FOTO: TIM LÜDDEMANN.

KRIMINALISIERTE SEENOTRETTER: Interview mit einem der aufs Meer fuhr, um Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten

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Als „Menschenrechte werden subjektive Rechte bezeichnet, die jedem Menschen gleichermaßen zustehen. Das Konzept der Menschenrechte geht davon aus, dass alle Menschen allein aufgrund ihres Menschseins mit gleichen Rechten ausgestattet und dass diese egalitär begründeten Rechte universell, unveräußerlich und unteilbar sind“. So leitet die Wikipedia ihren Artikel über eine der vermutlich größten Errungenschaften der Moderne ein. Zumindest in der Theorie. Dass es in der Praxis aber damit leider nicht weit her ist, können wir jeden Tag beobachten, wenn wir einen Blick in die Nachrichten werfen. Am 10. Dezember des Jahres 1948 wurde durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet. Aber mal Hand aufs Herz – was beinhaltet diese besagte Erklärung eigentlich, die leider nur ein Ideal ist, völkerrechtlich aber keine Verbindlichkeit besitzt? Werfen wir einen Blick auf die ersten zehn Artikel, wie sie die Vereinten Nationen Ende der 1940er formulierten:

Artikel 1
Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

Artikel 2
Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.
Des weiteren darf kein Unterschied gemacht werden auf Grund der politischen, rechtlichen oder internationalen Stellung des Landes oder Gebietes, dem eine Person angehört, gleichgültig ob dieses unabhängig ist, unter Treuhandschaft steht, keine Selbstregierung besitzt oder sonst in seiner Souveränität eingeschränkt ist.

Artikel 3
Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

Artikel 4
Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden; Sklaverei und Sklavenhandel in allen ihren Formen sind verboten.

Artikel 5
Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.

Artikel 6
Jeder hat das Recht, überall als rechtsfähig anerkannt zu werden.

Artikel 7
Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben ohne Unterschied Anspruch auf gleichen Schutz durch das Gesetz. Alle haben Anspruch auf gleichen Schutz gegen jede Diskriminierung, die gegen diese Erklärung verstößt, und gegen jede Aufhetzung zu einer derartigen Diskriminierung.

Artikel 8
Jeder hat Anspruch auf einen wirksamen Rechtsbehelf bei den zuständigen innerstaatlichen Gerichten gegen Handlungen, durch die seine ihm nach der Verfassung oder nach dem Gesetz zustehenden Grundrechte verletzt werden.

Artikel 9
Niemand darf willkürlich festgenommen, in Haft gehalten oder des Landes verwiesen werden.

Artikel 10
Jeder hat bei der Feststellung seiner Rechte und Pflichten sowie bei einer gegen ihn erhobenen strafrechtlichen Beschuldigung in voller Gleichheit Anspruch auf ein gerechtes und öffentliches Verfahren vor einem unabhängigen und unparteiischen Gericht.

Claus Kleber, bekannt wohl vor allem als Moderator des heute-journals des ZDFs, hat anlässlich des 70. Jahrestages der Menschenrechte eine sehenswerte Dokumentation zum Thema gemacht, die Ende des letzten Jahres ausgestrahlt wurde. Sie deckt sich in Teilen mit dem Thema, um das es mir hier und heute – nach dieser zugegeben langen Einleitung – geht. Wie sehr wir es in unserem ach so modernen Europa mit den Menschenrechten halten, beobachten wir immer wieder ganz bezeichnend, wenn es um darum geht, wie wir mit Flüchtlingen umgehen. Mit den Ärmsten der Armen, die vor Krieg und Gewalt fliehen, die sich auf eine gefährliche Reise über das Mittelmeer begeben und nicht nur einer ungewissen Zukunft entgegenblicken sondern oft auch gar nicht wissen, ob sie die vermeintlich sicheren Küsten lebend erreichen.

Wie wir es mit dem Thema Menschenrechte halten, das zeigt sich aber auch daran, wie mit denen umgegangen wird, die ehrenamtlich viel riskieren, auf eigene Faust und eigene Kosten rausfahren aufs Meer um die Flüchtenden, die in Seenot geraten, zu retten – und die sich dann, im schlimmsten Fall, auf der Anklagebank wiederfinden. Das geht mir nach wie vor nicht in den Schädel, wie Leute, die Seenotrettung betreiben, ganz plötzlich kriminalisiert werden!

