UNZUCHT – Venus Luzifer

Wenn man sich nur auf den ersten Eindruck, den die Pressefotos ihres Labels NoCut vermitteln, verlassen würde, könnte man denken, dass die Mitglieder der Dark-Rock Band UNZUCHT echt böse Jungs sind. Denn mit regungsloser Miene schauen da alle vier direkt in die Kamera. Ich habe diesen Bandnamen zwar schon das ein oder andere Mal gelesen, aber mir bisher noch nie die Zeit genommen, auch mal in einen oder zwei (oder sieben) Titel reinzuhören. Und das, obwohl das Quartett um den deutsch-spanischen Frontmann und Sänger Daniel Schulz, aka „Der Schulz“, seit 2012 im Jahresrhythmus die neuen Tonträger nur so raushauen und jetzt mittlerweile, nach Adam Riese und Eva Klein, schon bei Nummer drei angekommen sind. Um Ideen für neue Werke sind Daniel Schulz, Daniel De Clercq, Alex Blaschke und Toby Fuhrmann also offenbar nicht verlegen. Aber zurück zu dem ersten Eindruck. Selbiger hatte mich bisher auch eher davon abgehalten, neugierig zu werden, schien mir die erwartete Musik doch ein wenig zu hart für meinen Geschmack zu sein. Dank Avalost darf ich nun einmal mehr meinen musikalischen Horizont erweitern und – bin positiv überrascht! Einen Dank an unseren Hausmeister. ;)

Kann sich noch jemand an den Titel „Ohne Dich“ von Selig aus dem Jahre 1994 erinnern? Ich habe noch immer diese sich ständig überschlagene Stimme in den Ohren, welche damals in meinen noch unbeschwerteren, jungen Jahren die Radios rauf und runter dudelte und sich natürlich auch aus den Lautsprechern kommend in meinen eigenen vier Zimmerwänden wiederfand. Wieso ich danach frage? Nun, als ich (natürlich total unbedarft) das erste Mal in das aktuelle Album von Unzucht reinhörte, hatte ich den Geistesblitz, dass es sich um Jan Plewka, den Sänger von Selig, handeln würde, der endlich aus seinem Stimmbruch rausgekommen ist und die Musik gleich mit ins Erwachsenwerden genommen hätte. Aber weit gefehlt. Denn diese Band hier wurde erst 2009 in unserer Nachbarstadt Hannover (und nicht in Hamburg wie Selig) gegründet. Naja, zumindest fängt beides mit H an. So schlecht war ich diesmal gar nicht mit meinem Namensgedächtnis. :)

Aber weiter. Die Bandgeschichte von Unzucht liest sich bisher wie ein musikalischer Karriere-Traum: Erstveröffentlichung eines Titels in Eigenregie, dann sofort erst einmal zahlreiche Auftritte bei Festivals oder als Vorgruppe zu festen Szene-Größen wie Mono Inc., Coppelius oder auch Lord Of The Lost, (um wirklich nur paar wenige zu nennen!), diverse Beiträge zu Gothic-Samplern und natürlich nach drei Jahren Bandbestehen die bereits erwähnten Alben in 2012 und 2013. Wir reden hier nun über das am 14. November 2014 erscheinende Album „Venus Luzifer“, welches bei mir definitiv Gefallen findet, obwohl ich sonst eher nicht so in der Metal-Welt zuhause bin. Aber hier ist das irgendwie anders. Soviel vorab.

Unzucht kombiniert in insgesamt elf Stücken harte Metal-Elemente mit handgemachten Rock, mit ausgetüftelten Elektro-Sounds, mit einen melodischem Gesang (in einer herrlich tiefen Stimmlage) und tiefgründigen Texten zu ihrem ganz eigenen Stil, so dass das Hören von der ersten bis zur letzten Minute durchweg abwechslungsreich bleibt. Die Varianten reichen da von poppigen Sound die ganze Bandbreite bis hin zum brachialem Trash-Metal-Passagen, in die ich mich bei den betroffenen Stücken zugegebenermaßen erst rein hören musste. Und was besingen die bösen Jungs da? Ganz unerwartet für mich: Gesellschaftliche Themen, Liebe und Trennungsschmerz, Angst, Tod oder die eigene Hilflosigkeit. „Trau Dich zart zu sein“, wie uns ja auch schon ein unnatürlich farbige Kuh ständig einreden will.

Mit Synthie-Stereo-Spielchen und bestimmenden Drums wird das Album mit dem Titel „Wir sind das Feuer“ eher ruhig, aber nicht minder eindringlich eröffnet. Textlich erinnert Der Schulz daran, dass jeder seine eigenen Überzeugungen haben und auch vertreten soll. Jeder kann die sich ihm eröffnenden Möglichkeiten ergreifen und sein Leben und auch das Geschick anderer beeinflussen. Die Rockelemente mit cineastisch anmutenden Backing, inkl. Chorgesang, und dazu die ständige Wiederholung des dynamischen Refrains machen Laune und bringen Neugier auf mehr.

