebevoll arrangiert und produziert, dass sich die Begeisterung der Musiker für ihr eigenes Tun automatisch auf den Hörer produziert. Noch dazu erreicht die Band in Sachen Klangdynamik eine neue Stufe. Jedem Instrument ist durch geschicktes Mastering genügend Raum zur Entfaltung gegeben. Während immer mehr Musikproduktionen heutzutage dadurch glänzen, alles zu einem dumpf wabernden Einerlei werden zu lassen, hebt sich „Unendlich“ davon sehr wohltuend ab. Die Flöten beispielsweise hüpfen förmlich über den restlichen Instrumenten. Und wenn die Band gerade Vollgas gibt, ist immer noch genug Luft und Dynamik vorhanden, die zarte Streichinstrumentierung herauszuhören. Dies ist eines der wesentlichen Merkmale übrigens, die „Unendlich“ zu so einem vergnüglichen Hörerlebnis machen. Das dürfen sich andere Bands, die im gleichen Fahrwasser unterwegs sind, gerne abgucken. Und nicht nur die.

Fazit

Tatsächlich ist es inzwischen einige Jahre her, seit ich zuletzt das Tun von Schandmaul aufmerksam mitverfolgte. Irgendwie hab ich die Herrschaften aus den Ohren verloren. Zuletzt bewusst wahrgenommen: das 2006er Album „Mit Leib und Seele“, danach immer nur noch mal hier und da am Rande. Es klingt womöglich zunächst negativ wenn ich sage, dass sich seit anno dunnemals inhaltlich nicht viel verändert hat. Das ist aber bitte keinesfalls negativ zu verstehen! Ganz im Gegenteil: nach all diesen Jahren wieder Schandmaul zu hören fühlt sich an, wie nach langer Zeit nach Hause zurückzukehren. Alles ist so wunderbar vertraut und noch immer an dem Platz, wo man die Dinge zurückgelassen hatte. Den regelmäßigeren Schandmaul Konsumenten hingegen liefern Thomas Lindner und Kollegen genau das, was sie von dieser Band erwarten: jede Menge Geschichten, verpackt in meist rockige Songs, veredelt durch fein akzentuierte, folkige/mittelalterliche Arrangements mit manchmal beinahe magischem Flair. Oder, um es deutlicher zu sagen: eine Stunde gute Laune durch gute Musik. Ganz klare Empfehlung meinerseits an dieser Stelle! Wenn sie diesen hohen Standard halten können, darf es gerne „Unendlich“ so weitergehen.


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  • Medium: Audio CD (24. Januar 2014)
  • Anzahl Tonträger: 1
  • Label: We Love Music (Universal)

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  1. Trafalgar
  2. Tippelbruder
  3. Kaspar
  4. In Deinem Namen
  5. Bunt und nicht braun
  6. Mit der Flut
  7. Baum des Lebens
  8. Tangossa
  9. Euch zum Geleit
  10. Saphira
  11. Mittsommer
  12. Little Miss Midleton
  13. Der Teufel
  14. Mein Bildnis
  15. Märchenmond

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  1. Tippelbruder
  2. Kaspar
  3. In Deinem Namen
  4. Bunt und nicht braun
  5. Euch zum Geleit
  6. Der Teufel

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    Roman Jasiek
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    Roman Jasiek
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