Am 10. Dezember 2018 hatten die Menschenrechte ihr 70. Jubiläum und während ich also die Sendung von Claus Kleber schaute, hatte ich sehr deutlich das Gefühl, dass wir uns von dem Ideal mit jedem Jahr wieder mehr entfernen. Und noch etwas passierte an diesem Tag: ich erhielt eine Mail von einem von jenen, die sich in einer NGO engagieren, aufs Mittelmeer rausfahren und Ertrinkende vor dem sicheren Tod zu retten versuchen. Und die für ihr Tun nun in diesem Jahr möglicherweise mit einem Prozess rechnen müssen. Hendrik Simon, so der Name dieses ehrenamtlichen Seenotretters, wollte zum Ende des Jahres noch einmal seine Geschichte erzählen. Ich erfuhr, dass er dies auch in Form von Vorträgen und Infoständen im Rahmen von Feine Sahne Fischfilet-Konzerten tat. Mich interessierte seine Geschichte, da mir persönlich bei der Art und Weise, wie Flüchtlinge und Seenotrettern behandelt werden, sehr regelmäßig – verzeiht bitte den Ausdruck – der Arsch platzt! Anstatt dass wir die Ursachen von Flucht angehen – ich denke da an Waffenexporte oder so was – planieren wir also lieber die, die losfahren und Menschenleben retten! Bevor ich mich da weiter reinsteigere, lasse ich nachfolgend lieber Hendrik zu Wort kommen.

FOTO: RUBEN NEUGEBAUER.

Erzähl uns ein bisschen was von Dir. Was machst Du im bürgerlichen Leben und vor allem: wie kamst Du dazu, mit einem Schiff über das Meer zu fahren und Flüchtlinge zu retten? Ein paar Euro zu spenden, das fiele sicher vielen Deutschen ein, aber sich so zu engagieren, das ist doch leider eher die Ausnahme. Gab es ein Schlüsselerlebnis, das als Auslöser diente?

Im normalen Leben bin ich freiberuflicher Informatiker und schon relativ lange in verschiedenen Kontexten politisch aktiv. Im Winter 2015 haben mich Freunde gefragt, ob ich für ihre NGO Cadus nach Lesvos kommen könnte, um dort das RHIB [Rigid-Hulled Inflatable Boat, Anm.d.Red.]zu fahren, das sie zur Rettung von Flüchtenden eingesetzt haben. Die Route Türkei – Griechenland war zu dieser Zeit die am stärksten frequentierte, weil die Strecke einfach sehr kurz ist. Knapp sieben Kilometer sind es an der kürzesten Stelle zwischen Lesvos und dem türkischen Festland. Trotzdem starben dort viele Menschen, weil die Boote überfüllt oder untauglich waren. Die  Rettungswesten wurden oftmals auf dem Schwarzmarkt gekauft und waren aus Material gefertigt, das keine Auftriebshilfe war, sondern die Menschen eher noch hinabzog.

Die griechischen Behörden waren mit der massiven Zahl der Ankünfte überfordert und so haben sich verschiedene NGOs gefunden, die dort unterstützt haben. Mit Logistik und medizinischer Versorgung an Land, aber auch auf dem Wasser, wo Boote mit Flüchtenden zur sicheren Landung begleitet wurden oder Menschen von sinkenden Booten gerettet wurden. Cadus hatte in Kooperation mit Sea Watch ein Boot, das genau das gemacht hat. Meine Freunde wussten, dass ich ganz gut mit solchen Booten umgehen konnte und haben mich gefragt. Leider hatte ich zu dem Zeitpunkt keine Zeit. Das war im Sommer 2016 anders.

Der EU-Türkei-Deal war verabschiedet und die türkische Seite sorgte dafür, dass die Anzahl der Ankünfte massiv sank. Viele NGOs in der Ägäis stellten daraufhin ihre Arbeit auf dem Wasser ein, auch weil ihnen von den Behörden immer mehr Steine in den Weg gelegt wurden.