Mein Favorit folgt sogleich mit „Seelenblind“, wo über Hilflosigkeit gegenüber der Ignoranz (oder auch nur Verschlossenheit?) des Gegenüber gesungen wird. „Was immer ich auch sage, du hörst mir gar nicht zu. … hinter der Fassade ein verschrecktes Kind“. Diesmal bestimmen weniger Synthesizer, sondern grundlegende Gitarrenriffs das Gesamtkonstrukt, natürlich gepaart mit der ausdrucksstarken Stimme, die gekonnt zum Text betont wird und absolutes Ohrwurm-Potential hat.

Während wir noch eher verträumt unterwegs waren, folgt das Aufweckkommando, indem dann in „Das Denkmal fällt“ die Drums von Toby erst mächtig malträtiert werden, bevor, nach ein paar Textzeilen sich ein etwas melodischerer Part dazwischen schleicht. Aber nur nicht daran gewöhnen, denn das Schlagzeug gibt euch die Schonzeit nicht sehr lange! So wechseln nicht nur die Tempi weiter hin und her und bestimmen die Dynamik dieses ungewöhnlichen Stückes, sondern auch die Gesangsparts zwischen Schulz und De Clercq wechseln höchst stimmig ab und bestimmen so den Spannungsbogen des Stückes in dem es um einen Aufbruch zu neuen Zielen und dem Zurücklassen des Vergangenen handelt. Ist der geneigte Hörer jetzt noch nicht vom Variantenreichtum der Band überzeugt, sollte er sich überlegen, ob die Bandauswahl wirklich die richtige gewesen ist.

Das folgende „Ikaria“ ist wieder bedeutend ruhiger und kommt mit melodischen, elektronischen Sounds, aber auch den treibenden Gitarrenriffs daher. In der Ballade möchte der Schulz daran erinnern, „nicht in alten Strukturen zu versauern, wenn man dort nicht glücklich ist, sondern seine eigene Lebenszeit zu nutzen und seinen eigenen Träumen immer weiter zu folgen“, wie er selbst sagt.

Und damit wären wir bei Nummer fünf angelangt. Nummer fünf lebt – aber nur mit dieser einen wichtigen Person. Denn in „Nimm mich mit“ vertonen Unzucht das Flehen, nicht allein gelassen zu werden: „Nimm mich mit, wenn Du nicht mehr bei mir bist. … Bitte lass mich nicht zurück.“ Zu Beginn noch eher elektronisch verspielt, geht auch dieses Stück in die mittlerweile gewohnten härteren Gitarrenklänge über, die das Flehen zusammen mit den zum Ende hin alles übertönenden Bässen noch weiter unterstreichen sollen und den Herzschmerz schon fast greifbar machen.

An den nächsten Titel musste ich mich zugegebenermaßen erst einmal gewöhnen, aber jetzt finde ich ihn umso spannender. „Unendlich“ wird per sehr schnellem Gitarrensolo und den unmittelbar anschließenden harten Beats eingeläutet, bei dem ich „unter normalen Umständen“ schon nach dem „Weiter“-Knopf gesucht hätte. Doch die dann folgenden Unterbrechungen mit Klavier und charismatischen Gesang waren’s wert zu warten. Die Texte handeln davon, dass es doch immer irgendwie weitergeht, trotz der ganzen Widrigkeiten, die das Leben mit sich bringt. „Weiter, es geht unendlich weiter und ihr werdet sehen, wir werden ihn gehen, wir werden diesen Weg gemeinsam überstehen.“ Gemeinsam können wir also die schweren Zeiten überstehen und die vermeintlichen Hindernisse überwinden, wenn wir nur zusammenhalten und durchhalten. Dann geht es „unendlich weiter“ – bis sich das Stück mit sanften Synthieklängen dem Ende nähert und dahin plätschert.

Aber keine Angst. Das ist jetzt nicht die Überleitung zu einem Schmusekurs für den Rest des Albums, denn in „Neugeboren“ haut De Clercq gleich in die Saiten. Hart, ja das ist es definitiv, aber Daniels melodischer Gesang fügt sich trotzdem ins Gesamtbild harmonisch ein. Auch hier hat sich Unzucht entschieden ihn nicht alleine singen zu lassen, sondern De Clercq als Counterpart einzusetzen, wobei letzterer die härteren Passagen übernimmt und perfekt die Wut darstellt, welche den ganzen Titel über die Textzeilen bestimmt. Kritisch wird mit den Missständen unserer Gesellschaft abgerechnet. „Die Führer lenken die Paraden. Sie führen uns im Gleichschritt hinters Licht. 1000 ungesühnte Taten erheben ihre Stimme gegen mich.“ Da sollte sich jeder mal an die eigene Nase fassen und fragen, was er selbst hat Unrechtes geschehen lassen, ohne es zu verhindern. Durch den eindringlichen Refrain bleibt dieses Stück definitiv im Gedächtnis.