Zu diesem Zeitpunkt betrieb Cadus zusammen mit einer anderen NGO die Minden, einen ehemaligen Seenotrettungskreuzer aus der Nordsee, auf der zentralen Mittelmeerroute. Hier wurde ebenfalls ein RHIB-Fahrer benötigt, ich hatte Zeit und musste nicht lange überlegen. Als Freiberufler kann ich meine Zeit relativ frei einteilen und habe das Privileg, einfach mal sagen zu können, ich fahre da jetzt drei Wochen runter. Außerdem hatte ich Fähigkeiten, die dort benötigt wurden. Da war es für mich das Selbstverständlichste in einer Situation, wo Menschen sterben und ich einen – wenn auch nur kleinen – Unterschied machen kann, da hinzufahren und das zu machen.

FOTO: SOLIDARITY AT SEA.

Mit welchem Schiff warst Du unterwegs? Und wie lange? Wie sah Euer Leben an Bord bzw. Eure Einsätze aus?

Ich war seit 2016 in insgesamt sechs Einsätzen im zentralen Mittelmeer unterwegs. 2016 auf der Minden, ein kleines Schiff, gerade mal knapp über 23 Meter lang und nur für sechs Personen Besatzung ausgelegt. 2017 dann auf der IUVENTA, etwas größer mit einer Crew von bis zu 16 Menschen an Bord und 2018 dann auf der Sea Watch 3, ein knapp 50 Meter langes Schiff mit bis zu 22 Personen Besatzung.

Die Einsätze auf der Minden und der IUVENTA dauerten in der Regel 14 Tage, von denen wir bis zu zehn Tage im Einsatzgebiet vor der libyschen Küste patrouilliert sind. Die restlichen Tage wurden für Übergabe und ausführliche Trainings genutzt. Auf der Sea Watch 3 dauerten die Einsätze etwas länger – bis zu drei Wochen – einfach aufgrund des anderen Einsatzkonzeptes.

Die kleineren Schiffe waren ständig im Einsatzgebiet und sicherten Fluchtboote vor allem ab. Das heißt, wurde eines gefunden, wurden zunächst Rettungswesten ausgeteilt, damit im Falle des Sinkens alle eine Auftriebshilfe haben. Dann wurde sich um die medizinischen Notfälle gekümmert. Die wurden, wenn nötig, an Bord unseres Schiffes versorgt. Dafür hatten wir eine Krankenstation sowie eine*n Arzt / Ärztin und ein*e Krankenpfleger*in an Bord. In Notfällen wurden auch mal alle Menschen aus einem Boot an Bord genommen, allerdings immer nur temporär zur Stabilisierung der Lage. Die kleinen Schiffe waren nicht dafür ausgelegt, große Gruppen von Menschen zu transportieren. Während wir mit dem RHIB mit dem Austeilen der Rettungswesten beschäftigt waren, versuchten unsere Einsatzleiter*innen über die Seenotrettungsleitstelle in Rom (IMRCC) größere Schiffe zu finden, die in der Lage sind, die Menschen nach Italien zu transportieren. Dies waren häufig Schiffe anderer NGOs, der italienischen Küstenwache, Militär- oder Handelsschiffe. Wenn sich ein Schiff gefunden hatte, haben wir die Flüchtenden dort an Bord gebracht und uns auf den nächsten Einsatztag vorbereitet. Das heißt, das Deck aufgeräumt und geputzt, die Rettungswesten geordnet und verstaut und das RHIB wieder einsatzfähig gemacht.

Auf der Sea Watch 3 waren die Abläufe etwas anders, weil sie zu den größeren Schiffen zählt, die Menschen nach Italien bringen können. Dort haben wir zunächst auch immer versucht, die Menschen an andere Schiffe zu übergeben, die sowieso auf dem Weg nach Italien waren, um weiter im Einsatzgebiet bleiben zu können. In der Regel wurde uns allerdings vom IMRCC ein sicherer Hafen in Sizilien zugewiesen, wohin wir dann bis zu 36 Stunden mit den Menschen an Bord unterwegs waren. In dieser Zeit haben wir versucht, den Aufenthalt der Flüchtenden bei uns an Bord so angenehm wie möglich zu gestalten. Sie sollten möglichst einen Moment der Ruhe haben zwischen der Hölle, die sie durchgemacht hatten und dem Lagersystem, das auf sie wartete.

FOTO: FEDRICO SUTERA.

Wo befindet sich die IUVENTA jetzt?

Die IUVENTA liegt derzeit beschlagnahmt in Trapani, Sizilien, Italien. Sie wurde am 02.08.2017 auf Lampedusa von den italienischen Behörden beschlagnahmt und dann zeitnah nach Trapani gebracht, wo sie bis heute an der Kette liegt und nicht mehr für Rettungseinsätze im Mittelmeer genutzt werden kann.

In einer Zeit, wo jedes Rettungsschiff gebraucht wird und die Todesrate so hoch ist, wie nie zuvor, ist das natürlich ein unerträglicher Zustand. Hier wird durch staatliche Eingriffe aktiv die Rettung von Menschenleben verhindert.

FOTO: TOMMASO GANDINI.

Du hast mir in einer ersten Mail erzählt, gegen Dich und neun andere Crew-Mitglieder würden Ermittlungen wegen „Beihilfe zur illegalen Einwanderung“ laufen. Wie akut ist die Gefahr, dafür tatsächlich belangt zu werden? Wo befindest Du Dich gerade? Und wie hoch kann das Strafmaß im schlimmsten Fall ausfallen?

Zehn ehemalige Crew-Mitglieder der IUVENTA wurden im Juni 2018 von der italienischen Staatsanwaltschaft darüber informiert, dass gegen sie ermittelt wird. Der Vorwurf lautet „Beihilfe zur illegalen Einwanderung“ und das maximale Strafmaß in Italien sind hierfür bis zu zwanzig Jahre Gefängnis und horrende Geldstrafen.

Aktuell sind es „nur“ Ermittlungen, eine Anklage ist noch nicht erhoben worden. Allerdings gehen unsere italienischen Anwälte fest davon aus, dass diese noch in diesem Jahr kommen wird.

In unserer persönlichen Freiheit sind wir erstmal nicht unmittelbar eingeschränkt. Allerdings haben unsere Anwälte uns geraten, bis auf weiteres an keinen Einsätzen im zentralen Mittelmeer teilzunehmen, da dies die Gefahr einer Untersuchungshaft in Italien mit sich bringen könnte.

FOTO: TOMMASO GANDINI.

Wann wird verhandelt, wer verteidigt Dich und Deine Mitstreiter?

 Wie gesagt, eine Anklage gibt es noch nicht und auch ein Termin für eine Verhandlung ist noch nicht bekannt. Im Januar sollen die beschlagnahmten elektronischen Geräte ausgelesen werden, danach wird es vermutlich konkreter.

Wir haben zwei Anwälte in Italien, Nicola Canestrini und Allessandro Gamberini, der auch Mitglieder der spanischen NGO „Proactiva Open Arms“ verteidigt, gegen die in Italien wegen ähnlicher Vorwürfe ermittelt wird.

Die Geschichte der Lifeline und ihrer Besatzung ging groß durch die Medien, Prominente wie Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf starteten umgehend Spendenkampagnen zugunsten der Lifeline bzw. generell zur Rettung in Seenot Geratener. Hat das auf Eure Arbeit irgendeinen Effekt gehabt?

 Zunächst mal gibt uns die in diesem Zeitraum entstandene Bewegung der „Seebrücke“ unglaublich viel Kraft. Uns freut der lange Atem sehr und auf zivilgesellschaftlicher Ebene hat sie sicherlich viel bewirkt. Die konkreten Auswirkungen auf die offizielle Politik müssen sich erst noch zeigen. Zumindest einige symbolische Erfolge konnten hier verzeichnet werden. Viele Städte haben sich zu sicheren Häfen und damit ihre Bereitschaft erklärt, Menschen aufzunehmen, die aus Seenot gerettet wurden. Die endgültige Entscheidung liegt leider beim Innenministerium und damit bei Horst Seehofer. Die Problematik zeigt sich ja gerade am Fall der Sea Watch 3, die seit Tagen mit 32 Geretteten im Mittelmeer unterwegs ist und keinen sicheren Hafen zugewiesen bekommt. Berlin hat sich bereit erklärt, die Menschen aufzunehmen, kann aber nichts machen, solange es nicht die Einwilligung des Innenministeriums gibt.