Thematisch macht dann „Schweigen“ da weiter, wo „Nimm mich mit“ aufgehört hatte. Denn textlich aus der Sicht des Gehenden geschrieben, bringt er auch ein wenig Trost mit sich: „Der Abschied bricht nur das Irdische, nicht das was uns eint“. Musikalisch hat der Titel schon ein paar poppige Anleihen, aber durch den düster-rockigen Unterton alles andere als kitschig. Sicherlich eine sehr persönliche Aufarbeitung eines Abschiedes für immer von einem geliebten Menschen, auch wenn sie diese Zeilen locker auf das Ende einer Beziehung übertragen lassen.

Passend als Überleitung dazu beginnt das neunte Stück „Leidbild“ mit einem kurzen Pianointro, welches aber schnell in den für Unzucht mittlerweile typischen Sound übergeht. Nein, kein Tippfehler, sondern ein Wortspiel, um über ein Phänomen der heutigen Zeit zu singen. Gerne fühlt sich so mancher heute als alleiniges Opfer, was gerettet werden muss. „Obwohl der Wind sich dreht, bläst er Dir ins Gesicht.“ Aber ist nicht jeder selbst für sein Schicksal verantwortlich? „So kann das nicht gehen.“ „Doch noch ist nichts zu spät.“ Da war sie wieder – die Aufforderung, aktiv zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Trotz der hintergründigen Härte bei Drums und Gitarre fallen mir für das gesamte Arrangement mit den Melodiebögen, den Piano-Überlagerungen und dem warmen Gesang eher Begriffe wie harmonisch, melodisch und berührend ein.

Kurz vorm Schluss lassen die Unzüchtigen noch einmal einen „Krieg“ in uns los. Toby kann sich am Schlagzeug noch einmal richtig austoben, als De Clercq sich auf seine Wurzeln zurückbesinnt. Mit musikalischen Gewehrsalven werden uns die Beats um die Ohren gehauen, und dass die stimmliche Wahl diesmal alleinig auf De Clercq gefallen ist, ist bei diesem trashigen Sound die einzig richtige Wahl gewesen. Kurz, hart, auf den Punkt gebracht. „Die Kriege in der Welt sind nur Symptome der Kriege in uns selbst“, sagt er selbst über diesen Song. Da passt die Textzeile „Ich hab mich selbst doch nicht erkannt, die Welt ist stumpf vor mir verbrannt.“ wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Benommen wird man nach gerade einmal 2:42 Min abrupt zurückgelassen, bevor es noch einmal wieder ruhig dem Ende entgegen geht.

„Ich denke, also trinke ich – ich trinke meinen Tod…“ ist der Beginn des Schlusslichtes von Venus Luzifer. Mit einer ruhigeren Ballade „Mein Grab“ setzen die Hannoveraner auf eine zu Beginn fast schon akustische Komposition mit Pianoklängen und wenig Synthies im Hintergrund, bevor sich erst spät die obligatorischen Gitarrenriffs dazugesellen. Kein Song, den man hören sollte, wenn man aus liebestechnischen Gründen nicht so gut drauf ist. „Bitte sag mir jetzt, ob das alles war. Warum fühlt es sich nicht mehr wie früher an?“ Letzte Themen, mit denen sie uns dann alleine zurück lassen wollen, sind die Schmerzen einer (drohenden) Trennung, der immer existenten Hoffnung und den Ängsten, es könnte tatsächlich für immer vorbei sein. Der Schulz hat mich nun vollends von seinem Können überzeugt! Ganz großes Kino, dass mir direkt ans Herz ging.

Tja, und da sind wir nun tatsächlich doch schon wieder am Ende angelangt.

Fazit

„Venus Luzifer“, und eigentlich Unzucht zur Gänze, haben mich hiermit offiziell überzeugt. Und das sagt eine gebürtige Braunschweigerin von einer Hannoveraner Band. :) Da wird doch ganz schnell die jahrhundertealte „Fehde“ zwischen den Nachbarstädten beigelegt und gutes Gelingen gewünscht, um noch weitere dieser tollen Werke genießen zu dürfen. Ich habt es wirklich drauf, Jungs! Neulich habe ich doch prompt schon davon geträumt, ganz spontan auf eines eurer Konzerte zu gehen. Wenn das nicht schon ein gutes Omen ist.
Mit eingängigen Melodien, den starken, mitreißenden Drums und, nicht zu vergessen, den Spannung erzeugenden Gitarrenparts gehen die Stücke direkt in den Körper und die tollen Stimmen mit den ganz und gar nicht lapidaren Texten treffen direkt das Herz. Unzucht haben gezeigt, dass sie ihr Handwerk verstehen und einen ganz großen Variantenreichtum in sich haben, der noch auf viel Neues hoffen lässt. Das ist auf jeden Fall eine Band, die ich zukünftig im Auge behalten werde. Wenn nicht sowieso auf einem der kommenden Festivals anwesend, werde ich mir definitiv wirklich noch einmal einen Live-Auftritt in der Realität ansehen, und in der Zwischenzeit die Alben rauf und runter dudeln lassen – wie bei Selig damals in meinen jungen Jahren…


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