Insgesamt gibt uns diese große zivilgesellschaftliche Bewegungaber einen großen Rückhalt und lässt uns auch mit Hoffnung in die Zukunft blicken.

FOTO: TOMMASO GANDINI.

Ihr werdet in Italien angeklagt, der Prozess und dessen Ausgang wird möglicherweise großen Einfluss darauf haben, wie wir in Europa künftig mit Flüchtlingen umgehen. Wie ist die Stimmung in Italien? Kannst Du dazu was sagen? Oftmals weiß man ja nur das, was einem Spiegel, Zeit, FAZ und Co. Berichten.

 Wir haben natürlich enge Kontakte nach Italien, unter anderem, weil die Stimmung dort sehr wichtig für den Ausgang unseres Prozesses ist. Man kann glaube ich schon sagen, dass Italien ein gespaltenes Land ist. Es gibt eine große soziale Bewegung, die in letzter Zeit auch vermehrt auf die Straßen geht. In Rom gab es eine italienische Variante der #unteilbar-Demo,  „indivisible“, da waren über 100.000 Menschen auf der Straße, die größte Demo in Rom seit 2011.

Gleichzeitig ist aber auch der Verfolgungsdruck für Akteur*innen in sozialen Bewegungen unmittelbarer. Ein Beispiel hierfür ist der Fall des Bürgermeisters von Riace, der von Salvini des Amtes enthoben wurde, weil er eine vorbildliche Politik für Geflüchtete gemacht hat. Und das gerade verabschiedete „Decreto Salvini“ ist eine weitere Zuspitzung, die sich nicht nur gegen Geflüchtete richtet, sondern gegen alle Aktivist*innen.

Trotzdem werden es die fortschrittlichen sozialen Bewegungen hoffentlich schaffen, den vorherrschenden Diskurs der gerade von rechtsaußen diktiert wird, wieder in eine andere Richtung zu drehen.

FOTO: SOLIDARITY AT SEA.

Woher kamen die Menschen, die Ihr gerettet habt? Nur aus Libyen? Oder war das auch für andere Flüchtende das Tor, vielleicht nach Europa hinzugelangen? Wie waren die Gruppen durchmischt? Eher Männer oder eher Frauen und Kinder?

 

Libyen ist seit dem Sturz Gaddafis das Tor nach Europa geworden, weil andere Routen deutlich schwieriger waren. Es gibt für die allermeisten Menschen keine sicheren, legalen Einreisewege nach Europa, deswegen sind sie gezwungen, auf die „Dienste“ von Schleppernetzwerken zurückzugreifen, die ihnen unsägliche Gewalt antun, sie versklaven und bei der Überfahrt nach Europa lebensgefährlichen Bedingungen aussetzen.

Über die letzten zwanzig Jahre haben sich die Fluchtbewegungen immer wieder verschoben und das war in den allermeisten Fällen das Ergebnis europäischer Interventionen. Ende der 90er, Anfang der 2000er war die Hauptroute von Afrika nach Europa die westliche Route auf die Kanaren, nach Südspanien oder in die spanischen Enklaven in Marokko, Ceuta und Melilla. Europa hat versucht sie zu schließen und die Routen haben sich verlagert. Für Gaddafi waren die Geflüchteten immer ein Druckmittel gegenüber Europa um Geld zu erpressen. Andererseits war Libyen unter Gaddafi auch ein Ziel von Arbeitsmigration innerhalb des Kontinents. Nach seinem Sturz gibt es bis heute keine funktionierende Regierung, die in der Lage ist, die Küsten ernsthaft zu kontrollieren. Das tun Milizen, die sich dann libysche Küstenwache nennen und von Europa dafür belohnt werden, wenn möglichst wenig Menschen es bis nach Europa schaffen. Dass diese Milizen aber auch im  Menschenschmuggel tätig sind und somit häufig auf beiden Seiten verdienen, wird dabei völlig außer acht gelassen. Sie stecken Menschen in Lager, foltern sie, während ihre Angehörigen am Telefon zuhören müssen, um Lösegeld zu erpressen. Wenn nichts mehr zu holen ist, werden sie auf Boote gesetzt, die dann von der sogenannten libyschen Küstenwache zurückgeholt werden und der Kreislauf geht für die Menschen von vorne los.

Die Menschen, denen wir begegnet sind, kamen aus vielen verschiedenen Ländern. Viele afrikanische Länder südlich der Sahara waren vertreten, vor allem Eritrea und Nigeria, aber auch Menschen aus Bangladesch oder Syrien. Direkt aus Libyen kamen die wenigsten. Wir hatten auch sehr gemischte Gruppen von Männern, Frauen und Kindern.

FOTO: RUBEN NEUGEBAUER.

Seenotrettern wie Euch, die Flüchtlingen helfen, wird immer wieder unterstellt, sie würden Schlepperbanden durch ihre Arbeit unterstützen. Wie beurteilst Du das? Habt Ihr mit Schleppern zu tun gehabt? Wenn ja, in welcher Form?

Wir haben nie mit Schleppern zusammengearbeitet. Das ist ein vollkommen absurder Vorwurf, der von rechtsextremen Gruppen in Europa erfunden und zuerst verbreitet und von rechts-konservativen Politikern und Medien dankbar aufgegriffen wurde. Nur weil es ständig wiederholt wird, stimmt es aber noch lange nicht. Die Menschen werden durch die europäische Politik erst dazu gezwungen, überhaupt die Dienste solcher Schlepper in Anspruch nehmen zu müssen. Ich persönlich habe nichts für Menschen über, die aus der Not und Verzweiflung anderer Profit schlagen, sie foltern und versklaven. Das sind Verbrecher, die Menschen unsägliche Gewalt antun und sie auf dem Wasser dem sicheren Tod ausliefern. Dass es diese Netzwerke überhaupt gibt, liegt doch aber daran, dass die Flüchtenden keine anderen Optionen haben, nach Europa zu kommen. Wenn es den Menschen möglich wäre, einfach in ein Flugzeug zu steigen, wäre das Geschäftsmodell der Schlepper ganz schnell vorbei!

FOTO: KENNY KARPOV.

Gab es Situationen, in denen Ihr nicht mehr rechtzeitig helfen konntet? Wie gehst Du damit um? Oder mit dem Leid und Elend auf den Gesichtern der Geretteten. Ich kann mir vorstellen, dass einen das noch im Schlaf verfolgt.

Wir haben mal in einem psychologischen Briefing besprochen, dass wir uns vorstellen müssen, die Menschen, die auf die Boote steigen seien bereits tot und wenn wir sie finden und retten holen wir sie quasi ins Leben zurück. Das macht den Umgang mit Situationen, in denen wir zu spät kamen, etwas einfacher. Trotzdem ist es natürlich immer wieder eine schreckliche Erfahrung, mit dem Tod konfrontiert zu sein. Das passiert leider häufig bei solchen Einsätzen, weil die Menschen einfach bereits entkräftet auf die völlig überfüllten Boote steigen.

Sie sitzen dann stundenlang in einem Boot in dem knöcheltief Salzwasser steht, das sich mit Benzin vermischt, das aus den offenen Kanistern schwappt. Diese Mischung ergibt eine Säure, die Beine und Unterkörper derart verätzt, dass sich teilweise die Haut einfach abziehen lässt. Das sind sehr, sehr schreckliche Bilder, die man da zu sehen kriegt und es dauert, das zu verarbeiten.

FOTO: BASTIAN BOCHINSKI (www.instagram.com/bastianbochinski).

Du bist momentan quasi Teil des „Vorprogramms“ von Feine Sahne Fischfilet und als solches mit Vorträgen und Infoständen mit der Band unterwegs. Wie kam es dazu? Und wie können wir uns das vorstellen? Stehst Du auf der großen Bühne, ehe die Band loslegt? Wie ist die Resonanz?

Wir haben Feine Sahne Fischfilet die ganze Tour über begleitet und vor jedem Konzert Vorträge mit dem Titel „Flucht als Verbrechen“ gehalten. Die Band hatte über persönliche Kontakte von uns und unserer Arbeit erfahren und Monchi war dann auch im September auf der „Mare Liberum“ in Griechenland und hat uns dort besucht, um unsere Arbeit und die Situation vor Ort mal direkt kennenzulernen. Mit dem Schiff des gleichnamigen Vereins machen wir Menschenrechtsbeobachtung in der Ägäis.

Wir haben die Vorträge immer ortsnah vor dem Einlass zum Konzert in einem separaten Raum gehalten. Während des Konzerts hatten wir dann einen Infostand neben dem Merch von Feine Sahne. Die Resonanz war durchweg positiv. Sowohl bei den Vorträgen, zu denen teilweise bis zu 120 Menschen kamen, als auch beim Infostand, wo wir oft bis weit nach Konzertende mit Menschen ins Gespräch kamen.

FOTO: BASTIAN BOCHINSKI (www.instagram.com/bastianbochinski).

Wenn man die Medien verfolgt gewinnt man sehr schnell den Eindruck, die Deutschen und der Rest von Europa würden (wieder) massiv nach Rechts abrutschen. In der Filterblase, in der ich mich aufhalte, befinden sich aber fast ausschließlich Leute, die die AfD ablehnen und die Ansicht vertreten, dass Flüchtlingen geholfen werden muss – schließlich sind unsere Waffenexporte an der Situation ja mitschuldig – und dass Zuwanderung eine Bereicherung unserer Kultur darstellen kann. Diese „Gutmenschen“ eben, von denen man immer hört. Wie siehst Du das? Stehen die Zeichen wirklich schon so sehr auf 5 vor 12 oder besteht Hoffnung (wie das #wirsindmehr-Konzert in Chemnitz beispielsweise glauben lässt)?

Die offizielle Politik in Europa gleitet tatsächlich gerade nach rechts. Das hat sicherlich verschiedene Gründe und auch Medien sind daran nicht unschuldig. Die von rechtsaußen diktierten Themen werden einfach viel zu häufig übernommen. Es gibt wahnsinnig viele Berichte über die Probleme, die Migration angeblich mit sich bringt, statt mal über die Themen zu berichten, die wirklich viele Menschen betreffen, wie der Abbau des Sozialstaats, steigende Mieten oder wachsende soziale Ungleichheit. Nichts davon hat irgendeinen Bezug zu Migration, dennoch wird schwerpunktmäßig immer wieder über Letztere berichtet.

Es sieht zwar gerade alles ziemlich mies aus, aber gerade so etwas wie die Seebrücke oder die #unteilbar-Demo in Berlin zeigen doch, dass es auch eine große Zivilgesellschaft gibt, die nicht bereit ist zu schweigen und sich einem Rechtsruck hinzugeben. Das stimmt mich hoffnungsvoll.

FOTO: BASTIAN BOCHINSKI (www.instagram.com/bastianbochinski).

Was wünschst Du Dir von der Politik allgemein und unserer Regierung besonders?

Zunächst einmal, dass sie sich an geltendes recht halten. Das wird leider gerade von den Staaten der EU unter anderem im Mittelmeer massiv gebrochen. Ich habe aber ehrlich gesagt von der offiziellen Politik oder Regierungen noch nie viel erwartet. Wenn etwas verändert werden soll muss man das selber machen.

FOTO: SOLIDARITY AT SEA.

Wie kann Dir und Deinen Kollegen geholfen werden?

Wir brauchen Öffentlichkeit, Solidarität, Unterstützung und Geld. Ein großes Anliegen ist uns aber auch, dass diejenigen Unterstützung erfahren, die es bis hierher geschafft haben, die Geflüchteten. Sie sind alltäglich von Rassismus und Kriminalisierung betroffen, während dies bei uns eher die Ausnahme ist.

Wenn Du nur einen einzigen Satz an die Menschen auf der anderen Seite des Bildschirms richten könntest – wie würde er lauten?

Geht raus und werdet aktiv!


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  • Rückblickend betrachtet hat mir das Museum irgendwie besser gefallen als...
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